Warum ich Bitcoin faszinierend finde, es aber dem Einzelhandel nicht empfehlen würde (II)

by Dirk Elsner on 11. Dezember 2013

Nach den beiden vorbereitenden Artikeln zum Bezahlprozess im E-Commerce und den Transaktionskosten, die durch den Bid-Ask-Spread entstehen, kann ich heute den Beitrag vom vergangenen Freitag fortsetzen. Es geht ja um die Nützlichkeit von Bitcoins für den kommerziellen Handel. Wer nämlich Bitcoin als Zahlungsform akzeptiert, der muss sich klar machen, welche Transaktionskosten für einen Händler damit verbunden sind. Und zu den den Faktoren, die die Transaktionskosten erhöhen gehören auch die durch die starken Preisschwankungen entstehenden Risiken für einen Shop, der sonst in Euro fakturiert und bilanziert. Aus meiner Sicht erschweren insbesondere die deutlichen Preisschwankungen der Bitcoins die Kalkulation für Händler, der im Onlinehandel aktiv ist.

Viele Händler fragen sich angesichts des Hypes ob man die “virtuelle Währung” Bitcoins als Bezahlverfahren anbieten müsse. Zwar ist Bitcoin im engeren Sinne kein Online-Bezahlsystem, wie etwa die Zahlung per Kreditkarte oder per PayPal, sondern eine digitale Währung. Einige Empfehlungen bewegen sich aber in die Richtung zur Verwendung von Bitcoin als Bezahlsystem.  Nach meiner Auffassung eignet sich das Verfahren derzeit keinesfalls für die Bezahlung von Produkten mit geringen Margen und für hohe Bezahlsummen. Dafür ist das Risiko derzeit viel zu hoch. Aber der Reihe nach.

Zahlungsmittel dienen im Geschäftsverkehr einem Schuldner dazu, seine aus einem Vertrag resultierende Verbindlichkeit rechtswirksam zu begleichen. In Deutschland ist dazu prinzipiell Bargeld geeignet. Vertragspartner einigen sich aber heute meist auf bargeldlose Verfahren, bei denen der Schuldner eine Forderung gegen seine Bank umbuchen lässt auf das Konto seines Gläubigers.

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Tagesschwankung Bitcoin am 5.12.2013 (Screenshot bitcoinity.org, Kurse Mt Gox)

In den letzten Jahren wurden die Bezahlverfahren durch vielfältige Varianten angereichert, bei denen sich Dienstleister wie Kreditkartengesellschaften, Payment-Plattformen wie PayPal und viele weitere Dienstleister in den Zahlungsverkehr zwischen die Bank des Gläubiger und der Bank des Schuldners gedrängt haben, um die Bezahlvorgänge zu vereinfachen und die Risiken aus Geschäftstransaktionen zu minimieren.

Das Risikomanagement von Bezahlvorgängen spielt insbesondere im Onlinehandel eine besondere Rolle. Der Verkäufer (= Gläubiger) will sicherstellen, dass er tatsächlich sein Geld erhält, der Käufer (=Schuldner) möchte nicht gern vorab bezahlen ohne die Ware gesehen zu haben. Alle Zahlverfahren haben letztlich Vor- und Nachteile für Verkäufer und Käufer. Das gilt insbesondere für die Online-Bezahlverfahren. Für die Händler sind außerdem die Transaktionskosten wichtig für die Kalkulation, dazu gehören auch die Risikokosten.

Zeichnet ein Händler seine Preise neben seiner Hauswährung Euro auch in Bitcoin aus, dann müsste er dauernd die Preise in Echtzeit anpassen. Dafür muss sein Shopsystem entsprechend ausgelegt sein. Dabei stellt sich schnell die Frage, an welchen Umtauschpreis sich der Händler orientieren sollte. Die Seite Bitconity.org verzeichnet 5 verschiedene Handelsplätze, von denen Mt Gox der bekannteste ist. Daneben bietet der ostwestfälsiche Bitcoin-Marktplatz bitcoin.de Tauschmöglichkeiten, allerdings nur für geringe Volumina. Leider unterscheiden sich die Preise der Plattformen erheblich voneinander, wie die Übersicht der Euro-Preise von bitcoincharts zeigt:

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Händler orientieren sich im Zweifel am ehesten an Mt. Gox**. Die in Japan sitzende Handelsplattform berechnet freilich eine Umtauschgebühr von 0,6%. Sollte die sich ständig variierende Preisänderung allein aus technischen Gründen verbieten, könnte der Händler erst beim Bezahlen selbst den Preis in Bitcoin umrechnen und zwar zu dem dann gültigen Kurs. Spätestens ab diesem Zeitpunkt beginnt nun aber die Risikouhr zu ticken. Zwischen Geschäftsabschluss, Beginn und Ende der Zahlungstransaktion (zum Prozess siehe den Beitrag am Montag) liegt nämlich ein von vornherein unbekannter Zeitraum, der bei den derzeitigen Preisschwankungen für einen Händler schneller teuer werden kann.

Der Händler schließt im Idealfall bei Geschäftsabschluss ein Gegengeschäft ab. Es wäre reiner Zufall, wenn dies genau zu dem Kurs möglich wäre, den er für die Verrechnung mit seinem Kunden zu Grunde gelegt hat. Für den Abschluss eines Gegengeschäfts muss nämlich der Bitcoin Betrag in einer Wallet des jeweiligen Marktplatzes hinterlegt sein. Der Händler verfügt aber selbst noch nicht über das Geld, sondern muss erst den Eingang vom Kunden abwarten.

Die Zeitangaben für die Bitcoin-Transaktionen variieren. Eine Transaktion eines Kunden kann genau dann als allgemein gültig angesehen werden, schreibt Dennis Assenmacher, wenn sie in mindestens einem Block aufgenommen wurde und 5 nachfolgende Blöcke gefunden worden sind. Das Zeitintervall für die Aufnahme in einen Block soll um die 10 Minuten betragen*. Für sechs Blöcke bedeutet dies 60 Minuten Wartezeit für eine Transaktion. Das ist zwar im Vergleich zu traditionellen Überweisungs- und Lastschriftverfahren nahezu Lichtgeschwindigkeit, im Zeitalter großer Marktschwankungen aber eine Ewigkeit. Hält der Kunden bereits die Bitcoins, dann muss der Händler nämlich mindestens 120 Minuten warten bis er seine Bitcoin verkaufen kann:

  1. Bestätigung der Transaktion Kunde –> Händler: 60 Minuten
  2. Bestätigung der Transaktion Händler –> Handelsplatz: 60 Minuten

In der Praxis kann es sogar deutlicher länger dauern, wenn sein Kunde die Bitcoins zunächst über einen Marktplatz anschaffen muss. Dann muss der Kunde zunächst seine eigene Währung auf ein Konto beim Handelsplatz transferieren, die Bitcoins zum dann gültigen Handelspreis kaufen und ebenfalls 60 Minuten bis zur Bestätigung der Übertragung vom Handelsplatz zu ihm warten. Das gilt aber nur für den Fall, dass der Handelsplatz ihm die Bitcoins sofort überträgt. Dazu muss Zeit für das manuelle Handling beim Kunden und ggf. beim Händler gerechnet werden. Ein Zeitraum von vielleicht 130 Minuten und 260 Minuten könnte daher eher ein Idealszenario sein und setzt voraus, dass es keine technischen Störungen gibt. Der Chart oben zeigt die Preisschwankungen von Bitcoins am 5.12. Diese Schwankungen macht deutlich, dass eine risikofreie Durchführung der Transaktion nicht möglich ist, wenn der Händler selbst umrechnet.

Auf einer Diskussion von Twitter habe ich Widerspruch zu der vorgenannten Position erhalten. Dort wurde behauptet, Bitcoin könne als Kreditkartenersatz ganz ohne Risiko verwendet werden.

Allerdings ist dieser Fall des Kreditkartensersatzes genau der Fall, den ich oben dargestellt habe. Ohne Risiko wäre das Geschäft nur, wenn es exakt zum gleichen Zeitpunkt ein Gegengeschäft gäbe. Technisch bedingt ist dies aber nicht möglich, weil der Händler für das Gegengeschäft die Bitcoins haben muss. Es gibt allerdings Dienstleister wie bitpay, die hier helfen und Preise garantieren. Allerdings liegen die garantierten Preisen etwa 5% unter den aktuellen Bitcoin-Preisen. Ein Händler müsste dann diesen Preis für die Umrechnung verwenden, trägt damit aber auch Transaktionskosten. Es gibt auch in der digitalen Netzwährung nichts für lau. Und wer Risiko übernimmt, verlangt dafür logischerweise einen Preis, andernfalls würde er bei diesen Preisschwankungen das Geschäft nicht lange machen.

Mein Fazit bisher: Bei geringen Beträgen bzw. Produkten mit großen Margen kann man solche Risiken vielleicht aus Marketinggrünen erwägen, nicht aber, wenn die Zahlungsbeträge groß und die Margen eng sind. In dem Beitrag gestern habe ich ja gezeigt, dass die Spreads bei großen Beträgen deutlich höher liegen als bei Mikrozahlungen.

Erst Recht verhindern die starken Schwankungen, die Vereinbarung eines Festpreises in Bitcoin. Wenn die Zahlung zum heutigen Preis festgelegt und erst in einigen Tagen oder gar Wochen erfolgen soll, dann entspricht dies einem Lotteriespiel. Bitcoin ist ein sehr spannendes Experiment. Für den kommerziellen Geschäftsverkehr erschweren aber zu viele Risiken und vor allem die Preisschwankungen die Kalkulation.


* Die geschätzte Dauer bis zur Bestätigung einer Transaktion, kann man über Blockchain abrufen. Dort kann man links unten die neuesten Transaktionen sehen. Klickt man dort auf den kryptischen Code, dann öffnen sich die Einzelheiten einer Transaktion mit der Bestätigungsdauer:

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Ich habe hier in einer kleinen Stichprobe Zeiträume zwischen 6 und 51 Minuten gesehen.


** Nachtrag vom  16.02.14

Seit einiger Zeit häufen sich die Meldungen über Probleme bei Mt. Gox und anderen Marktplätzen

 Der Fall Mt. Gox macht deutlich, dass sich Händler immer die gesamte Zahlungsprozesskette ansehen müssen. Wenn der Umtausch über einen Handelsplatz erfolgt, dann ist es auch wichtig, sich die Qualität dieses Handelsplatzes anzusehen. Und zu dieser Qualität gehört auch die Fähigkeit, nicht nur schnell Zahlungen anzunehmen, sondern auch die jeweiligen Währungen auf die Konten zurückzahlen zu können.


Diese Beitrag ist eine deutlich erweiterte Fassung eines Beitrags, den ich für die Webseite der CFOWorld geschrieben habe.

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