Tina – Königin der Krise

by Gastbeitrag on 29. Mai 2013

Gastbeitrag von Wolfram Bernhardt*

Schon längst hat die Krise die Bundeskanzlerin dazu gebracht, das Zepter an Tina abzugeben. Dabei vergisst sie, dass Tina in Zeiten der Not keine gute Ratgeberin ist, wie uns ein Aktienhändler aus Singapur berichten kann oder uns dies ein japanischer Zugführer bescheinigen würde – wenn Letzterer noch am Leben wäre. Dass die Tina-Rhetorik auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zwar noch Beifall erntet, den Fußsoldaten jedoch misstrauisch stimmen sollte, davon handelt der folgende Artikel.

Im Jahr 1762 gründeten die Brüder John und Francis Baring in London die John & Francis Baring Company. Zunächst noch ein Handelsunternehmen, konzentrierte sich die Company schon nach wenigen Jahren immer mehr auf Finanzgeschäfte und war bald nur noch als Barings Bank bekannt. Im Lauf der Jahrhunderte finanzierte die Bank (indirekt) den Krieg von Napoleon gegen England, war von 1843 bis 1871 exklusiver Partner der US-Regierung bei Finanzgeschäften, ging in der Bankenkrise von 1890 beinahe pleite, wurde im 20. Jahrhundert zur wichtigsten Bank für das englische Königshaus und half der britischen Regierung im Zweiten Weltkrieg bei der Kriegsfinanzierung. Man könnte meinen, dass eine Bank mit solchen Erfahrungen und Verbindungen für die Ewigkeit aufgestellt sein sollte. Jedoch endete die Ewigkeit in diesem Fall am 23. Februar 1995. Denn an diesem Tag gestand ein Angestellter, dem die Abwicklung und Kontrolle der Handelsgeschäfte der Bank in Singapur unterstand, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Peter Baring, dass er sich verspekuliert hatte. Drei Tage später musste die Bank Insolvenz anmelden, da die Fehlspekulation des Angestellten Nick Leeson die Bank 1,3 Milliarden US-Dollar gekostet hatte – eine Summe, die selbst für ein Traditionshaus wie dieses nicht zu verschmerzen war. Wie konnte es zu solch einem Unglück kommen?

Andere Zeit, anderer Ort, anderes Schicksal: Am 25. April 2005 entgleiste um 9:19 Uhr örtlicher Zeit in einer Kurve zwischen den Stationen Tsukaguchi und Amagasaki ein japanischer Nahverkehrszug. Der Zug krachte mit solcher Wucht in ein neunstöckiges Wohnhaus neben den Gleisen, dass die ersten zwei Waggons komplett im Wohnhaus verschwanden und der Zug erst zum Halten kam, als der erste Waggon die Wand der Garage im Erdgeschoss durchbrach. Von den rund 700 Passagieren wurden 562 verletzt, inklusive des 23-jährigen Zugführers Ryūjirō Takami starben 107 Personen. Wie konnte dieses Unglück geschehen?

Gestatten: Tina – die mächtigste Frau der Welt

Auch wenn es zunächst weit hergeholt erscheinen mag, haben die Schicksale von Nick Leeson und Ryūjirō Takami viel mit der heutigen Situation unserer Gesellschaft zu tun. Und es ist – wen wundert’s – eine Frau, welche die Schicksale der beiden Männer verbindet. Sie kommt mit dem harmlosen Namen Tina daher und ist bereits seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts bekannt und gefürchtet, weil sich damals die britische Premierministerin Margaret Thatcher immer wieder auf sie berief, um ihre Politik durchzusetzen: „There is no alternative.“ Seitdem hat sie nichts von ihrer Macht eingebüßt. So sprach im Jahr 2010 der Leiter des Ressorts für Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, der deutschen Bundeskanzlerin den Titel der mächtigsten Frau ab, da sie sich Tina untergeordnet habe. Und der Politikwissenschaftler Elmar Altvater schrieb in der französischen Monatszeitung Le Monde diplomatique: „Der Fiskalpakt hat auf dem Eurogipfel vom Mai 2012 eine Ewigkeitsgarantie erhalten. ‚There is no alternative’ gebietet die neoliberale Religion durch den Mund ihrer Hohepriester. Kein Parlament, kein Souverän ist souverän genug, um den Pakt zu lockern und ein Minimum wirtschaftspolitischer Transparenz oder Flexibilität durchzusetzen. Wenn man Politik als Fähigkeit zur alternativen Gestaltung gesellschaftlicher Zukünfte sieht, ist der Euroraum heute auf einen antipolitischen, autoritären Pfad gedrängt.“

Der Handlungsoptionen scheint es immer weniger zu geben. Dies beunruhigt umso mehr, da wir doch wissen, was geschehen kann, wenn man sich einer Ideologie völlig unterwirft und keinerlei Alternativen mehr zulässt: Irgendwann kann mittels dieser Logik sogar ein totaler Krieg gerechtfertigt werden. Gott sei Dank ist heute in Europa ein Krieg nicht mehr so leicht vom Zaun zu brechen. Aber auch die heutige Ideologie führt, wie Elmar Altvater im obigen Zitat zum Ausdruck bringt, zu einer totalen Unterordnung – und zwar unter die Regeln des Fiskalpakts. Sprich: Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit auf der einen und Austerität auf der anderen Seite. Nur durch eine solche Unterordnung könne man wieder zur Normalität finden. Ohne Angela Merkel, Nick Leeson oder Ryūjirō Takami in einen Topf mit Adolf Hitler und seinen Schergen werfen zu wollen, weisen ihre Handlungsmuster doch eine strukturelle Ähnlichkeit auf: Die genannten Personen manövrierten sich in eine Situation hinein, in der sie ihre Handlungsfähigkeit mehr und mehr einer vermeintlichen Alternativlosigkeit opferten.

Systemzwang?

Beispiel Nick Leeson: Als der Angestellte der Barings Bank das interne Verrechnungskonto mit der Nummer 88888 eröffnete, tat er dies, um Verluste in Höhe von 20.000 Pfund vor der Zentrale in London zu verstecken. Leeson handelte im Glauben, dass 20.000 Pfund eine Summe darstellen, die man irgendwann problemlos mit irgendwelchen Gewinnen verrechnen könnte, sodass die Verluste nie offiziell ausgewiesen werden müssten. Mit der Zeit wuchsen die Verluste, die er inzwischen regelmäßig auf das Konto mit der Nummer 88888 verschob, immer weiter an. Dies verleitete ihn dazu, immer riskantere Spekulationen zu tätigen. So ließ er sich gegen Ende Januar 1995 auf Geschäfte ein, bei denen eine Veränderung der zugrunde liegenden Handelsposition (Futures auf den Nikkei) um nur einen Prozentpunkt zu einem Gewinn beziehungsweise Verlust in Höhe von einer Million US-Dollar führte – ein Vorgehen, das spektakulär scheiterte, erwuchsen aus diesen Geschäften doch Verluste, die letztlich etwa drei Viertel der gesamten Verluste in Höhe von 1,3 Milliarden US-Dollar ausmachten. Was muss einem wohl durch den Kopf gehen, wenn man sich auf diese totale Spekulation einlässt? Sie ahnen es: Tina.

Beispiel Ryūjirō Takami: Dem Zugunglück von Amakasaki war vorausgegangen, dass der Zugführer in der vorherigen Station die Haltelinie überfahren hatte und die Bahn nochmals zurücksetzen musste, was eine Verspätung des Zuges von 90 Sekunden zur Folge hatte. Nun gelten japanische Züge nicht umsonst als die pünktlichsten der Welt. Diese Pünktlichkeit erreicht die japanische Eisenbahngesellschaft durch den Einsatz modernster Technologien – aber auch dadurch, dass sie einen immensen Druck auf die Zugführer ausübt. Beliebte Mittel sind dabei, unpünktliche Zugführer zu Nachschulungen zu schicken, ihre Gehälter zu kürzen oder sie sogar öffentlich vorzuführen. Insofern verwundert es nicht, dass man als japanischer Zugführer keine Alternative zur totalen Pünktlichkeit sieht. Takami versuchte, die Verspätung wieder gutzumachen, indem er zwischen den Stationen auf die Tube drückte: Anstatt dem Tempolimit von 70 Stundenkilometern zu folgen, hatte der 23-jährige Takami den Zug mit circa 116 Stundenkilometern in die Kurve gelenkt. Man kann nur spekulieren, ob er sich bewusst war, dass er in diesem Moment das Leben von über 700 Personen aufs Spiel setzte. Vermutlich aber galt sein einziger Gedanke – genau: Tina.

Beispiel Angela Merkel: In ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos spricht die Bundeskanzlerin von der Notwendigkeit, eine Stabilitätsunion zu formen, von der Idee, neben dem bereits erwähnten Fiskalpakt noch einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit zu etablieren, und davon, den Freihandel weiter voranzutreiben. All dies müsse geschehen, um „wirtschaftliche Rahmenbedingungen in Europa zu schaffen, (…) die neue Investitionen ermöglichen, die Wachstum und damit auch dauerhaft wettbewerbsfähige Arbeitsplätze ermöglichen“. Kurz, es geht um „den Wohlstand Europas in der Zukunft“. Wohlgemerkt, in ihrer Rede erläutert Merkel bis ins Detail, wie sie sich solch einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit vorstellt; aber nirgends findet sich ein Hinweis darauf, was sie eigentlich unter Wohlstand versteht. Wozu auch? Warum sollte sie sich über etwas so Selbstverständliches Gedanken machen, wo doch an jeder Ecke neue Bedrohungen für den Wohlstand lauern. So gibt beispielsweise die Flucht in das sogenannte Schattenbankensystem – ausgelöst durch die stärkere Regulierung der Banken im Eigenkapitalbereich – Grund zur Sorge, denn, so Merkel, „wenn wir noch so eine Blase erzeugen und damit die Welt wieder in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzen, würde das in Demokratien sehr schwer zu bewältigen sein, weil die Menschen dann die Überzeugung verlieren, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist“. Die einzige Möglichkeit, alle Errungenschaften zu bewahren, die gemeinhin mit unserem Verständnis westlicher Demokratien verbunden sind, bestehe folglich darin, den Wohlstand zu sichern. There is no alternative!

Wohlstand – um jeden Preis?

Nun ist es nichts Verwerfliches, Wohlstand zu wollen. Materieller Wohlstand erleichtert das Leben und macht es lebenswert. Wer über ein gewisses Vermögen verfügt beziehungsweise ein solides Einkommen bezieht, ist viele Sorgen los – man kann sich sicher sein, nicht hungern zu müssen, ein Dach über dem Kopf zu haben, seine Kinder ernähren zu können etc. Zugleich kann man sich gewisse Statussymbole leisten, kann bestimmten Hobbys nachgehen, kann sich sozial engagieren, kurz: Der finanzielle Freiraum ermöglicht es, seine Identität so auszugestalten, wie es einem gefällt. So weit, so gut.

Allerdings muss man sich die Frage stellen, inwieweit die völlige Fixierung auf materiellen Wohlstand ebenso auch in Unfreiheit münden kann. Diese Frage stellt sich umso mehr, wenn eine bereits sehr wohlhabende Volkswirtschaft in eine Krise gerät – eine Volkswirtschaft, in welcher zudem das Vermögen immer ungleicher verteilt ist. Natürlich bangen in einer Krise alle um ihren Wohlstand. Allerdings sind in einer solchen Situation die weniger Wohlhabenden nicht nur durch die Krise als solche betroffen, sondern geraten aufgrund der zunehmenden Ungleichverteilung zusätzlich unter Druck. Dies alles macht sich besonders deutlich am Arbeitsplatz bemerkbar, wo der Lebensunterhalt und der Wohlstand verdient werden müssen. Angesichts der Entwicklung der Reallöhne in den vergangenen 15 Jahren dürfte klar sein, wohin die Reise in Krisenzeiten geht.

Neben den finanziellen Aspekten spielt bei der Arbeit freilich auch die Identifikation mit dem eigenen Tun eine wichtige Rolle: Wenn man sich immer strengeren Effizienzkriterien unterordnen muss, bleibt immer weniger Raum für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Wenn gleichzeitig die Atmosphäre am Arbeitsplatz unter dem Effizienzdruck leidet und von Kollegialität keine Rede mehr sein kann, kommt früher oder später die Frage auf, was einen noch am Arbeitsplatz hält. So wundert es nicht, dass einer Studie des Beratungsunternehmens Gallup zufolge im Jahr 2011 jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland sein Arbeitsverhältnis innerlich gekündigt hat. Zwar vermag das Wissen um den regelmäßigen Gehaltsscheck noch für eine Weile als Motivation dienen weiterzumachen – aber spätestens dann, wenn vom Gehalt nur noch als „Schmerzensgeld“ gesprochen wird, ist der Punkt erreicht, an dem man sich fragen sollte, ob der Preis, den man bezahlen muss, um seinen Wohlstand zu erhalten, nicht schon zu hoch ist.

Viele jedoch stellen sich diese Frage nicht. Auch dann nicht, wenn die Situation am Arbeitsplatz zu psychischen Erkrankungen führt; auch dann nicht, wenn aufgrund der eigenen Unzufriedenheit Beziehungen und Freundschaften in die Brüche gehen.

Natürlich mag in Krisenzeiten auch Sorgen haben, wer reich ist – so ist mit materiellem Wohlstand auch immer die Sorge verbunden, ihn einbüßen zu können und entsprechend sozial abzusteigen. Viel schlimmer aber ist etwas, was sich als dumpfes Gefühl auch bei vielen überdurchschnittlich Wohlhabenden breitmacht: Das Gefühl, dass der eigene Wohlstand nicht mehr zu einem freien und unbeschwerten Leben führt. Das Gefühl, dass die gesellschaftliche Situation alles andere als gerecht ist und man insofern den eigenen Wohlstand immer häufiger rechtfertigen muss. Dabei wären viele Wohlhabende durchaus zu höheren Abgaben bereit – sofern von den zuständigen Politikern endlich ein sinnvolles gesellschaftliches Gesamtpaket geschnürt würde.

Nun gibt es aber wirklich überhaupt keine Anzeichen dafür, dass es zu einer sinnvollen Neuregelung der ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse kommen könnte. Trotzdem aber legt man, wider besseres Wissen und obwohl das Gefühl einem etwas anderes sagt, sein Schicksal in die Hände einer „höheren“ Macht, die es richten soll. Und das betrifft Arme und Reiche gleichermaßen. So gibt man immer mehr Handlungsalternativen auf und manövriert sich in eine Situation hinein, in welcher die Abkehr vom eingeschlagenen Weg immer schmerzhafter wird, da sie bedeuten würde, die Prinzipien infrage stellen zu müssen, nach denen man bisher sein Leben ausgerichtet hat. Diesen Schmerz überhaupt nicht erst aufkommen zu lassen, dafür steht paradigmatisch die Politik Angela Merkels. Alle, die sich auf ihr Angebot einlassen, machen im Prinzip nichts anderes als Nick Leeson oder Ryūjirō Takami.


Sach-/Fachbuch

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (Piper Verlag, München 1964).

Roman

Jaroslav Hašek: Der brave Soldat Schwejk. Oder die moderne Form des Schelmenromans von Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (carl’s books, München 2009) – Entweder man erträgt sein Schicksal, ohne zu jammern, oder man ändert es kurzerhand.

Film

Beasts of the Southern Wild (2012) – Wofür es sich zu sterben lohnt.

Die Minidoku auf youtube.com: Wealth inequality in America (2012)

Infobox Austerität: Der Begriff Austerität (englisch austerity, von lateinisch austeritas = Enthaltsamkeit, strenge Einfachheit) wird heutzutage im Zusammenhang mit einer Wirtschaftspolitik verwendet, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt ohne Neuverschuldung anstrebt. Die Wirtschaftspolitik unter Reichskanzler Heinrich Brüning in den Jahren 1930 bis 1932, bei der die Reduzierung staatlicher Ausgaben zum Ziele eines ausgeglichenen Haushalts oberste Priorität hatte, gilt als ein Musterbeispiel für eine Politik, die Austerität über alle anderen politischen Ziele stellt.


* Wolfram Bernhardt ist Mitbegründer der Zeitschrift agora42, das philosophische Wirtschaftsmagazin.

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