Die große Prokon-Heuchelei

by Karl-Heinz Thielmann on 24. Januar 2014

Jetzt sind sie wieder dar: die Journalisten, die Anlegern „Gier frisst Hirn“ bescheinigen; die Politiker, die eine schärfere Regulierung fordern; die Staatsanwälte, die einen Anfangsverdacht haben.

Kein Zweifel, Prokon hatte ein Geschäftsmodell, das relativ offensichtlich fragwürdig war. Es hat seine Genussscheine sehr aggressiv vertrieben. Die Bilanzierung war zumindest „merkwürdig“. Ich möchte hier auf diese Punkte nicht weiter eingehen, sondern nur auf einen Artikel von Christian Kirchner vom 3.11.2013 verweisen, der die einzelnen Kritikpunkte zu Prokon schon vor dem Insolvenzantrag sehr schön und differenziert zusammengefasst hat.

Was mir im Moment viel übler aufstößt als die Machenschaften bei Prokon selbst sind jedoch die Reaktionen der Öffentlichkeit. Denn Prokon ist kein Einzelfall, aber einer, der stark erhöhte Aufmerksamkeit genießt.

Ein Grund für diese Aufmerksamkeit ist natürlich eine gewisse Schadenfreude, wenn selbst ernannte Moralapostel sich als reine Schaumschläger entpuppen. Dies ist nicht nur bei Uli Hoeneß oder Herrn von und zu Guttenberg so. Speziell im Bereich „alternative Energien“ sind viele windige Typen unterwegs, die bisher eine Art Narrenfreiheit genossen. Ehrlich gesagt kann ich mich dieser Schadenfreude auch nicht ganz entziehen.

Wenn Leute glauben, die Quadratur des Kreises gelöst zu haben, indem sie hohe Rendite, Sicherheit und gleichzeitige Weltverbesserung versprechen, dann kann das nicht gut gehen. Wir haben aber ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem, das durchaus jedem seine Chance geben sollte, seine Ideen zu verwirklichen. Viele erfolgreiche Unternehmer sind anfangs für Spinner gehalten worden, denen Experten erklärten: „Das, was ihr vorhabt, kann nie funktionieren.“

Hätte man Prokon also frühzeitig stoppen sollen, weil das Geschäftsmodell fragwürdig war? Ich glaube nicht. In unserem System entscheidet glücklicherweise der Markt und nicht eine Expertenprognose über den Erfolg von Unternehmen. Scheitern gehört im Kapitalismus dazu. Wenn Prokon jetzt scheitern sollte, werden sich andere, besser geführte Windenergieunternehmen durchsetzen. Und Genussscheinkapital ist Risikokapital, dies sollte man nie vergessen.

Fragwürdig waren allerdings die Vertriebsmethoden für die Anteilsscheine. Dennoch ist mir ehrlich gesagt nicht ganz klar, was das Verkaufsmodell von Prokon von vielen Finanzprodukten unterscheidet, die ganz normal von Banken und Finanzvertrieben angeboten werden. Es hat sich in Deutschland eingebürgert, Beteiligungen, die unternehmerische Risiken beinhalten, als „sicher“ zu verkaufen, seien es geschlossene Fonds, Genussscheine, nachrangige Anleihen etc. Der Skandal ist nicht, dass Prokon dies gemacht hat. Der Skandal ist, dass Prokon nur einer unter Vielen war.

Viele Anleger von Schiffs- und Immobilienfonds befinden sich schon seit Jahren in der gleichen Lage wie die Prokon-Investoren. Ihnen sind mit bunten Prospekten Anlagen versprochen worden, die gleichzeitig hohe Renditen und „Sicherheit“ versprachen. Die zugrunde liegenden Prognosen waren aber höchst fragwürdig, die Bilanzierungsmethoden und Bewertungsgutachten reine Fantasieerzeugnisse. Vieles hiervon war noch sehr viel dubioser als jetzt mutmasslich bei Prokon. Insofern muss man sich schon fragen, ob im Fall Prokon nicht mit zweierlei Maß gemessen wird.

100-prozentige Heuchelei sind allerdings die Kommentare von Politikern, denen jetzt einfällt, man hätte Prokon schärfer regulieren müssen. Liebe Politiker, zur Erinnerung: Am 22. Juli 2013 ist das neue Kapitalanlagegesetzbuch (KAGB) in Kraft getreten, mit dem der graue Kapitalmarkt reguliert wird. Dieses unterstellt zwar geschlossene Fonds der Aufsicht durch das BaFin, allerdings nicht Genussscheine. Die Prokon-Problematik war zu diesem Zeitpunkt insbesondere in Fachkreisen schon lange bekannt. Es war zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Gesetzes völlig klar, dass Genussscheine ein legales Schlupfloch für unseriöse Anbieter bleiben werden. Dies hat aber zu diesem Zeitpunkt keinen der jetzt öffentlich Empörten interessiert.

Natürlich sind die Vorgänge um Prokon nicht schön. Sie sind aber weder etwas Ungewöhnliches noch überraschend. Dies empfinde ich als den eigentlichen Skandal. Die öffentliche Empörung kann ich deswegen nur als Heuchelei ansehen.

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