Falsche Hoffnungen an Geldpolitik der EZB: Pferde saufen nicht

by Dirk Elsner on 3. November 2014

Verfolgt man die aktuelle öffentliche Debatte über die Geld- und Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), dann fällt auf, welche große Hoffnungen an die EZB geknüpft werden. Die Niedrigzinspolitik, das Aufkaufprogramm für Wertpapiere und selbst der Bankenstresstest sollen endlich die Kreditvergabe in Europa ankurbeln.

Nun wurden gerade letzte Woche erneut Daten veröffentlicht nach denen die Banken in der Eurozone immer weniger Kredite an Unternehmen und Privathaushalte vergeben. Die EZB, so dämmert es, kann einerseits allein die Probleme der mangelnden Investitionskreditvergabe durch die Banken nicht lösen, andererseits benötigen viele Unternehmen nicht einmal Kredite, weil sie in Liquidität baden können.

Konzerne schwimmen im Geld und investieren nicht

Viele Konzerne brauchen gar keine neuen Kredite, denn sie ertrinken fast in Geld. Die Finanzreserven der großen Dax-Konzerne, so schrieb Zeit Online vor einigen Wochen, seien im Laufe des vergangenen Jahres erheblich gewachsen. Demnach habe Ernst & Young in die Jahresabschlüsse der Konzerne geschaut und errechnet, dass die liquiden Reserven der Banken um rund 9 Prozent gestiegen seien. Solche Daten sind freilich nicht nur auf die großen Konzerne beschränkt. Auch der Mittelstand hortet Liquidität, wie einer Studie der Fachhochschule des Mittelstands (pdf) im September 2013 feststellte.

Wie es bei den Konzernen aussieht, zeigt das Beispiel Volkswagen: Der Bestand an Zahlungsmitteln, Zahlungsmitteläquivalenten und Termingeldanlagen der Automobilsparte, also ohne Finanzdienstleistungen, betrug 17,5 Milliarden Euro – siehe den passenden Halbjahresfinanzbericht (S. 29). Das ist zwar ein Rückgang um 3 Milliarden Euro im Vergleich zu 2013. Gleichzeitig wuchsen jedoch die sonstigen Forderungen und finanziellen Vermögenswerte um fast den gleichen Betrag. Darin enthalten sind die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, die man auch als Kredite an Unternehmen oder Privatpersonen bezeichnen kann. Der längst nicht mehr heimliche Umbruch in der Unternehmensfinanzierung, setzt sich also fort.

Diese Beobachtungen fügen sich nahtlos in die hier in verschiedensten Zusammenhängen berichteten Erkenntnisse, dass die Bedeutung der Bankenfinanzierung deutlich nachgelassen hat. Statt zu investieren oder nicht notwendige Liquidität an die Eigentümer auszuschütten, horten die Finanzvorstände lieber Geld, vielleicht auch um in Krisenzeiten besser gewappnet zu sein als in den Jahren 2008 und 2009. Das Trauma der Kreditklemme in Folge der Lehman-Pleite ist immer noch im kollektiven Gedächtnis der Finanzabteilungen verankert.

Wo die Liquidität parken?

Unternehmen haben damit ein ganz anderes Problem, nämlich das Managen der Liquidität. Das ist zwar angenehmer als das Managen einer Liquiditätsklemme, jedoch alles andere als trivial. Liquide Mittel werden letztlich stets in Form von Forderungen gegenüber Banken, anderen Unternehmen oder Institutionen gehalten. Vor dem Hintergrund der trotz erfolgreichen Stresstest immer noch labilen Bonität einiger Banken ist es für Unternehmen nicht egal, wo sie ihre liquiden Mittel parken. Im Sommer musste in Europa erneut mit Staatsmitteln eine Bank gerettet werden.

Die Hilfe für die portugiesische Bank Espirito Santo (BES) kam überraschend, denn die Bank war unter anderem durch die Troika untersucht und für gesund befunden worden (siehe dazu handelsblatt.de). Noch wenige Tage vor der Rettung erklärte die portugiesische Bankenaufsicht, die BES verfüge über ausreichend Kapital, um mit ihren Problemen fertig zu werden. Das war ein großer Irrtum.  Nach dem Stresstest der EZB könnten ebenfalls wieder neue Problemzonen. Jedenfalls ist man in den Unternehmen weiterhin skeptisch ob der Finanzkraft vieler Banken.

Sicherheit vor Rendite

Unternehmen achten seit der Pleite von Lehman Brothers vor 6 Jahren deutlich stärker auf das Ausfallrisiko von Banken und diversifizieren auch ihre Geldkonten bei Banken. Ärgerlich, dass Banken erstklassiger Bonität schrittweise dazu übergehen, negative Zinsen für hinterlegte Einlagen zu verlangen. Konzerne mit Finanztöchtern haben es da etwas einfacher. Sie können im Zweifel überschüssige Liquidität bei der EZB parken, müssen aber ebenfalls mittlerweile einen Strafzins in Kauf nehmen.

Der Treasurer berichtete Ende des Jahres 2013 über eine Studie, nach der die befragten europäischen Unternehmen 40 Prozent ihrer Cash-Reserven in Bankeinlagen und 41 Prozent in Geldmarktfonds anlegen. 13 Prozent fließen in Unternehmensanleihen, Commercial Paper und Repogeschäfte*. Repogeschäfte sind mittlerweile die mit Abstand wichtigste und relevanteste Form besicherter Geldmarktgeschäfte. Die Bundesbank schreibt: “Finanzinstitute, Wertpapierhändler, Unternehmen und andere Marktteilnehmer nutzen die Repomärkte vor allem um ihre Liquidität zu steuern oder längerfristige Anlagen zu finanzieren. Die Bedeutung von Repo­geschäften hat in den letzten Jahren weiter zugenommen. Dahinter steht der anhaltende Trend, Risiken aus Kreditgeschäften zu begrenzen und sich wegen der Verpflichtung zu einer angemessenen Eigenkapitalausstattung zu beschränken.

Die meisten Unternehmen verhalten sich konservativ beim Management ihrer liquiden Mittel. In der Regel wollen sie Liquidität und Sicherheit nicht für ein Renditeplus riskieren. Viele Unternehmen habe daher längst damit begonnen, ihr Risikomanagement im Treasury weiter zu professionalisieren. Dazu gehören verbesserte Maßnahmen zur Früherkennung von Risiken auch im Finanzsektor.

Zweiklassengesellschaft in Europa und keine Lust auf Investitionen

Während einerseits viele Unternehmen in Liquidität schwimmen, gibt es weiterhin viele Unternehmen, die nur schwer an Bankkredite kommen. Das sind meist Firmen, deren Bonität nicht so erstklassig ist. Banken halten sich hier zudem zurück, weil Kredite an Unternehmen mit schwächerer Bonität aufgrund der Regulierung höher im Eigenkapital angerechnet werden. Das macht solche Darlehen tendenziell weniger attraktiv.

Angesichts der niedrigen Zinsen und der hohen Liquidität stellt sich immer deutlicher die Frage, warum Unternehmen keine Lust auf Investitionen haben. Damit werde ich mich nächste Woche befassen.


* Ein Repo (Sale and Repurchase Agreement, Pensionsgeschäft) stellt eine Vereinbarung dar, “bei dem der Verkäufer Wertpapiere an den Käufer verkauft und sich gleichzeitig verpflichtet, dieselben oder ähnliche Wertpapiere zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukaufen. Beim Rückkauf zahlt er den gleichen Preis wie beim ursprünglichen Verkauf, zuzüglich Zinsen für den erhaltenen Geldbetrag (Cash).“ (mehr Details hier von der Bundesbank).

Previous post:

Next post: