Bedrohen Banker das Wirtschaftssystem?

by Udo Stähler on 6. März 2014

Ein Gastbeitrag von Udo Stähler*

Banker sind die Handelnden der Banken. Doch sind sie Ak- oder Exekuteure? Wenn Bankmanager auch die Regeln machen, mit denen sie Banken steuern, so entscheiden die Funktionsbedingungen des Kapitalmarktes, ob diese Regeln zu Erfolg oder Untergang führen. Seit dem Zusammenbruch von Lehmann Brothers wird über die Ursachen und Folgen der Finanzkrise diskutiert. Ende 2013 beklagte Marc Beise in der SZ, dass Banker eine Gefahr für das Wirtschaftssystem seien; dass, während die Chefs der Deutschen Bank angesichts immer neuer ungeheuerlicher Vorkommnisse in ihrer Bank Asche über ihr Haupt schütteten, “mehr und mehr (sich) offenbart eine organisierte Verantwortungslosigkeit.“ Beise weiter: „Noch ein Skandal, und es wird so viel Regulierung kommen, dass man die Banken auch gleich verstaatlichen kann“.

Während Beise auf der einen Seite die uns allen bekannte und vom Durchschnittlichen (Mainstream) goutierte Kritik an der Gier der Banker zusammenfasst, weist seine Vermutung einer „organisierte(n) Verantwortungslosigkeit“ darauf hin, dass er nicht nur eine aus dem Ruder gelaufene Spezies wie Investmentbanker, sondern System dahinter vermutet. Was hat es mit dieser „organisierten Verantwortungslosigkeit“ auf sich, ist sie eine Charaktereigenschaft der hier betrachteten Banker oder gar eine Funktionsbedingung des Kapitalmarktes?

Vor über 20 Jahren begegneten mir viele Bankkunden zunächst eher ehrfurchts- denn vertrauensvoll. Heute spüre ich bei mittelständischen Firmenkunden eine klammheimliche Freude angesichts der Ent-Thronisierung der Bankerzunft; teilen tue ich ihre Skepsis gegenüber Banken nicht wegen der kleinen Wolfs of the Wallstreet, sondern wegen der Marktfunktionsbedingungen, die hinter der „organisierten Verantwortungslosigkeit“ stecken. Auf dem Kapitalmarkt sind der „organisierte“ Rahmen die Regeln zur optimalen Allokation des eingesetzten Kapitals und das Renditestreben ohne stofflichen Hintergrund ist die Ursache der „Verantwortungslosigkeit“. Nebenbei: Beise spricht zwar von der Gefahr der Banker für das Wirtschaftssystem, erläutert aber eine Gefahr der Banker für Banken, die dann wiederum wichtig sind für das Wirtschaftssystem.

Aus der Branche selbst scheint eine Lösung zu kommen: Die Commerzbank hat die Konkurrenz mit einem kritischen Werbespot auf die Palme gebracht. Ihre Kernfrage, ob „Deutschland noch eine Bank (brauche), die einfach so weitermacht?”, trifft den Kern … fast. Eine börsennotierte Aktiengesellschaft wie die Commerzbank muss den Renditeanforderungen der Investoren gehorchen. Denen ist – anders als den aufgeregten Wettbewerbern – egal, ob eine joggende Filialdirektorin zu verantwortungsvollem Handeln auffordert, wenn die Renditeerwartungen erfüllt werden. Für die Verzinsung ihres Eigenkapitals kann die Bank weitermachen, wie sie will, wenn der Kapitalmarkt zufrieden ist. Wenn nicht, wird die Commerzbank wieder „einfach so weitermachen“ müssen und unsere joggende Filialdirektorin wird möglicherweise den verantwortungsvollen Umgang mit höheren Risiken zur besseren Bedienung der Investoren in den Werbespot aufnehmen müssen.

Zwar müssen wir nicht erwarten, dass Spekulationen mit Nahrungsmitteln dann wieder ins Investmentportfolio gehören, doch die erforderliche Erhöhung der Rendite und des Unternehmenswertes wird alle börsennotierten Banken bewegen, Änderungen bei ihren Investments vorzunehmen. Wenig Kapitalbindung und hoher Return sind Argumente am Kapitalmarkt. Was gestern pfui wir morgen hui: Im Bankensektor ist der Ankauf von Staatsanleihen aus Spanien, Italien, Portugal, wieder zu beobachten. Nachdem sie vorher kräftig abgebaut wurden.

Die Befürchtung, dass Banker unser Wirtschaftssystem bedrohen, trübt den Blick auf die Funktionsbedingungen am Kapitalmarkt. Dort besteht Regulierungsbedarf. Denn es gefährdet der, der am Kapitalmarkt seinen Job gut macht – nach den heutigen Regeln dieses Marktes – die Wertschöpfung am Gütermarkt. Die Empörung der Wettbewerber über den Werbespot der Commerzbank ist letztlich die Empörung darüber, dass der Kapitalmarkt wieder eine Dienstleistungs-Funktion für die Realwirtschaft übernimmt. Ein deregulierter Kapitalmarkt ist in der Tat ein Risiko für die Wertschöpfung in der Realwirtschaft.

Diese Betrachtungsweise der Finanzkrise hatte leider nur kurz Konjunktur. Schnell wurde aus der Erkenntnis, dass mit den als Wertpapieren weiterverkauften Immobilienkrediten die Investmentbanken selbst wieder Geld verdient haben, der Investmentbanker und das Vergütungssystem der Banken vom Nutznießer zur eigentlichen Krisenursache. So wurde die systematische Analyse der Krisenursachen durch den Blick auf habgierige Banker getrübt. Differenziertere Betrachtungen, es handele sich um eine Kombination einer kreditfinanzierten Blase der US-Immobilienpreise, staatlicher Fehlanreize und der „Gier der Banker“ als Teil organisierter Verantwortungslosigkeit wurden in gut fünf Jahren auf „Banker bedrohen das Wirtschaftssystem“ verkürzt.

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* Udo Stähler ist Diplom Volkswirt und Interim Manager. Er war über 25 Jahre in leitenden Funktionen im Firmen- und gewerblichen Immobilienkundengeschäft von Bankkonzernen tätig.

Dividenden-Sammler März 6, 2014 um 20:14

Banken sollten für Kunden da sein.
Für Firmen, welche investieren möchten.
Für Privatpersonen, welche einen Kredit für ein Auto oder Häuschen benötigen.
Damit sollten die Banken ursprünglich Geld verdienen.

Das die Bankenwirtschaft jetzt mehr Geld verdient, indem sie spekuliert oder Geschäfts tätigt in einer Größenordnung, welche ein ganzes Land zum Schwanken bringen könnte, das sind Übertreibungen in extremsten Ausmaß.

Eine Teilung der Bank in Kredite für Firmen/Privatpersonen und ein anderer Bereich zum Handeln ist absolut in Ordnung. Aber wenn der Handelsbereich den Kreditbereich um ein vielfaches überragt – dann entstehen Problem…

Beste Grüße
D-S

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