Kurseinbrüche: Na und

by Dirk Elsner on 14. Juni 2013

Die Börsenwoche geht heute weltweit möglicherweise tiefrot zu Ende. Die Aufregung darüber in den Wirtschaftsmedien und den sozialen Netzwerken hielt sich dabei in bemerkenswerte Weise in Grenzen, zum Glück. In Deutschland waren mir in dieser Woche dramatischere Schlagzeilen nur beim Wall Street Journal aufgefallen, etwa in

Wirklich Panikmache spricht freilich nicht aus den Beiträgen. Interessant allerdings wieder einmal, dass wie bei Spiegel Online von “Börsenturbulenzen” nur dann die Rede ist, wenn es abwärts geht. 

Nun bin ich niemand, der der Welt im Nachhinein erklären muss, warum es genau so gekommen ist und sich dann gestern wieder drehte. Wer meinen Blog kennt, der weiß, dass ich nichts von ex-post-Vorhersagen halte. Die Kurse der Börsen sind unergründlich. Es spricht freilich nichts dagegen, starke Kursbewegungen zu erklären, denn sie haben natürlich Gründe, wenn auch nicht immer die, die wir in der Zeitung lesen.

image

Entwicklung des DAX im letzten Monat (Quelle: Go.guidants.com)

Ich denke, Michael Denzin und David Wessel haben sich in den oben verlinkten Beiträgen des Wall Street Journals Mühe gegeben, die Bewegungen zu erklären. Wessel spricht von tektonischen Verschiebungen der Platten der Weltwirtschaft, Denzin sieht globale Ängste vor einem Zinsanstieg.

Auch Mr. Market Michael Schulte liefert in seinem Blog unaufgeregte Erläuterungen. Er vermutet, dass das “Big Money”, also die finanzstarken bzw. institutionellen Anleger ein paar ihrer Einsätze vom Tisch genommen haben. Begründet sieht er das im taktischen Verhalten der Wall Street, die damit Druck ausübt auf die US-Zentralbank. Eine andere Erklärung hat mit aufgelösten Carry-Trades (ich spar mir die Erklärung, denn Michael macht das ganz gut) und der japanischen Geldpolitik zu tun. Zero Hedge sieht außerdem noch Probleme in China.

Gern hätte ich noch gelesen, was der Finanzblogger Investor Inside geschrieben hätte. Aber Lars scheint sich im Urlaub zu befinden. Er hatte aber bereits letzte Woche prophezeit, dass sich der DAX nach einem Test des “Allzeithochs” wieder in Richtung 8.000 und darunter verabschieden könnte. Mir scheint, dass an den “Märkten” derzeit große Einsätze auf dem Tisch liegen und die Pokerspieler Informationen so streuen, wie sie für die eigenen Positionen benötigt werden.

Trotz der zum Teil guten und vor allem plausiblen Erklärungen, möchte ich auch noch einmal darauf hinweisen, dass zu Kapitalmarktbewegungen immer gern Geschichten erzählt werden, die stimmig klingen, aber nicht richtig sein müssen. Bequem an den derzeitigen Storys (Japan, Zinssteigerung) ist, dass sie derzeit Mainstream sind und daher kaum in Frage gestellt werden. Wir (ich auch) geizen hier mit unseren kognitiven Kräften, um damit nach anderen (vielleicht besseren) Erklärungen zu suchen. Außerdem neigen wir dazu, unser Wissen über die Märkte zu überschätzen. Und nicht nur das, wie David Brooks in “Das soziale Tier” schreibt (S. 330 f.): Wir überschätzen nämlich auch das, was wir wissen können. Weiter schreibt er:

 

“Bestimmte Bereiche des Lebens wie der Aktienmarkt sind so komplex und so zufallsabhängig, dass man selbst nahe bevorstehende Ereignisse nicht mit Sicherheit Vorhersagen kann. Das scheint allerdings keine Auswirkungen auf das tatsächliche Verhalten zu haben, wie beispielweise das Stock-Picking belegt, mit dessen Hilfe manche Strategen immer wieder gezielt überdurchschnittlich rentable Einzelweite herauszupicken versuchen.” 

Ich schaue mir das wie stets gelassen an und zoome einfach in den DAX rein oder raus bis ich ein Bild habe, dass mir gefällt. Und je nach Maßstab sieht das Bild dramatisch oder entspannt aus.

image

DAX in den letzten 12 Monaten (Quelle: Go.guidants.com)

Previous post:

Next post: