Wall Street Poker reloaded (II): Geburt der Hypothekenpapiere und Regierungserpressung in den 80ern

by Dirk Elsner on 15. Januar 2013

Ich hatte ja bereits am vergangenen Donnerstag in einem Beitrag über das 1989 erschienene Buch von Michael Lewis „Wall Street Poker“ geschrieben. In Lewis Buch erhält man auch Einblicke in die Frühzeit, um nicht zu sagen in die Geburt der hypothekenunterlegte Wertpapiere. Sehr ausführlich stellt Lewis nämlich dar, wie man bei Salomon Anleihen entwickelte und vermarkte, die mit Hypotheken besichert waren. Diese lebendige Darstellung ist für das Verständnis der Hintergründe der letzten Finanzkrise sehr interessant, zumal bereits in den 8oer Jahren durch die US-Regierung der Grundstein gelegt wurde, diese Papiere, deren Nachfolger in den 2000er Jahren den Zusammenbruch der Finanzindustrie förderten, zu fördern.

Geburt der Hypothekenpapiere

In diesem Zusammenhang schildert Lewis ziemlich plastisch, wie innovationsfeindlich die Wall Street eigentlich ist. Bei Salomon fiel einigen cleveren Händlern zwar frühzeitig auf, dass in den USA ein Immobilienboom einsetzte, von dem man profitieren könnte, wenn man den Sparkassen und anderen lokalen Banken die Hypotheken abkaufte, die Zahlungsströme in Anleihen bündelte und diese dann in Anleihen packte. Kaum einer glaubte damals jedoch an das Geschäft und viele Konkurrenten amüsierten sich über Salomon. Mitarbeiter, die damals an den Hypothekentisch versetzt wurden, fühlten sich sogar strafversetzt, und es dauerte einige Jahre bis das Geschäft ins Rollen kam. Aber durch die staatlichen Garantien für bonitätsmäßig problematische Kredite entwickelte sich das Geschäft irgendwann zu einer geschäftlichen Rakete für Salomon. Die Hypothekenhändler wurden zu den “Helden” der Wall Street. Freilich machte das Management von Salomon nach der Darstellung von Lewis dann diverse Fehler, verlor viele Mitarbeiter und andere Banken machten das, was sie am liebsten machen: Sie kopierten sehr erfolgreich das Modell von Salomon und warben Mitarbeiter ab.

Erpressung“ des Staates

Auch das Thema „Erpressung“ des Staates im Krisenfalle spielte in den 8er Jahren eine Rolle. Damals setzten einige Institute kurz nach dem Oktober-Crash 1987 die Bank von England unter Druck, Aktien von BP, die ein Konsortium eigentlich auf eigenes Risiko verkaufen sollte. Lewis beschreibt das so:

„Einer der leitenden Manager aus London nahm mich allen Ernstes beiseite, um im Rollenspiel ein Argument einzuüben, das er der Bank of England vortragen wollte. Er hatte die Gesamtsumme der Verluste der Konsortialbanken ausgerechnet, die BP platzieren sollen: 700 Mio. Dollar. Er sagte, dass das Finanzsystem der Welt diesen Kapitalfluss vielleicht nicht aushalten würde. Eine weitere Panik könnte die Folge sein. Richtig? Erstaunlich. Er trachtet so verzweifelt danach, den Verlust zu vermeiden, dass er, so schien es mir, seine Lüge wirklich glaubte. Sicher, warum nicht? Sagte ich, man kann es immerhin versuchen. Im Grundes dies ein alter Trick. Mein Boss wollt der britischen Regierung mit einem weiteren Crash auf dem Aktienmarkt drohen, wenn sie ihre Ölfirma nicht wieder zurücknähme (Anmerkung für alle Regierungsmitglieder: Nehmt euch in acht vor Wall-Street-Leuten, die mit einem Crash drohen. Sie neigen dazu, dies immer dann zu tun, wenn man ihnen ins Gehege kommt. Aber sie können ebenso wenig einen Crash verursachen, wie sie ihn verhindern können.“

Wie wir wissen, haben die Regierungen 21 Jahre später nach der Lehman-Pleite sich nicht mehr an Lewis erinnert. Schade eigentlich. Man vergleiche aber die oben stehende Aussage mit einer Formulierung von Christian Siedenbiedel in der FAS 2011, in dem es um die Umschuldung Griechenlands ging:

“Die Banken drohen und tricksen – um den zweiten Weg [Anm.: Verzicht auf Umschuldung] zu erreichen. Ihre Taktik: die Umschuldung zum Tabu erklären. Bankchefs und Lobbyisten übertreiben bei jeder Gelegenheit die negativen Folgen eins solchen Schrittes. Sie warnen vor einem “Chaos wie nach Lehman”. Zugleich drohen die Banken wie in der Finanzkrise mit der eigenen kollektiven Insolvenz: “Hohe systematische Risiken” nennt das der Bankenverband.”

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