Die große Risikoverwirrung Teil 9: Kapitalanlage in einer unsicheren Welt

by Karl-Heinz Thielmann on 10. September 2013

Co-Autorin: Prof. Dr. Ekaterina Svetlova

Für Anleger muss die allgemeine Risikoverwirrung jedoch nicht bedeuten, dass die Auseinandersetzung mit der Zukunft aussichtslos ist. Drei Investoren, David F. Swenson, Warren Buffett und Nassim N. Taleb haben in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Vorgehensweisen entwickelt, um in einem unsicheren Umfeld als Anleger erfolgreich zu sein. Deshalb wird zum Abschluss dieser Artikelserie ein Blick auf ihre Ansätze gegeben und überprüft, inwieweit sie sich auf normale Anleger übertragen lassen.

Wie kann man mit der Unsicherheit an Finanzmärkten umgehen?

Die erste Konsequenz für den Anleger muss die Abkehr von der Illusion sein, dass man Unsicherheiten bzw. Risiken an den Finanzmärkten prognostizieren bzw. kontrollieren kann. Insbesondere in einer langfristigen Sichtweise kann man sie nicht in konkreten Zahlen fassen. Wenn überhaupt, kann man nur Kursrisiken von sehr liquiden Wertpapieren einigermaßen mit quantitativen Methoden erfassen. Diese können sich jedoch für langfristig ausgerichtete Investoren als relativ irrelevant und im Einzelfall sogar als irreführend herausstellen.

Doch dies heißt nicht, dass man in Fatalismus versinkt und grundsätzlich davon ausgehen sollte, dass langfristige Anlagestrategien in einem unsicheren Umfeld sinnlos sind. Man muss sich allerdings darauf einstellen, dass an den Finanzmärkten immer wieder zu erheblichen und nicht vorhersehbaren Schocks und Turbulenzen kommen kann.

Warren Buffett schrieb einmal: „Ich bin sicher, dass sich in den nächsten Jahren weitere große Schocks ereignen werden. Wir werden weder versuchen, sie vorherzusehen noch von ihnen zu profitieren. Wenn wir Unternehmen ausmachen können, die so ähnlich sind wie diejenigen, die wir in der Vergangenheit gekauft haben, dann werden externe Überraschungen nur geringe Auswirkungen auf unsere langfristigen Ergebnisse haben.“ Also geht es für den Anleger nicht darum, dass man negative Überraschungen vermeidet. Als Investor muss man sich darauf einstellen, dass sie passieren und sich auch in Zukunft weiterhin ereignen werden. Man kann sie nicht vermeiden, eben weil sie aus Unsicherheit resultieren und damit immer überraschend sind.

Die zweite Konsequenz für den Anleger muss es daher sein, in seiner Anlagestrategie die möglichen Folgen von negativen Schocks einzubeziehen, ohne sich aber aller Ertragschancen zu berauben.

Für eine langfristige Anlagestrategie in einem unsicheren Umfeld haben wir drei unterschiedliche Vorge-hensweisen identifiziert. Interessant ist, dass alle diese Ansätze schon vor der Finanzkrise bekannt und umgesetzt wurden. Sie alle haben sich über längere Zeiträume – inklusive der Finanzkrise – bewährt. Insofern ist die Ignoranz, die ihnen nach wie vor von großen Teilen der Kapitalanlageindustrie entgegengebracht wird, erstaunlich.

1) Weitestgehende Diversifikation: David F. Swensens Multi-Asset Ansatz

Vor ca. 20 Jahren hat der Fondsmanager David F. Swensen für den von ihm betreuten Stiftungsfonds der amerikanischen Yale-Universität den sogenannten Multi-Asset-Ansatz entwickelt. Hierbei setzt er auf eine möglichst breite Streuung der Investments über verschiedene Anlageformen. Eine Aufteilung des Vermögens in 5 bis 7 ähnlich große Anteile wird angestrebt, die jeweils auf eine Anlageklasse konzentriert sind. Für eine optimale Risikostreuung sollen die Kursentwicklungen der einzelnen Anlageklassen niedrig korreliert, d. h. so unabhängig voneinander wie möglich sein. Der Grundgedanke ist schon in der Modern Portfolio Theory enthalten und ausgearbeitet. Swensen ging aber mit seinem Vorgehen weit über diesen Ansatz hinaus und löste sich auch von einem nur auf Volatilität bezogenen Risikodenken.

Die Entwicklung des Multi-Asset-Ansatzes geschah nicht nur aufgrund von Risikoüberlegungen. David F. Swensen hatte ganz grundsätzliche Einwände formuliert gegen die traditionelle Art der Portfoliostrukturierung, bei der vor allem auf Renten und Aktien gesetzt wird, diese in Anlehnung an führende Marktindizes ausgewählt und Anlagequoten in Abhängigkeit von der Risikobereitschaft des Anlegers festlegt werden.

Folgende Kritikpunkte an den indexorientierten Konzepten wurden von Swensen formuliert:

1) Die Beschränkung der Kapitalanlage auf die relativ liquiden Formen Aktien und Renten lässt die Möglichkeiten einer breiteren Streuung der Risiken auf verschiedene Anlageklassen und damit einer Verminderung des Gesamtrisikos ungenutzt. Die Einbeziehung von illiquiden Immobilien, Hedgefonds und Private Equity vermindert die Abhängigkeit von Kapitalmärkten und verbessert damit die Risikodiversifikation.

2) Der Fokus auf Marktindizes geht an den tatsächlichen Erfordernissen der Investoren vorbei, die vor allem an absoluten Erträgen interessiert sind.

3) Hedge Fonds oder Private Equity haben aufgrund ihrer flexiblen Möglichkeiten und der intransparenten Märkte, in denen sie tätig sind, bessere Chancen, Marktineffizienzen für überdurchschnittliche Erträge zu nutzten, da sich in relativ effizienten Märkten wie bei denjenigen für Aktien oder Renten mit fundamentalanalytischen Methoden kaum noch einen Wissensvorsprung gegenüber dem Markt erzielen lässt.

Im Gegensatz zu traditionellen Portfolios bietet die Vorgehensweise von Swensen in Hinblick auf die Unsicherheit den Vorteil, dass man aufgrund der starken Streuung des Portfolios beim Eintritt eines Extremereignisses mit einem sehr viel kleineren Anteil betroffen wird. Zudem können durch Hedgefonds auch Strategien abgebildet werden, die gegenüber Marktschwankungen neutral oder diesen sogar entgegen gerichtet sind.

In Swensens ursprünglichen Ansatz wurden folgende 6 Anlageklassen als Basisstruktur vorgesehen:

1. Inländische Aktien; 2. ausländische Aktien; 3. außerbörsliche Unternehmensbeteiligungen (Private Equity); 4. Immobilien; 5. Anleihen & Liquidität; sowie 6. auf absolute Erträge ausgerichtete Hedge Fonds.

Später wurden noch Rohstoffe hinzugenommen. Die verschiedenen Anlageklassen werden durch Subfonds, die durch externe Fondsmanager verwaltet werden, repräsentiert.

Anleihen und Liquidität werden aufgrund ihrer niedrigen Rendite grundsätzlich als negativ angesehen, sollten aber zur Absicherung nicht fehlen und mit ca. 5%-10% Portfolioanteil vertreten sein.

Zu Anfang des vergangenen Jahrzehnts konnte Swensen mit seinem Ansatz spektakuläre Gewinne erzielen und wurde damit sehr berühmt. Performanceprobleme während der Finanzkrise 2008 ließen seinen Stern zwischenzeitlich aber wieder sinken. Die Probleme waren aber weniger in seiner Methodik zu sehen, sondern auch darauf zurückzuführen, dass Swensen seinen eigenen Ansatz im Laufe der Jahre immer inkonsequenter umsetzte. So setze er mit einem Anteil von über 1/3 stärker auf Hedgefonds als im ursprünglichen Ansatz vorgesehen und hielt daran viel zu lange fest. Inzwischen wurden diese Anlagevehikel aber deutlich zurückgeführt und machte zum Ende des Juni 2012 (leider sind keine aktuelleren Zahlen verfügbar) nur noch 14,5% aus. Der Schwerpunkt liegt derzeit auf Private Equity (ca. 35% Anteil).

Trotz dieser zwischenzeitlichen Schieflage gehört der Stiftungsfonds von Yale nach wie vor zu den langfristig erfolgreichsten Investoren. Mit einer Durchschnittsrendite von 10,6% p.a. für die 10 Jahre bis 30. Juni 2012 konnten in einem Krisenjahrzehnt klare Wertgewinne erzielt werden. Über 20 Jahre wurde eine Performancezahl von 13,7% p.a. ermittelt; jährlich ca. 5% besser als der Durchschnitt anderer Stiftungsfonds.

Interessanterweise haben Swensen und sein Team bei der Yale-Universität bei der Ermittlung ihrer Anlagestrategie eine Reihe von quantitativen Techniken angewandt, die auf der Modern Portfolio Theory basieren. Allerdings wird den Ergebnissen dieser Analysen nicht – wie bei vielen Anderen in der Investmentbranche – blind geglaubt, sondern diese werden durch qualitative Einschätzungen ergänzt bzw. relativiert. So wird im Jahresbericht für 2012 vermerkt:

„Qualitative Überlegungen spielen eine äußerest wichtige Rolle bei Investmententscheidungen. Die Definition einer Anlageklasse ist einigermaßen subjektiv und verlangt präzise Abgrenzungen, wo sie nicht existieren. Erträge und Korrelationen sind schwer vorherzusagen. Historische Daten geben eine Richtung vor, müssen aber adjustiert werden, um strukturelle Änderungen oder anomale Perioden zu berücksichtigen. Quantitative Maße haben Probleme, Faktoren wie Markt-Liquidität oder den Einfluss von sehr seltenen, aber sehr relevanten Ereignissen zu erfassen.“ [“…qualitative considerations play an extremely important role in portfolio decisions. The definition of an asset class is quite subjective, requiring precise distinctions where none exist. Returns and correlations are difficult to forecast. Historical data provide a guide, but must be modified to recognize structural changes and compensate for anomalous periods. Quantitative measures have difficulty incorporating factors such as market liquidity or the influence of significant, low-probability events.”]

Der Multi-Asset-Ansatz in seiner ursprünglichen Formulierung ist nicht für Privatanleger nachzubilden. Zum einen haben diese i.d.R. nicht die Möglichkeit, direkt in Hedgefonds oder außerbörsliche Unternehmensbeteiligungen zu investieren. Zum anderen fehlen ihnen auch die Möglichkeiten, Fondsmanager eingehend und unabhängig zu bewerten. Deshalb hat David F. Swensen 2005 seinen Ansatz für Privatanleger abgewandelt. Für sie hat er in seinem Buch „Unconventional Success“ folgende Vermögensstruktur als beispielhaft vorgeschlagen:

1. Inländische Aktien mit einer Gewichtung von 30%; 2. ausländische Aktien aus entwickelten Ländern mit 15%; 3. ausländische Aktien aus Schwellenländern 5%; 4. Immobilien 20%; 5.festverzinsliche Staatsanleihen 15%; sowie 6. inflationsgeschützte Staatsanleihen 15%.

Diese Struktur sollte mit Indexfonds möglichst kostengünstig umgesetzt werden. Auch wenn Swensen einer Indexorientierung bei fachlich versierten Anlegern kritisch gegenübersteht, bietet die Orientierung an Marktindizes für die breitere Anlegerschichten Vorteile in Hinblick auf Transparenz, Kosten und Verständlichkeit. In einem Interview mit der Financial Times sagte er einmal:

„… man soll nur in das investieren, was man versteht … die überwiegende Anzahl von privaten und institutionellen Investoren sollte sich auf kostengünstige Indexfonds konzentrieren, weil diese einfach zu verstehen sind.“ [“…you should invest only in things that you understand … the overwhelming number of investors, individual and institutional, should be completely in low-cost index funds because that’s easy to understand.”].

Grundsätzlich hat diese Vorgehensweise auch aus unserer Sichtweise vieles für sich, auch wenn man bei der von Swensen vorgeschlagenen Struktur aus heutiger Perspektive im Rentenbereich weniger auf Staatsanleihen, sondern vor allem auf Unternehmensbonds setzten sollte. Weiterhin kann man im Rahmen eines Multi-Strategy (auch: Multi-Style) -Ansatzes die Risikostreuung noch weiter erhöhen, wenn man innerhalb einer Anlageklasse nach verschiedenen Investmentstilen differenziert. Auch innerhalb einer Anlageklasse sind völlig unterschiedlichen Entwicklungen sowohl in Hinblick auf die Performance wie auch in Bezug auf die Risikoparameter möglich. Durch die Auswahl von mehreren Strategien, die von unterschiedlichen Einflussfaktoren abhängen, kann die Risikominderung durch Streuung verstärkt werden.

2) Analytische Kompetenz: Warren Buffett

Warren Buffett ist mit seiner Holding Berkshire Hathaway einer der mit Abstand erfolgreichsten Langfristanleger unserer Zeit. Für ihn besteht die beste Risikoabsicherung in einer gründlichen fundamentalen Analyse des Herausgebers eines Wertpapiers. Zentral ist dabei die Einschätzung der operativen Risiken, die sich für ein Unternehmen aus dem eigenen Geschäftsfeld (z. B. Wettbewerbsposition) oder der Gesamtwirtschaft (z. B. Inflation) ergeben. Während Swensen darauf setzt, beim Eintritt von Extremereignissen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, sucht Buffet nach Anlagen, die Schocks relativ gut überstehen.

Egal ob Aktie, Rente oder Unternehmensbeteiligung, Buffet hat eine Mindestrenditeerwartung und überprüft, ob diese unter schwierigen Bedingungen erfüllbar ist. Hierzu analysiert er nicht nur die üblichen finanzwirtschaftlichen Kennzahlen zur Beurteilung von Solidität, Rentabilität und der Bewertung. Insbesondere die Einschätzung von zwei qualitativen Faktoren hat für ihn zentrale Bedeutung: 1) Die Frage, ob ein von ihm analysiertes Unternehmen einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil besitzt; sowie 2) ob das Management fachlich kompetent und persönlich vertrauenswürdig ist.

Charakteristisch für Buffett ist, dass er zwar auch diversifiziert, aber bei Weitem nicht so breit wie beispiels-weise Swensen. Er beschränkt sich bei seinen Langfristanlagen auf Anleihen, Aktien und außerbörsliche Unternehmensbeteiligungen (Private Equity). Weiterhin konzentriert Buffet seine Engagements in Bereichen, in denen er besondere Expertise besitzt (Konsumgüter, Rückversicherung etc.) und verlässt nur im Ausnahmefall den heimischen, US-amerikanischen Markt. John Maynard Keynes, der neben seiner Tätigkeit als Ökonom auch einer der erfolgreichsten Investoren der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts (vgl. hierzu „Mit ruhiger Hand Nr. 10“) war und in vieler Hinsicht als Vorläufer von Warren Buffet gilt, ging sogar noch weiter. Er analysierte und investierte nur in ganz bestimmten Sektoren, die er von vornherein als diejenigen mit überdurchschnittlichem Wachstumspotenzial identifiziert hatte bzw. bei denen er keine Strukturprobleme vermutete.

Buffett – wie vor ihm Keynes – geht durchaus auch größere Engagements in einzelnen Unternehmen ein, wenn er hiervon besonders überzeugt ist. So hat er einmal geschrieben: „Das Risiko kann stark reduziert werden, wenn man sich auf wenige Anlagen konzentriert.” [”Risk can be greatly reduced by concentrating on only a few holdings.“] Die Logik dahinter ist: besser wenige Anlagen, die man sehr gut kennt und denen man vertraut, als viele Investments, die man nicht mehr überblicken kann. Er ist sich dabei der analytischen Grenzen den Menschen bewusst. Für ihn ist der Schlüssel zum Management von Risiken und Unsicherheit nicht möglichst viele Informationen zu verarbeiten, sondern die vorhandene Information richtig zu organisieren und tief gehend zu verstehen.

Buffett würde allerdings auch niemals alles auf eine Karte setzen, da ihm klar ist, dass sich auch bei der besten Analyse ein Fehler einschleichen bzw. immer etwas schief gehen kann. Deswegen diversifiziert er schon seine Beteiligungen, aber in einem deutlich geringerem Ausmaß als beispielsweise in einem Marktindex.

Buffet versucht nicht, wie schon erwähnt, Marktschwankungen zu prognostizieren. Allerdings ist er darauf vorbereitet, wie seine hohe Liquiditätshaltung zeigt. Denn knapp 20 % des Portfolios seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway besteht aus Liquidität bzw. US-Staatsanleihen, auch wenn sich diese weit unter seinen üblichen Renditevorstellungen verzinsen. Dies deutet darauf hin, dass das Liquiditätsrisiko für ihn eine sehr große Bedeutung hat, obwohl er nicht wie ein Publikumsfonds Mittelabflüsse von enttäuschen Investoren befürchten muss. Einerseits hängt die hohe Liquidität mit Erfordernissen des Versicherungsgeschäfts zusammen, das einen Teil seiner außerbörslichen Beteiligungen ausmacht. Anderseits sieht Buffet Kursschwankungen an Aktienmärkten weniger als Risiko denn als Chance, gelegentlich günstig Aktien zu erwerben, und benötigt Liquidität, um diese gegebenenfalls nutzten zu können.

Wenn er eine attraktive Möglichkeit sieht, die sich aus einer Marktineffizienz ergibt, hat sich Buffet auch schon in Rohstoffen und Derivaten engagiert bzw. Merger-Arbitrage gemacht. Hierbei hat er aber immer darauf geachtet, dass nicht „gewettet“ wird. Wenn, dann werden nur sehr moderate Risiken in begrenztem Umfang eingegangen, die gegenüber den möglichen Erträgen gut vertretbar erscheinen.

Obwohl Warren Buffett in der Wirtschaftspresse gerne als Vorbild für Privatinvestoren zitiert wird, ist seine Anlagephilosophie dennoch relativ schwierig allgemein übertragbar, da seine Methodik für gute Anlageentscheidungen eine gewisse finanzanalytische Vorbildung sowie eine eingehende Beschäftigung mit potenziellen Investments verlangt.

Für Anleger, die allerdings die Bereitschaft mitbringen, sich tiefer mit Investmentthemen zu befassen oder die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit über branchenspezifisches Expertenwissen verfügen, kann die Orientierung an Buffet sehr wertvoll sein.

3) Risiko-Spreizung: Talebs Barbell-Strategie

Nassim N. Taleb ist in den vergangenen Jahren berühmt geworden, weil er den Begriff des „schwarzen Schwans“ geprägt hat. Hiermit werden nicht oder nur sehr schwer vorhersagbare Extremereignisse beschrieben, die Finanzmärkte gründlich erschüttern. Vor seiner Karriere als Buchautor hatte Taleb einige Zeit als Optionshändler sowie Hedgefondsmanager gearbeitet. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit hat er nicht nur später publizistisch verarbeitet, sondern auch zur Entwicklung einer Anlagestrategie genutzt, die ihn persönlich sehr wohlhabend gemacht hat.
Seine Grundidee basiert auf einer Barbell-Strategie (in Deutsch auch gelegentlich als „Hantelstrategie“ be-zeichnet). Diese bedeutet, dass man sich innerhalb eines Spektrums von verschiedenen Anlagemöglichkeiten jeweils auf den extremen Enden positioniert. Der Begriff kommt ursprünglich aus dem Rentenfondsmanagement und bezeichnet eine Anlagestrategie, die vor allem auf sehr kurzfristig sowie sehr langfristig laufende Anleihen setzt, aber mittlere Laufzeiten vernachlässigt.

Nassim N. Taleb schlug in seinem Buch „Anti-Fragilität“ vor, diesen Ansatz der extremen Positionierung auch auf das Risikospektrum zu übertragen. So propagierte er, bei der Kapitalanlage sehr sichere Investments – wie z. B. Staatsanleihen – mit extrem riskanten Finanzinstrumenten – wie z. B. Optionen – zu kombinieren und völlig auf das mittlere Risikospektrum (z. B. Aktien) zu verzichten. Typisch wäre z. B. eine Anlage, die zu 95% aus Staatsanleihen besteht sowie zu 5% aus Verkaufsoptionen, die weit von ihrem Ausübungspreis entfernt sind und daher sehr günstig zu erwerben sind. Im Falle eines Börsencrashs würden diese Optionen extrem an Wert gewinnen, ansonsten wertlos verfallen. Durch die Staatsanleihen wird ein nominaler Kapitalerhalt gewährleistet, durch die Zinseinnahmen werden die Verluste auf der Optionsseite teilweise kompensiert.

Unter normalen Kapitalmarktbedingungen führt diese Strategie zur vielen regelmäßigen kleinen Verlusten, die aber durch einen sehr hohen Ertrag im Falle eines Extremereignisses mehr als ausgeglichen werden.

Taleb verfolgt dabei eine zu Swensen und Buffet entgegengesetzte Logik. Bei diesen geht vor allem darum, auf konventionelle Weise hohe Erträge zu erzielen und die Folgen von Extremereignissen zu begrenzen. Taleb will vor allem von diesen Extremereignissen profitieren. Er nimmt dafür in Kauf, dass es während der überwiegenden Anlagedauer zu vielen kleinen Verlusten kommt, nur um im Falle des Eintretens eines Extremereignisses einmalig enorme Gewinne einzustreichen.

Voraussetzung für die Funktionsweise von Talebs Strategie ist allerdings, dass sich mit risikofreien Anlagen ca. 4%-5% p.a. erzielen lassen. Bei den heutigen Verhältnissen am Kapitalmarkt ist mit Staatsanleihen solider Staaten nach Steuern und Inflation kein Kapitalerhalt mehr möglich. Die Kompensation von Optionsverlusten mit sicheren Zinserträgen geht momentan nicht mehr. Damit besteht die Gefahr, dass die Optionsverluste sich so akkumulieren, dass das eingesetzte Kapital verloren ist, bevor die Optionen aufgrund eines Finanzmarktschocks Gewinne bringen können.
Eine weitere Voraussetzung ist, dass der Markt Extremereignisse systematisch unterschätzt und damit falsch bewertet. Dies war sicherlich vor der Finanzkrise 2008 der Fall. Gegenwärtig ist aber unserer Einschätzung nach eher davon auszugehen, dass der Markt den Eintritt von Extremereignissen möglicherweise sogar überschätzt. Dies ist nicht zuletzt das Ergebnis des Erfolges von Talebs Buch „Der schwarze Schwan“.

Talebs Ansatz hat in den vergangenen Jahrzehnten funktioniert, weil einerseits Staatsanleihen ausreichende Zinsen abwarfen, andererseits alle paar Jahre die Kapitalmärkte von Schocks erschüttert wurden, die viele Marktteilnehmer unvorbereitet trafen. So gab es den Aktiencrash von 1987, die EWS-Krise 1992, den US-Rentenmarkteinbruch 1994; Russland- und Asienkrise 1998; Terrorismus und Irakkrieg 2001-03, Finanzkrise ab 2008 sowie die Eurokrise und US-Budgetkrise ab 2010. In der Zukunft ist aber nicht unbedingt davon auszugehen, dass solche Krisen sich in dieser Häufigkeit und vor allem nicht in dem Umfang wiederholen. Unseren Berechnungen nach gab es seit 1928 32 Kurseinbrüche im Dow Jones 30 mit Kursverlusten von über 10%, die als Schocks gezählt werden können. Allerdings passierten diese vor allem bis 1940 (24 mal) und ab 1987 (7mal). Dazwischen lagen 46 Jahre mit nur einem Schock (1962).

Inzwischen reagieren viele Investoren gelassener auf Extremereignisse; gleichzeitig ist die Vorsicht gegenüber potenziellen Spekulationsblasen sehr hoch. Notenbanken intervenieren zunehmend aggressiver zur Finanzmarktstabilisierung. Insofern könnten die kommenden Jahre für Talebs Barbell-Strategie schwierig werden. Möglicherweise kann aber auf diesen Ansatz zu anderen Zeiten, an denen sowohl die Zinsen wie auch die Sorglosigkeit der Anleger wieder deutlich höher sind, wieder erfolgreich zurückgegriffen werden.

Die vorherige Folge mit dem Thema: “Die Quantifizierung der Unsicherheit” erschien am 5.9.2013 in blickog.com.

Die Reihe: „Die große Risikoverwirrung“ basiert auf einer Artiklelserie, die in „Mit ruhiger Hand“ zwischen Mai und Juli 2013 erschienen ist. Sie wurde für „blicklog“ noch einmal überarbeitet. Die Orginaltexte stehen in einer Sonderausgabe als Download zur Verfügung. Zu diesem Thema haben beide Autoren auch in der Reihe „Karlsdialoge“ ein Gespräch mit Patrick Breitenbach geführt, das als Podcast zum Download zur Verfügung steht.

Quellen: Zu David F. Swensen vgl. seine Bücher: Pioneering Portfolio Management: An Unconventional Approach to Institutional Investment, (Fully Revised and Updated 2009) sowie Unconventional Success: A Fundamental Approach to Personal Investment (2005). Das Interview mit dem Zitat von Swensen ist in der Financial Times am 12. Oktober 2009 erschienen und unter http://www.ft.com/intl/cms/s/0/dd91a3ec-b461-11de-bec8-00144feab49a.html#axzz2WxXt0KKu abzurufen.
Weitere Angaben zu seinem Vorgehen sind auf der Website http://investments.yale.edu/ einsehbar.
Warren Buffett wurde zum Thema Investieren unter Unsicherheit zitiert nach Robert G. Hagstrom (2000) „Investieren mit Warren Buffett“, Seite 190. Das Zitat “Risk comes from not knowing what you’re doing” wurde von http://www.searchquotes.com/quotes/author/Warren_Buffett/ übernommen. Zum Thema Risiko bei Warren Buffet vgl. auch Lawrence A. Cunningham (3. Auflage 2009):“ The Essays of Warren Buffett: Lessons for Investors and Managers”. Zum Auswahlprozess von Anlagen bei Buffett vgl.: Mary Buffett, David Clark (2. Auflage (2012): „So liest Warren Buffett Unternehmenszahlen: Quartalsergebnisse, Bilanzen & Co – und was der größte Investor aller Zeiten daraus macht“.
Zu Nassim Taleb vgl.: „Der schwarze Schwan“, 4. dt. Auflage München 2012; sowie: „Anti-Fragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ München 2013.

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