Schwellenlandkrise und Investitionsschwäche deutscher Unternehmen

by Dirk Elsner on 10. Februar 2014

Nach einem Jahresende voller optimistischer Vorhersagen beherrscht seit einigen Wochen die “Schwellenlandkrisedie Akteure an den Finanzmärkte und die Schlagzeilen der Wirtschaftsmedien. Nachdem in Deutschland der DAX bis zum 22. Januar auf fast 9.800 Punkte stieg, setzte vergleichsweise plötzlich eine deutliche Talfahrt nicht nur in Deutschland, sondern der Aktienmärkte weltweit ein. Der DAX brach um fast 8% ein (und erholte sich bis Freitag wieder deutlich).

Neue Konjunktur düsterer Schlagzeilen

Fast hatte man den Eindruck, einige Redakteure in den Wirtschaftsmedien frohlockten bereits, weil sie wie 2012 endlich wieder Schlagzeilen von “Währungschaos” und “Ansteckungsgefahr” produzieren können.

Auswahl der Schlagzeilen der letzten Wochen

Das erinnerte an überwunden gehoffte Zeiten der Finanz- und Eurokrise und verunsichert einige Unternehmen und Anleger. Und als einige Redaktionen anfingen, so richtig heiß zu schreiben und wie gewohnt die in solchen Marktlagen immer gleichen und langweiligen “Crashexperten” (hier Marc Faber, Roland Leuschel, Nouriel Roubini) zu zitieren, da legte sich erst einmal die vermutete Panik.

Ist das deutscher Steuersystem schuld …

Ohne das jetzt hier vertiefen zu wollen, werfen die jüngsten Turbulenzen (von denen übrigen nur gesprochen wird, wenn die Kurse stark fallen) ein Schlaglicht auf die defizitären Leistungsbilanzen einiger Schwellenländer geworfen. Denn Länder wie die Türkei, Brasilien oder Indien weisen bedrohlich erscheinende Defizite in ihren Leistungsbilanzen aus (siehe die Hitliste der Leistungsbilanzen von 176 Ländern in dieser Übersicht). Daniel Gros und Thomas Mayer hatten das aktuelle Szenario Ende November schon skizziert:

“Europäischen Kapitalexporten, der Gegenbuchung des Leistungsbilanzüberschusses, stehen also Kapitalimporte von weniger stabilen Schwellenländern gegenüber. Ein abermaliger Anstieg von Risikoaversion der internationalen Investoren, ausgelöst etwa durch ungünstige wirtschaftliche oder politische Entwicklungen in Schwellenländern oder durch eine straffere amerikanischen Geldpolitik, könnte die Finanzierung der Defizite dieser Länder erschweren. Stockt der Kapitalfluss in die Schwellenländer, müsste auch der Leistungsbilanzüberschuss des Eurogebiets wieder durch eine Rezession eliminiert werden.”

Und wenn es um die negativen Folgen von Leistungsbilanzdefiziten geht, dann rückt stets Deutschland in den Mittelpunkt, weil wir hier weiterhin jährlich neue Rekorde bei den Handelsbilanzüberschüssen erzielen. Deutschland wird seit Jahren vorgeworfen, nichts gegen die hohen Überschüsse zu unternehmen. Die EU-Kommission zeigt Deutschland sogar die gelbe Karte in Formeines Prüfverfahrens (Details dazuin dieser Presseerklärung). Behandelt habe ich die Probleme der deutschen Überschüsse in den letzten Monaten in folgenden Beiträgen:

Schon aus buchhalterischen Gründen leuchtet ein, dass dem hohen Leistungsbilanzüberschuss ein ebenso hohes Importdefizit gegenüber steht. Deutschland kauft zu wenige Güter im Ausland. In diesem Zusammenhang wird oft geschrieben, deutsche Unternehmen würden nicht genügend investieren. Statt in Deutschland zu investieren würden im Ausland riesige Vermögen angehäuft (letztlich auch zur Finanzierung der Defizite in den Krisenländern).

… oder investieren Unternehmen zu wenig

Aus der Feststellung wiederum, dass Unternehmen zu wenig investieren würden, um den Leistungsbilanzüberschuss zu reduzieren, wird häufig abgeleitet, deutsche Unternehmen würden insgesamt zu wenig investieren (DIW Berlin, Philip Plickert für die FAZ oder Wolfgang Münchau für Spon. Dieser Gedanke begann auch mir Sorgen zu bereiten, denn zu wenig Investitionen führen dann auch irgendwann zu weniger Wettbewerbsfähigkeit, wobei dies dann endlich zu einer Verringerung der Leistungsbilanz führen würde.

Dennoch finde ich die Argumentation vieler Ökonomen, hohes Leistungsbilanzüberschuss = zu wenig Investition zu flach, vor allem, wenn man die voreiligen Schlussfolgerung liest, wie sie etwas Andreas Freytag für den INSM-Blog formuliert. Er schreibt:

“Die wachsenden Ausfuhren sind nicht Zeichen von großer Wettbewerbsfähigkeit, sondern das genaue Gegenteil. Offensichtlich wird Kapital nicht zu Hause in der Bundesrepublik investiert, sondern fließt ins Ausland ab. Der Heimatmarkt ist nicht lukrativ genug. Die Gründe sind schon lange bekannt: Ein undurchsichtiges Steuersystem und Überregulierung im Dienstleistungssektor – um nur zwei Punkte zu nennen. Hier sollte die neue Regierung ansetzen. Ein starkes Deutschland, das im Inland wieder mehr investiert, würde auch den europäischen Partnern helfen, die Krise zu überwinden.”

Verkürzt könnte man das auch so übersetzen: Weil das Steuersystem undurchsichtig ist und der Dienstleistungssektor überreguliert, wird Kapital lieber im Ausland investiert. Das Ausland verwendet das Kapital letztlich wieder für Käufe in Deutschland und erhöht damit den Überschuss. Im Umkehrschluss bräuchte man so also nur das Steuersystem durchsichtiger gestalten (was auch immer das heißt) und den Dienstleistungssektor zu deregulieren. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, mir klingt das nur zu simple.

Deutsche Unternehmen investieren gar nicht so wenig

Letzte Woche fand ich dann Aussagen der Bundesbank, die der mangelnden Investitionsneigung deutscher Unternehmen widersprechen. In ihrer Untersuchung über die “Ertragslage und Finanzierungsverhältnisse deutscher Unternehmen im Jahr 2012” war zu lesen

Die aggregierte Bilanz des nichtfinanziellen Unternehmenssektors zeigt, dass die “ausgeprägte Investitionsschwäche, die sich aus dem aktuellen Rechenstand der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) ablesen lässt, im bilanzierten Anlagenbestand der Firmen keinen entsprechenden Widerhall gefunden hat. Demnach wurden 2012 etwa so viele Mittel auf die Beschaffung neuer Sachanlagen verwendet wie im Durchschnitt der beiden Jahre davor. Damit wurde der Wert der Abschreibungen insgesamt um ein Achtel übertroffen.”

Im Klartext bedeutet dies. Schaut man sich die Bilanzen der Unternehmen an, dann zeigen sie, dass diese investieren und zwar mehr als sie abschreiben. So schlimm scheint es also nicht zu sein mit der mangelnden Investitionsneigung.

Nun können zwar Ökonomen dennoch behaupten, Unternehmen investieren zwar, jedoch zu wenig, denn andernfalls hätten wir ja eine ausgeglichene Leistungsbilanz. Aber mir ist das zu flach und tautologisch, vor allem aber viel zu deterministisch. Ich denke, wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass man nicht an Schraube A dreht, damit B passiert. Das passiert in einfachen Gleichgewichts- oder meinetwegen Ungleichgewichtsmodellen, die hatten aber schon bisher wenig mit der Realität zu tun. Meistens geschieht etwas ganz Anderes in der praktischen Ökonomie und ganz selten das von Ökonomen Erwartete (wobei die Fachleute natürlich anschließend sofort erklären können, woran das lag).

Deutsche finanzieren Leistungsbilanzüberschüsse mit Geschenken

Aber wo wir schon bei Leistungsbilanzüberschüssen und deutschen Kapitalexporten sind. Daniel Gros und Thomas Mayer weisen in dem oben verlinkten Artikel darauf hin, dass eigentliche der kumulierte Wert der Überschüsse der Veränderung des Nettovermögens entsprechen müsste (das ergibt sich wiederum aus buchhalterischer Logik). Tatsächlich aber, so schreiben sie, gibt es eine Differenz von 300 Milliarden Euro. “Abgesehen von statistischen Diskrepanzen ist die Differenz auf Abschreibungen auf Anlagen im Ausland zurückzuführen.” Im Klartext: Wir Deutsche haben unser Geld schlecht im Ausland angelegt und letztlich unser Geld ohne Gegenleistung übertragen (vulgo verschenkt).

Was will ich nach so viel Text eigentlich sagen? Ich habe mich in den vergangenen Tagen ein wenig durch die Schlagzeilen geklickt. Hilfreich war das, was ich dort an Schnelldiagnosen las, nicht. Wir haben wieder einmal nur den Beweis dafür, dass nach einem “Ereignis” ein großes Nachrichtenrauschen mit vielen für plausibel gehaltenen Geschichten einsetzt, die aber keinen Erkenntnisgewinn bringen.

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