Trotz fehlerhafter Prognosen mangelt es an Bescheidenheit bei ökonomischen Vorhersagen

by Dirk Elsner on 29. Dezember 2014

Meist befasse ich mich in diesem Blog um den Jahreswechsel mit dem Sinn und Unsinn von Prognosen (siehe hier für 2013). Nun hatte ich mich gerade im November erst mit wirtschaftlichen Vorhersagen am Beispiel eines Lavastroms auf Hawaii befasst. In dem Beitrag war mir aufgefallen, wie zurückhaltend Naturwissenschaftler bei ihren Vorhersagen sind, weil sie um die Schwächen genauer Prognosen von Vulkanaktivitäten wissen.

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Kaum vorhersehbar: Lavastrom am 28.10.2014 (Foto: HVO)

Solche Zeugnisse intellektueller Bescheidenheit findet man in veröffentlichten ökonomischen Vorhersagen eher selten und bestenfalls in Fußnoten. Besonders faszinierend sind  Finanzmarktprognosen, die oft mit großer Eloquenz vorgetragen werden, als folgten die Modelle einer gesetzlichen Logik. Leider wird der anekdotische Charakter dieser Vorhersagen auch von vielen Medien nicht erkannt, geschweige denn entlarvt. Das Handelsblatt hatte Mitte Dezember zu den Fehlschätzungen der Bankenanalysten festgehalten: “Beim deutschen Leitindex Dax waren die Schätzungen im Schnitt zwölf Prozent zu hoch, beim britischen Auswahlindex FTSE rund acht Prozent, wie die Auswertung von Reuters-Umfragedaten zeigt.“ Warum Kapitalmarktprognosen stets zu gut ausfallen, habe ich in dem Beitrag „Wenn Du ein Bär bist und falsch liegst, wirst Du gefeuert“ beleuchtet.

Kritiker schimpfen beim ex-post-Realitätscheck gern über die Unfähigkeit von Analysten und Volkswirten. Oft klingt die Kritik so, als müsste man einfach nur bessere Analysten und Verfahren finden, um dann zu der richtigen Vorhersage zu kommen. Solche Denke ist noch größerer Blödsinn. Trotz des verbreiteten Bewusstseins über die Fehleranfälligkeit ökonomischer Prognosen wiederholen sich die Rituale jedes Jahr.

Der Wirtschaftsforscher Thomas Straubhaar beschwerte sich vor Weihnachten in der Welt, dass Wirtschaftsweise in Grund und Boden gestampft würden, weil ihre Prognosen nicht eintreffen. Straubhaar wies übrigens auch darauf hin, dass im Gegensatz zur Wetterprognose Konjunkturprognosen das Verhalten in der Ökonomie beeinflussen und sich dadurch selbst zerstören oder bestätigen könnten. “Eine punktgenaue Vorhersage kann somit gar nicht das Ziel einer guten Konjunkturprognose sein.”

Das ist natürlich eine prima Entschuldigung. Straubhaar hat dabei wohl nicht im Kopf gehabt, was der Ökonom MIlton Friedman einst sagte: “Eine Erklärung ist erfolgreich, wenn mit ihrer Hilfe eine erfolgreiche Prognose gelingt.” (zitiert nach Brodbeck). Wendet  man  diesen  von  Friedman  angeführten  Maßstab an, dann sieht es sehr mau aus für die Ökonomie.

Widerlegt mangelnde Prognosefähigkeit die Neoklassik?

Wie reagieren Ökonomen auf die Konfrontation mit ihren eigenen Fehlprognosen? Hans-Werner Sinn soll nach Brodbeck auf eine entsprechende Frage geantwortet: „Wir machen ja keine unbedingten Prognosen – auch wenn wir in der Öffentlichkeit gern so interpretiert werden –, sondern wir treffen Wenn-dann-Aussagen: Wenn das Wachstum der Weltwirtschaft, der Rohölpreis, der Aktienkurs und anderes mehr bestimmte für plausibel gehaltene Werte annehmen, dann reagiert unsere Wirtschaft in einer bestimmten Weise, und es ergibt sich eine Konjunkturprognose.

Brodbeck kommentiert das so:

“Sinn wiederholt hier einen häufig von Ökonomen gemachten Denkfehler, der auf einer Petitio principii beruht: Die Aufgabe der ökonomischen Theorie – in Friedmans Definition – ist es, Preisbewegungen zu prognostizieren. Sinn übergeht diese Aufgabe und verpackt die wichtigsten Preise in der modernen Volkswirtschaft (Erdölpreis, Preise für Wertpapiere) in den „Datenkranz“:  Weil er den Erdölpreis und die Preise der Wertpapiere nicht erklären kann, deshalb könne er die Märkte bzw. den Gesamtmarkt nicht vorhersagen – weil Märkte nicht prognostiziert werden können, deshalb versagen Marktprognosen.

Diese  Immunisierungsstrategie,  Prognosen  von  Bedingungen abhängig  zu machen, die selbst zum wichtigsten Erklärungsbereich der ökonomischen Theorie gehören, kommt einer Selbstaufgabe der Ökonomie als Wissenschaft gleich. Was würde man von einem Astronomen sagen, dem die Prognose einer Mondfinsternis misslungen ist und der als Ausrede anführte: „Ich konnte die Bewegung der Erde nicht Vorhersagen“? Wenn Märkte interdependent sind, dann gibt es keine bedingte Prognose, die einige Märkte als „Daten“ betrachtet. Schumpeter hat diesen methodischen Fehler zu Recht betont: „Wir können unser Weltbild natürlich sehr vereinfachen und zu sehr simplen Sätzen gelangen, wenn wir uns mit Behauptungen folgender Art zufrieden geben: sind A, B, C … gegeben, so hängt D von E ab. Wenn nun A, B, C … Faktoren sind, die außerhalb des untersuchten Gebietes liegen, so ist alles in Ordnung. Sind sie jedoch Teile der zu /194/ erklärenden Phänomene, dann können Aussagen darüber, was durch was bestimmt wird, leicht unwiderlegbar formuliert werden.“

Das angeführte Beispiel verdeutlicht ein Prinzip. Das Scheitern von Prognosen, die nach Friedman das Kriterium und die Rechtfertigung für die Annahmen der Mainstream-Ökonomie sind, hat die Ökonomen noch nie daran gehindert, immer wieder solche „bedingten“ Prognosen, also empirisch leere Aussagen zu formulieren, die nicht widerlegt werden können. Ein Paradigma stirbt aus, sagt Thomas S. Kuhn, wenn seine Vertreter aussterben. Doch das neoklassische Paradigma hat bislang alle seine Vertreter überlebt. Es muss also für die Aufrechterhaltung der „reinen Ökonomie“ einen Grund geben, der weder in der Sozialstruktur ihrer Vertreter noch in ihrem Erfolg als Prognoseinstrument zu finden sein kann.”

Siehe dazu auch Iromeister “Warum die Wirtschaftswissenschaft keine Prognosen abgeben kann

Keine Verbesserung in Sicht

Die Süddeutsche zitierte Ende letzten Jahres aus einer Studie von Oliver Holtemöller nach der es den Ökonomen bisher nicht gelungen sein, ihre Prognosefehler merklich zu verringern. Holtemöller hält dabei übrigens fest, dass man Ökonomen nicht verwerfen könne, dass sie nicht deutlich genug machen, wie unsicher ihrer Vorhersagen sind. So würden die Wirtschaftsforschungsinstitute regelmäßig Prognoseintervalle veröffentlichen, die würden jedoch in der Öffentlichkeit kaum beachtet werden.

Ich glaube aber auch an marketingtechnische Gründe. Mit ökonomischen Vorhersagen und Marktprognosen bzw. darauf aufbauenden Investitionsentscheidungen wird weiter viel Geld verdient. Und je bestimmter sie vorgetragen werden, desto eher werden sie geglaubt. Wer hier zaudert oder sich gar selbst in Frage stellt, wirkt bei den Zielgruppen in der betriebswirtschaftlichen Praxis unglaubwürdig.

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