Die Erben Kafkas

by Karl-Heinz Thielmann on 12. Januar 2014

„Genau wie in der Malerei muss man auch an der Börse Verständnis für Surrealismus haben. Manchmal stehen die Beine oben und der Kopf unten.“ André Kostolany

Es ist kein neues Phänomen, dass die Finanzmärkte nicht nur dem Außenstehenden als verrückt erscheinen. Ein bizarrer Zyklus aus Gier und Angst scheint die Kurse zu treiben, und dies ist seit Anbeginn der modernen Geldgeschäfte so.

Bereits das erste richtige Börsenbuch von 1688 war mit „Die Verwirrung der Verwirrungen“ (Confusión de confusiones) betitelt. In ihm verarbeitete der Spanier Joseph de la Vega seine Erfahrungen an der Amsterdamer Börse, die man mit Fug und Recht als ersten bedeutsamen Kapitalmarkt im heutigen Sinne verstehen kann. 1841 veröffentlichte der schottische Journalist Charles Mackay sein Buch “Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds”. In ihm stellte er die erste systematische Analyse von Spekulationsblasen vor, schilderte den ihnen zugrunde liegenden Herdentrieb sowie die menschliche Fähigkeit zur Selbsttäuschung als Antriebskraft der Finanzmärkte. Heutzutage haben „Behavioural Finance“-Forscher wie Daniel Kahneman oder James Montier die Psychofallen genau erforscht, denen wir alle unterliegen und können sie uns genau erklären.

Dennoch scheint die Masse der heutigen Anleger weder aus den historischen Quellen noch aus den Erkenntnissen der heutigen Forscher zu lernen. Im Gegenteil, wenn man sich speziell die Entwicklungen während oder nach der Finanzkrise 2008 ansieht, scheint alles noch verrückter geworden zu sein. Noch wildere Kursausschläge, noch gierigere Investment-Banker, noch größere Verluste für die Kunden, noch spektakulärere Zusammenbrüche von Finanzinstituten. Und nichts scheint zu funktionieren, um den Wahnsinn zu stoppen: Trotz immer größerer Strafen für Fehlverhalten gibt es keine Änderungen im Geschäftsgebaren. Obwohl immer mehr Vorschriften zum Anlegerschutz erlassen werden, wird auch die Anlageberatung immer schlechter. Trotz schlechter Performance und intransparenter Risiken stürzen sich Investoren nach wie vor auf Anlagevehikel wie Hedgefonds. Usw., usw. …

Wenn Menschen völlig lernunfähig scheinen und sich absurd verhalten, reichen Psychofallen, Gewinngier und Herdentrieb als Begründung nicht mehr aus. Und tatsächlich sind sich viele im Finanzwesen Tätige durchaus bewusst, das der Weg ihrer Industrie und ihr Verhalten nicht richtig sein kann. Sie machen aber unbeirrt weiter, wobei Kundenwünsche, Zielvorgaben von Vorgesetzten, regulatorische Anforderungen und vieles anderes mehr als Rechtfertigungen dienen. Die Menschen an den Finanzmärkten handeln so, wie sie es machen, weil sie ganz bestimmten Anreizen folgen. Es ist für sie völlig rational, irrationale Dinge zu tun.

In den letzten Jahren habe ich an unterschiedlichen Orten – u.a. auch dem Blicklog – verschiedene Texte zum alltäglichen und systematischen Wahnsinn an den Finanzmärkten veröffentlicht. In ihnen bin ich Fragen nachgegangen, wie z. B.: Wieso machen Anleger systematisch immer wieder die gleichen Fehler? Aus welchen Gründen gehen Banken trotz der Erfahrungen der Finanzkrise immer noch Risiken auf Kosten der Allgemeinheit ein? Warum machen Aktienmarktstrategen bewusst unrealistische Prognosen?

Aus den Antworten auf jede dieser Fragen hat sich irgendwann ein Gesamtbild ergeben: das einer völlig absurden Realität der heutigen Finanzbranche. Menschen handeln aus einer für sich selbst verständlichen Logik, die aber in ihrer Gesamtheit zu widersinnigen Konsequenzen führt. Dies erinnert an die fantastischen Welten, die Franz Kafka in seinen Romanen konstruiert hat. Der Grundwiderspruch, dass die Summe individuell logisch erscheinender Entscheidungen und Handlungen zu insgesamt völlig abstrusen Ergebnissen führt, prägt sowohl Kafkas Werk wie auch die modernen Kapitalmärkte.

In für die moderne Literatur bahnbrechenden Werken wie „Das Urteil“, „Das Schloss“ oder „Der Prozess“ schilderte Kafka Menschen, die gefangen waren in den Zwängen komplexer Systeme, die so typisch für die Neuzeit sind. Sie waren mit Personen und Mechanismen konfrontiert, die einer ihnen eigenen Rationalität folgten. Diese können isoliert betrachtet durchaus vernünftig erscheinen, in ihrem Zusammenwirken erscheinen sie aber widersprüchlich und mit dem unvereinbar, was gemeinhin als „gesunden Menschenverstand“ bezeichnet wird.

Dass sich Investoren heutzutage wie Bestandteile einer planlos herumstürmenden Herde benehmen, ist nicht mehr wie früher nur auf psychologisch bedingte Fehleinschätzungen, sondern auch durch die Mechanismen des Finanzgeschäfts bedingt. Absicherungsgeschäfte, die Kursstürze provozieren und damit horrende Verluste generieren; Langfristige Vergütungsprogramme, die kurzfristige Abzocke begünstigen; Investmentprozesse, die Fondsmanager zu trendverstärkenden Transaktionen zwingen; all dies sind Beispiele für institutionell bedingte Regeln, die einer individuellen Logik folgen, aber in ihrem Zusammenwirken absurdes Chaos auslösen.

Ich habe deshalb in einem E-Book 12 Texte versammelt, die verquere Denk- und Handlungsweisen beschrieben, aufgrund welcher heutzutage Milliarden von Anlegergeldern durch die Welt bewegt und teilweise methodisch vernichtet werden. Das Buch wurde mit „Kafka 2.0“ betitelt, weil die Wirklichkeit der Finanzwelt die fantastische Absurdität seiner Literatur inzwischen hinter sich zurücklässt. Denn im Gegensatz zu den Protagonisten Kafkas sind sich viele der in der Finanzbranche Beschäftigten der Widersinnigkeit ihres Handelns durchaus bewusst. Sie machen aber dennoch weiter mit, weil sie die Konsequenzen verdrängen oder sich zu sehr an die finanziellen Annehmlichkeiten dieses Lebens gewöhnt haben. Wenn Menschen aber wissentlich und regelmäßig etwas machen, was sie eigentlich als aberwitzig erkannt haben, ist die absurde Welt von Kafkas Romanen nicht nur erreicht, sondern noch übertroffen.



Die Beiträge wurden für diesen Band gründlich überarbeitet und nach drei Themengebieten geordnet: Wie Anleger zu ihren Investmententscheidungen kommen und welche Fehler sie dabei typischerweise machen, ist Schwerpunkt im Themengebiet: „Die mit der Herde laufen“. Mit den Anbietern von Finanzprodukten, ihren Motivationen und Methoden befasst sich der zweite Teil: „Die kuriose Logik der Finanzindustrie“. Last, but not least folgen noch vier Texte, „Von Geldvernichtung und Wertschaffung“, die sich mit den fundamentalen Grundlagen von Kapitalbewegungen und ihrer Interpretation durch Anleger und Öffentlichkeit befassen.

Die schlecht verstandenen Konsequenzen der Komplexität von Finanzmärkten sind Thema vieler Texte auf diesem Blog. Insofern freue ich mich, mein Projekt hier vorstellen zu können, das versucht, einen Zusammenhang zwischen den vielen verwunderlichen Phänomenen der Finanzmärkte herzustellen. „Kafka 2.0“ ist für Kindle-Leser für € 3,99 unter diesem Link erhältlich. Wer Amazon nicht mag, bzw. einen E-Book-Reader mit dem ePub-Format hat, kann das Buch direkt beim Verlag epubli zum gleichen Preis erwerben.

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