Der aufhaltbare Niedergang der Publikumsfonds

by Karl-Heinz Thielmann on 11. Februar 2014

Eigentlich ist ein Publikumsfonds ein tolles Finanzprodukt: Anleger können auch kleine Summen breit gestreut anlegen. Dabei können sie sich einem professionellen Portfoliomanagement anvertrauen und müssen sich nicht selbst täglich mit den Kapitalmärkten befassen. Zudem sind Fonds als rechtlich unabhängige Sondervermögen besonders gut geschützt.

Dennoch haben es Publikumsfonds derzeit schwer. Zwar fließen der Investmentbranche Gelder in Hülle und Fülle zu. Allein 2013 sammelte die deutsche Fondsbranche laut Statistik des Branchenverbandes BVI Investorengelder in Höhe von 76,7 Mrd. € ein. Allerdings beruhte der Löwenanteil auf Zuflüsse in Spezialfonds, die für institutionelle Großanleger aufgelegt werden. Bleiben noch 18,7 Mrd. € für Publikumsfonds.

Diese Zahl sieht auf den ersten Blick nicht so schlecht aus. Das Bestandsvolumen ist mit 716 Mrd. € allerdings schon relativ hoch. Das ausgewiesene Wachstum beträgt also gerade einmal 2,7%. Zudem muss man bei der BVI-Statistik beachten, dass Dachfonds effektiv doppelt auftauchen, da man sowohl sie wie auch die endgültig gekauften Fonds zählt. Zieht man sie ab, kommt man auf einen Netto-Bestand von 657 Mrd. € und einen Netto-Zuwachs von 15,3 Mrd. €. Dies ist nicht viel angesichts von ca. 160 Mrd. € zusätzlicher Ersparnis 2013.

Bedenklich ist auch, dass die Mittelzuflüsse vorzugsweise in Rentenfonds gehen (+ 8,8 Mrd. €), die angesichts der aktuellen Zinssituation kaum Chancen auf reale Wertsteigerungen haben; sowie in Mischfonds (+18,2 Mrd.€), deren Performance-Vergangenheit in Deutschland bisher desaströs war (hierzu mehr in einem späteren Beitrag). Aktienfonds, die für die langfristige Kapitalbildung so wichtig wären, mussten hingegen heftige Abflüsse verkraften (- 6,6 Mrd. €).

Was sich aus der BVI-Statistik nicht genau ablesen lässt, sind die Absatzergebnisse für Indexfonds. Allerdings lassen die Zahlenangaben vermuten, dass sich Deutschland im vergangenen Jahr dem globalen Trend zu diesen Produkten aufgrund eines Sondereffekts entzogen hat. Es gab speziell bei einem Anbieter starke Abflüsse, der sich auf synthetische ETFs spezialisiert hatte. Diese bilden Indizes nicht mit realen Wertpapieren, sondern mit Derivaten nach. Dies wird von Investoren zurecht zunehmend abgelehnt, da hierdurch ein zusätzliches Kontrahentenrisiko entsteht.

Im globalen Anlagegeschäft lassen sich börsengehandelte Indexfonds nicht mehr wegdenken, wie Zahlen der Researchgesellschaft ETFGI zeigen. So flossen weltweit in 2013 243,1 Mrd. US$ in Indexfonds nach 265 Mrd. US$ im Vorjahr. Insbesondere in den USA ist ein starkes Wachstum von Index-Aktienfonds zu verzeichnen, die zunehmend traditionelle Publikumsfonds verdrängen.

Indexfonds haben gegenüber ihren etablierten Wettbewerbern erfahrungsgemäß eine signifikant bessere Performance, was sie zunehmend bei Privatanlegern beliebter macht. Der erste offensichtliche Grund hierfür ist, dass sie mit deutlich weniger Gebühren belastet sind. Verwaltungsvergütungen im Promillebereich und die Nutzung von Programmhandel zur Minimierung von Transaktionskosten haben die laufenden Kosten auf ein Minimum gedrückt. Die klassischen Publikumsfonds hingegen sind mit Gebühren überladen. Bei Aktienfonds sind laufende Kosten von 2% p.a. keine Seltenheit. Hierin sind Vertriebsvergütungen enthalten, mit denen man als Anleger auch belastet wird, wenn man keine Finanzberatung in Anspruch genommen hat. Hinzu kommen in guten Jahren noch oft Performancegebühren. Weiterhin kann man je nach Produkt aufgrund von Transaktionen versteckte Kosten von ca. 1%-2% p.a. hinzurechnen, bei populären Fonds sogar mehr. Selbst wenn fähige Fondsmanager vor Kosten regelmäßig den Index übertreffen, reicht diese Wertentwicklung nicht aus, um die Aufwendungen wieder zu kompensieren. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass man tatsächlich einen Fondsmanager finden kann, der sich deutlich vom Index absetzt?

Eine Studie der britischen Gesellschaft SCM Private hat im vergangenen Jahr die Fondsstrukturen von aktiv gemanagten Aktienfonds in den USA und Großbritannien verglichen. Das Ergebnis: In den USA waren 10% der untersuchten Fonds von ihrer Struktur her dem Benchmarkindex sehr nahe. 65% hatten sehr deutliche Abweichungen zum Marktindex. In Großbritannien hingegen waren 46% dem Index sehr nahe; nur 24% hatten sehr deutliche Abweichungen. Für Kontinentaleuropa wurden keine Zahlen ermittelt, ich würde aber aufgrund meiner Erfahrungen schätzen, dass der Anteil der Fonds, die sehr indexnah strukturiert sind, noch weit höher bei klar über 50% liegt; während die deutlich indexfernen Produkte eindeutig weniger als 20% ausmachen.

Zumindest in Europa sind also ein großer Teil der Publikumsfonds echte Mogelpackungen, bei denen die Kunden einen Indexfonds bekommen, aber trotzdem hohe Gebühren für aktives Management zahlen. Durch kostspielige Fondsmanager ist dies aber nicht begründet. Die Portfolios werden in Europa üblicherweise von mäßig bezahlten Mittdreißigern gesteuert, die nach kurzer Eingewöhnungszeit Verantwortung für Hunderte von Millionen von Anlegergeldern aufgebürdet bekommen. Nicht wenige sind hiervon überfordert und freuen sich, wenn sie einen Marktindex als Orientierungsmarke haben. Wenn sie dann mit ihren Publikumsfonds relativ konsistent jährlich ca. 2-3% hinter ihrem Vergleichsindex liegen, ist dies unter den Umständen nicht erstaunlich.

Doch woran liegt diese Vernachlässigung der Qualität im Fondsmanagement? Eine Erklärung für das Versagen europäischer Fonds könnte sein, dass die Anlagemanager im Gegensatz zu US-Wettbewerbern in Bank- und Versicherungskonzerne eingebunden sind, denen Kundeninteressen relativ egal sind. Allerdings ist die Unabhängigkeit von Finanzkonzernen auch keine Erfolgsgarantie.

Der Franzose Édouard Carmignac war mit seiner 1989 gegründeten Investmentfirma bis vor wenigen Jahren der große Hoffnungsträger der europäischen Fondsindustrie. Mit seinem Ansatz, auf Unternehmen zu setzen, die von langfristigen ökonomischen Trends profitieren, gelang ihm über Jahre hinweg eine herausragende Performance. Seine Gesellschaft gründete immer neue Fonds und bekam hohe Zuflüsse. 25 Jahre nach Gründung ist der einst erfolgreiche Nischenmanager im industriellen Mittelmaß angekommen. Die Wertentwicklung der meisten Produkte ist nur noch mäßig, trotzdem wurden teilweise enorme Performancegebühren abkassiert.

Der ebenfalls unabhängigen britischen Investmentfirma Invesco wurde im Okober 2013 ein Schlag versetzt, als ihr Aushängeschild, der 53 jährige Starfondsmanager Neil Woodford, frustriert seinen Job hinschmiss. Die Industrie orientiere sich immer kurzfristiger, klagte er. Langfristige Anleger wie er würden trotz ihrer augenscheinlichen Erfolge immer weiter an den Rand gedrängt. Jetzt will Woodford bei einer kleinen Investmentfirma weitermachen. Es wird spannend, wie er sich behaupten kann.

Denn es gibt ein zweites grundsätzliches Problem der Fondsbranche, das die Performance der Publikumsfonds beeinträchtigt: das prozyklische Verhalten vieler Anleger, das durch die Empfehlungen von Investmentconsultants und Fondsratingagenturen noch verstärkt wird. Als Hauptkriterium bei der Fondsauswahl hat sich vielfach die unmittelbare vergangene Performance der jeweiligen Investmentprodukte herauskristallisiert. Ein Fonds, der einen guten Track-Record hat, wird mit Geldern überschwemmt. Diese werden, wenn es nicht mehr so gut läuft, gleich wieder abgezogen. Dieses „fund hopping“ generiert enorme Kosten und belastet die Wertentwicklung. Entgegenwirken kann ein Anbieter nur, indem Fonds frühzeitig geschlossen werden. Dies machen aber die wenigsten, weil sie ja ein finanzielles Interesse am Verkauf haben. Blackrock ist unter den große Anbietern derzeit eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen: Am 7. November 2013 wurden der BGF Continental European Flexible Fund und der BSF European Absolute Return Fund geschlossen, um zu große Mittelzuflüsse abzuwehren.

„Teuer und schlecht“ ist kein Erfolgsrezept für die Zukunft. Damit der traditionelle Publikumsfonds sich langfristig behaupten kann, ist ein radikales Umdenken bei den Fondsgesellschaften notwendig, von dem aber bisher wenig zu erkennen ist. Noch immer spielt dauerhafte Produktqualität kaum eine Rolle. Nach wie vor wird vor allem versucht, indexorientierte Produkte als aktive Fonds zu verpacken und dann zu überhöhten Gebühren zu verkaufen. Immer mehr Anleger durchschauen aber dieses Spiel. Nur mit überzeugenden Produkten, die tatsächlich das Versprechen eines professionellen aktiven Fondsmanagements erfüllen, kann man den Verfall des Publikumsfonds aufhalten.

Die Entwicklungen in den USA zeichnen dabei den Weg vor: Indexfonds werden das standardisierte Massenprodukt in der Kapitalanlage. Aktive Fonds sind – wie die Zahlen von SCM Private zeigen – dort deutlich indexferner ausgerichtet. Sie haben nur dann eine Chance, wenn sie sich entweder klar zu einem Investmentstil bekennen wie Value- oder Wachstumsfonds; oder auf Marktnischen spezialisiert sind, bei denen eine Indexierung aus Liquiditätsgründen fragwürdig ist, wie z. B. bei Schwellenländeranlagen, Nebenwerten oder Unternehmensanleihen. Im Wettbewerb zwischen US-Fonds wird Qualität immer wichtiger. Europäische Anbieter können nur überleben, wenn sie dem folgen.

Dieser Beitrag erschien in leicht abgewandelter Form zuerst in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 22 vom 3. Februar 2014.

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