Uber dreht – App-Industrie gerät unter Druck

by Dirk Elsner on 24. November 2014

Nach der Aufregung im Spätsommer über den sich auch in Europa ausbreitenden Fahrdienst Uber war es etwas ruhiger geworden. Es sah fast so aus, als habe das fast schon etablierte Start-up aus San Francisco aus dem PR-Desaster gelernt. Mit seiner rüden Reaktion auf ein vorläufiges (und mittlerweile aufgehobenes) Verbot des Frankfurter Landgerichts hatte Uber nicht nur bei mir seinen Welpenbonus verspielt.

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Merle Dixon: Nicht jeder profitiert von der Bad-Guy-Rolle

Uber betreibt bekanntlich taxiähnliche Fahrdienste, die über Smartphone-Apps vermittelt werden. Dabei können auch Privatpersonen ihre Fahrdienste, die keinen Personenbeförderungsschein besitzen, anbieten. Die Online-Plattform, die Fahrten zwischen Fahrgästen und Fahrern vermittelt, steht in Deutschland und weltweit unter schweren juristischem Feuer. Der Vorwurf: Uber vermittelt gewerblich Fahrten, die von Privatpersonen ohne die notwendigen rechtlich vorgeschriebenen gewerblichen Voraussetzungen (Personenbeförderungsschein, Versicherungen etc.) erbracht werden.

Private Äußerungen weichen oft vom Markenimage ab

Offensichtlich fühlt sich Uber von Medien und Bloggern nicht verstanden. Anders kann ich mir den Ausraster des Uber-Managers Emil Michael nicht erklären. Bei einem Treffen hat er sich über Ideen geäußert, wie man Kritiker des Unternehmens mundtot machen könne, in dem man ihr Privatleben ausforsche. Dabei, so schreibt Markus Beckedahl, soll er auch darüber nachgedacht haben, auf von Uber gesammelte Bewegungsdaten der Nutzer zurückzugreifen. Flankiert wird die Uber-Kontroverse um weitere Veröffentlichungen zu der Datenschutzpraxis bei Uber und einem offenen Brief eines US-Senators.

Die Äußerungen sind in einem privaten Rahmen gefallen und waren eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie offenbaren zwar eine erschreckende Geisteshaltung. Wenn man aber private Äußerungen von Managern, Mitarbeiter oder Gründern vieler anderer Unternehmen offenlegen würden, gäbe es vermutlich kaum noch “unbescholtene” Unternehmen. Ich würde daher den Skandal nicht so hoch hängen. Wer bei anderen Unternehmen glaubt, dass interne Meinungsäußerungen stets der veröffentlichten Positionen und dem Markenimage entsprechen, der glaubt sicher auch an den Weihnachtsmann.

Sympathien dauerhaft verspielt?

Dennoch, Uber hat selbst bisher wohlgesonnene Journalisten und Blogger gegen sich aufgebracht. Das Techblog Techcrunch fordert: “Uber’s Moral Compass Needs Recalibration.” Der sonst eher mit Start-ups sympathisierende britische Guardian fragt: Is Uber the worst company in Silicon Valley? und legte gestern nach mit “Big, bad tech: how America’s digital capitalists are taking us all for a ride”.

Während Uber-CEO Travis Kalanick per Twitter versuchte die Wogen zu glätten, fand ein prominenter Eigentümer von Uber es nicht so schlimm, bei Journalisten nach Dreck zu suchen und machte sich damit selbst zu Zielscheibe:

Realistischer scheint mir da Peter Thiel zu sein, der ebenfalls in Uber investiert ist. CNN zitiert ihn mit:

„Sometimes the people who break the rules win and sometimes they push it too far,“ Thiel said „And I think Uber’s right on the cusp of going simply too far on many of these things.“

Uber hat durch die verschiedenen Aktionen der letzten Monate seine Marke ziemlich beschädigt (siehe dazu auch Uber’s latest flap is denting its brand). Bis zum Sommer hatte Uber es geschafft, Journalisten und Community eher auf seiner Seite zu haben. Seit einigen Monaten scheint das vor allem auch in den USA gekippt zu sein. Das machen auch Beiträge deutlich, wie dieser von Liz Gannes für Recode über die Unterschiede von Uber und Airbnb.

Ob diese negative Welle nachhaltig wirkt, ist noch nicht klar. Das Netz und die Konsumenten vergessen und verdrängen ziemlich schnell Skandale. Andererseits zeigt das Beispiel “Abercrombie & Fitch”, dass eine einmal veröffentlichte Unternehmensmeinung ein Unternehmensbild nachhaltig schädigen kann. Im Frühjahr 2013 wurde die eigentlich bekannte Position, die Produkte des Unternehmens seien nichts für alte, dicke und hässliche Menschen plötzlich breiter diskutiert. Mittlerweile ist die “narzisstisch-elitäre Verkaufsmasche” für die einstige Kultmarke eine Problem (Die Welt).

Wenn nun bei Uber im Wochentakt neue negative Schlagzeilen hochkochen, dann festigt sich das schlechte Bild. Und aktuell scheint es so, als hätten sich Medien und Blogs auf den Fahrdienst eingeschossen. Der US-Blog Business Insider hat sich vergangene Woche mal dran gemacht, die vollmundingen Versprechungen von Uber zu den Verdienstmöglichkeiten der Fahrer zu überprüfen. Wenig überraschen, dass das Ergebnis ernüchternd ist.

Verantwortungslose Datensammelwut der App-Industrie?

Jon Russells kommt auf Techcrunch (Link oben) zu dem Schluss, dass man es mit Datensicherheit bei Uber nicht so genau nehme. In der Vergangenheit mögen das viele Nutzer ignoriert haben, weil sie an das Gute in den Unternehmen glaubten. Diese Illusion hat Uber nun empfindlich gestört und könnte damit auch viele andere Unternehmen, die mit gesammelten Daten arbeiten, unter Generalverdacht stellen.

Die Äußerungen werfen ein Schlaglicht auf die Datensammelwut vieler App-Anbieter und sollten eigentlich Wasser auf die Mühlen der in den letzten Jahren meistens überhörten Datenschützer. Vielleicht stellen jetzt immer mehr Nutzer Fragen an die erstellende Industrie. So wäre zum Beispiel interessant, wer welche persönlichen Daten für welchen Zweck speichert, wie diese Daten gesichert sind und wer darauf Zugriff hat. Google macht ja immerhin transparent, welche Daten es von den registrierten Nutzern speichert (siehe dazu den sehr interessanten Artikel mit entsprechenden Links, um dies gleich selbst zu überprüfen: Was Google wirklich weiß).

Und nun?

Trotz dieses Shitstorms sieht Niklas Wirminghaus Uber weiter auf dem besten Weg zum Mobilitätsgiganten. In Deutschland scheint Uber mittlerweile von Konfrontation auf konstruktiven Dialog umgeschaltet zu haben. In der F.A.S macht ein deutscher Manager konkrete Vorschläge zur Reform des Taxi-Rechts. Ich will diese Vorschläge jetzt nicht werten, aber dieser Weg dürfte erfolgversprechender sein als weiter die Rampensau zu spielen. Die sorgt zwar für mehr Schlagzeilen, beschädigt aber das Bild. Daneben dürfte Uber Probleme bekommen, Geschäftskunden von größeren Unternehmen zu gewinnen, wenn deren Compliance-Abteilungen angesichts der Äußerungen und Praktiken Bedenken für Fahrten äußern.

Vor zwei Woche kündigte Uber eine neue Finanzierungsrunde an und will laut Medienberichten noch einmal zwischen ein bis zwei Milliarden Dollar einsammeln. Nach einem Bericht des Wall Street Journal könne Uber auf eine Bewertung von über 30 Milliarden Dollar kommen. Wir werden in den nächsten Wochen sehen, ob die jüngsten Entgleisungen Einfluss auf diese Finanzierungsrunde hat.

Nachtrag vom 8.12.14

Welche Folgen es haben kann, wenn sich ein Unternhemen um Regeln nicht kümmert, offenbarte einer neuer Skandal in Neu Dehli, über den das Handelsblatt schrieb:

„Ein Fahrer des Taxi-Vermittlers Uber, der eine Frau in Indien vergewaltigt haben soll, saß schon einmal wegen eines mutmaßlichen sexuellen Übergriffs im Gefängnis. Das polizeiliche Führungszeugnis sei vor seiner Registrierung als Uber-Fahrer nicht überprüft worden, sagte ein Polizeisprecher in Neu Delhi am Montag. Uber führe diese Hintergrundchecks in der indischen Hauptstadt nie durch.“

Die Konsequenz für Uber lt. WSJ: Die Behörden der indischen Hauptstadt Neu Delhi haben den Betrieb des Dienstes verboten. „Uber dürfe ab sofort keine Fahrten in der Stadt anbieten, erklärte die Stadtverwaltung am Montag.“

Auf die Bewertung des Unternehmens Uber hatten die negativen Schlagzeilen bisher keinen Einfluss. Im Gegenteil. Das Unternehmen sammelte gerade neues Kapital ein und erreichte damit eine Bewertung von 40 Mrd. US Dollar. Das Manager Magazin schreibt dazu auf seinen Onlineseiten:

„Gerade das Rebellische, das Verbotene, dieses Zerstörungswütige, das macht Uber für Investoren so interessant. Unter anderem dafür schmeißen sie dem Unternehmen seit der Gründung insgesamt fast drei Milliarden Dollar hinterher und glauben dabei, das Unternehmen sei mehr als 40 Milliarden Dollar wert. Verrückt, muss man sagen. Aber als netter, höflicher Biedermann ist im Silicon Valley noch keiner über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden. Für Kalanick ist es gar eine Auszeichnung als Zerstörer, als Rebell klassifiziert zu werden. Einer der Besprechungsräume bei Uber heißt „War Room“. Der Name ist für das Unternehmen durchaus Programm. Ein Investor Ubers sagte mal, dass man kein Zerstörer sein könne ohne dabei auch Arschloch zu sein.“

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