Taleb zu unser Neigung zur Beweislastumkehr

by Dirk Elsner on 27. Mai 2013

Mein Urlaub geht mit dem heutigen Tag zu Ende. Vor und während meines Urlaubs habe ich “Antifragilität”, das neue Buch von Nassim Nicholas Taleb gelesen. Taleb schreibt verschwurbelt und mit einer fast unerträglichen Arroganz. Außer Taleb scheint Taleb nur eine Person wirklich für ihr Lebenswerk zu bewundern: Taleb selbst. Trotz dieser Schwächen (dazu die negative Rezension der FAZ) liefert das Buch eine Fülle interessanter Gedanken (dazu die positive Bewertung der SZ), von denen ich sicher noch in vielen Beiträgen etwas verarbeiten werde.

Um Taleb wirklich verständlich zu machen bedarf es wohl noch eines Interpreten,  der die wichtigsten Gedanken seiner Bücher und seiner begleitenden Fachaufsätze um persönliche Anekdoten und Hasstiraden gegen Banker, Ökonomen, Politiker, Unternehmensberater, Analysten, Medizinern und anderen “Fragilisten” bereinigt. Das ist überflüssig und vernebelt leider viele seiner spannenden Kerngedanken.

Jedenfalls befasst sich Taleb in Kapitel 21 mit dem Phänomen der Umkehrung der Beweislast, wenn wir wider die Natur intervenieren wollen, weil wir bzw. Wissenschaftler, andere Experten oder Politiker glauben, es besser zu wissen.

Taleb stört sich daran, dass wir bei Kosten-Nutzen-Erwägungen für Interventionen meist von trügerischen Situationen ausgehen, in der die Vorteile klein und sichtbar sind, die Nachteile und Kosten hingegen sehr groß und erst verzögert erkennbar, also versteckt sind. Er nennt solche Beobachtungen übrigens negative Konvexitätseffekte. Wir neigen dazu Interventionen zuzustimmen, wenn kurzfristig positive Effekte zu erzielen sind und die negativen Effekte erst später auftauchen und schwer messbar sind.

Leider führt er diese Gedanken nicht an Beispielen aus der Wirtschaft aus, sondern an der Medizin bzw. Biologie. In den vielen medizinischen Beispielen können die potenziellen Schäden (=Kosten ) viel höher sein als der kumulativen Nutzen (= Gewinne). Ihn stört es, wenn man bestimmte Verhaltensweisen wider der Natur kritisiert, dass dann von der Beführwortern der Eingriffe nach “Beweisen für die Schädlichkeit” der Interventionen gefragt wird. Taleb geht es also um eine Art “Haben Sie einen Beweise-Täuschung”, bei der der Umstand, dass bislang kein Beweis für Schädlichkeit vorliegt, damit verwechselt wird, dass es keinen Beweis für eine Schädlichkeit gibt. Das, so Taleb, läuft “auf den Irrtum hinaus,  das Fehlen eines Beweises mit dem Beweis für ein Fehlen zu verwechseln – ein Irrtum, der schlauen und gebildeten Leuten häufig unterläuft.”

Taleb schreibt:

“Die Evolution bewegt sich durch richtungslose, konvexe Bricolage vorwärts, durch in sich robustes Tüfteln, das heißt durch die Erzielung potentieller zufälliger Gewinne dank ständiger, wiederholter, kleiner, lokal begrenzter Fehler. Mit unserer befehlsgesteuerten Top-down-Wissenschaft sind wir Menschen genau umgekehrt vorgegangen: Unsere Interventionen sind belastet mit negativen Konvexitätseffekten, das heißt, wir haben es zu kleinen, sicheren Gewinnen gebracht, indem wir uns massiven potentiellen Fehlern ausgesetzt haben. Unsere Verstehensbilanz, wenn es um Risiken in komplexen Systemen geht (in der Biologie, im Wirtschaftswesen, beim Klima), ist bis heute erbärmlich und gespickt mit retrospektiven Verzerrungen (wir verstehen Risiken immer erst, nachdem eine Katastrophe stattgefunden hat, machen aber immer wieder denselben Fehler), und es gibt nichts, was mich davon überzeugen könnte, dass wir im Bereich Risikomanagement besser geworden wären.  …

Wenn es in der Natur ein Phänomen gibt, das wir nicht verstehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es auf einer höheren Ebene, die sich unserem Verstehen entzieht, durchaus sinnvoll ist. Es gibt in der Natur eine Logik, die der unseren weit überlegen ist. Aus der Rechtsprechung kennt man die Dichotomie: unschuldig bis zum Beweis der Schuld, im Gegensatz zu schuldig bis zum Beweis der Unschuld; in Anlehnung daran würde ich als Regel formulieren: Was Mutter Natur tut, ist sinnvoll, bis das Gegenteil bewiesen ist; das, was die Menschen, die Wissenschaften tun, ist fehlerträchtig, bis das Gegenteil bewiesen ist. … Wer sich über die Natur hinwegsetzt, braucht dafür einen äußerst triftigen Grund – und nicht, wie es normalerweise verlangt wird, derjenige, der natürliche Prozesse respektiert. Die Natur auf dem Feld der Statistik zu schlagen, dürfte äußerst schwerfallen.”

Taleb geht es also darum, das Prinzip der Beweislast wieder zurecht zu rücken. Politiker oder Institutionen, die sozusagen „künstlich“ eingreifen müssen zeigen, dass ihre Eingriffw auch langfristig nicht schädlich sind. Es dürfte interessant sein, die Gedanken dieses Prinzip auf wirtschafts- und geldpolitische Interventionen anzuwenden.

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