Rifkins Sozialutopie von der Sharing Economy und neues Denken für die Ökonomie

by Dirk Elsner on 5. Januar 2015

Johannes Cremer von moneymeets hat meine Lektüre für unseren Jahreswechselurlaub “bestimmt”. Vor einigen Wochen sprachen wir, wie häufig, über die Veränderungen im Banking, über FinTechs und in diesem Zusammenhang über die Konzepte der Sharing Economy und insbesondere über den Trend zum social advisory, also der Selbstberatung der Anleger über Plattformen im Netz. Jedenfalls empfahlt er mir Jeremy Rifkins Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Ich reihte das Buch zunächst in die Liste meiner ungelesenen Bücher ein und zog es aus verschiedenen Gründen vor.

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Auf der Suche nach einem Paradies?

Kritiker auf Distanz

Die FAZ und die ZEIT hatten den 500-Seiten Wälzer von Rifkin zwar nicht verrissen, aber seine Digitalromantik zu Recht distanziert betrachtet. Man kann das Buch aber auch mögen ohne Rifkins Sozialutopien zu teilen. Ich halte seine Vision von einer Gesellschaft der Commons zwar für extrem unrealistisch in der von ihm dargestellten Form (Rifkin glaubt oder hofft, dass die Commons staatliche und kapitalistische Aktivitäten verdrängen). Aber Rifikins Fleißarbeit macht auch für Skeptiker neuer gesellschaftlicher Entwürfe mehr als deutlich, dass das Gemeinschaftsprinzip gerade nicht ausgedient hat, sondern in der Form der Shared Economy oder der kollaborativen Commons zu einer neuen Hochform aufläuft.

Ablösung der Marktwirtschaft oder Ökonomisierung der gesamten Gesellschaft

Warum ich Rifkins Vision von der Ablösung der Marktwirtschaft durch die Commons für eine Sozialutopie halte, könnte ich hier lang und breit vertiefen, will ich aber nicht. Ich glaube aus verschiedensten Gründen nicht an ein Menschenbild, in dem sich alle Menschen nur Gemeinschaftsprinzipien der Commons unterordnen, sich alle gern haben und alles teilen wollen und Egoismus und Opportunismus unterdrücken bzw. so kontrollieren können, dass er die Gesellschaft nicht schädigt.

Darüber hinaus ist mir Rifkin etwas zu technikverliebt und schiebt die Schwächen der Technik als lösbare Herausforderungen zur Seite. Datenschutz, erhöhte Fragilität durch Vernetzungen, Abhängigkeiten von technischer Verfügbarkeit spielen beim ihm, wenn überhaupt, am Rand ein Rolle. Hier hat das Buch echte Schwächen. Das wurde mir vor allem bewusst, als ich während des Schreibens dieses Beitrags angefangen habe “Sie wissen alles” von Yvonne Hofstetter zu lesen. Das Buch eignet sich prima als Ergänzung zu Rifkin.

Daneben halte ich die Schlussfolgerung aus dem Ansatz nach dem die Grenzkosten in allen möglichen Wirtschaftszweigen gegen Null gehen sollen und daher die Produkte nahezu kostenlos verfügbar sein könnten, für ökonomischen Unsinn, weil er nicht deutlich macht, wer dann überhaupt Anreize für Innovationen hat und die Fixkosten trägt.

Collaborative Commons überall

Aber Rifkin zeigt in dem Buch sehr viele spannende technische und gesellschaftliche Entwicklungen auf und ordnet sie in ein stimmiges Bild ein, nämlich in das besagte Paradigma der kollaborativen Commons, also organisierten Gemeinschaften, die sich um die technischen, ökologischen und sozialen Allmenden unserer Gesellschaft kümmern.

Er schreibt (S. 32 f.):

“Wir sind so daran gewöhnt, den kapitalistischen Markt nebst der dazugehörigen Regierungsform als die einzig möglichen Organisationsformen wirtschaftlichen Lebens zu sehen, dass wir dabei ganz das andere Organisationsmodell in unserer Mitte vergessen, auf das wir tagtäglich hinsichtlich einer ganzen Reihe von Gütern und Dienstleistungen angewiesen sind, die weder Markt noch Staat stellen. Die Commons – Gemeingüter oder Allmende – sind älter als sowohl der kapitalistische Markt als auch die repräsentative Regierung; sie sind die älteste institutionalisierte Form demokratischer selbstverwalteter Aktivität.

Die heutigen Commons sind der Ort, wo Milliarden von Menschen miteinander den bedeutungsvollen sozialen Aspekten des Lebens nachgehen. Sie setzen sich zusammen aus buchstäblich Millionen von selbstverwalteten, größtenteils demokratisch verwalteten Organisationen:

karitative Einrichtungen, Religionsgemeinschaften, künstlerische und kulturelle Gruppen, Stiftungen im Bildungsbereich, Amateursportvereine,

Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, Kreditgenossenschaften, Organisationen im Gesundheitswesen, Interessenverbände, Hauseigentümergemeinschaften.

Die Liste formeller und informeller Einrichtungen ist schier endlos – gemein ist ihnen, dass unsere Gesellschaft in ihr Sozialkapital generiert

Rifkin sieht die Commons sich ausweiten auf zahlreiche Wirtschaftsaktivitäten, wie Landwirtschaft, Energieversorgung, Gesundheitswesen, Logistik, Information- und Kommunikation, Straßenverkehr, dezentrale industrielle Produktion und vieles mehr.

Aber auch wenn viele Unternehmen der digitalen Ökonomie längst nicht so gutmütig und sozial verantwortungsvoll handeln, wie sich das Rifkin das vielleicht wünscht, so ist sein Buch eine kompakte Zusammenfassung vieler Entwicklungen, die Unternehmen, Politik und Gesellschaft auf keinen Fall ignorieren können. Rifkin glänzt mit vielen Details auf Gebieten, mit denen ich mich bisher nicht oder nur am Rande beschäftigt habe, wie der Bioinformatik, dem Gesundheitswesen, der Weiterbildung, dem Internet der Dinge, der Verkehrswirtschaft oder dem 3-D-Druck. Auch einige der neuen Finanzinstrumente wie P2P-Finanzierung greift Rifkin auf, für meinen Geschmack aber viel zu oberflächlich und nur im Sinne seines gesellschaftlichen Entwurfs.

Rifkin auf den Boden geholt

Dass man die Sharing Economy auch ganz anders als Rifkin interpretieren kann, machte Byung-Chul Han im Sommer vergangenen Jahres in der Süddeutschen deutlich. Er geht in einem Beitrag ausdrücklich auf Rifkins Buch ein und schreibt:

“Es ist aber ein Irrtum zu glauben, dass die Sharing-Ökonomie, wie Jeremy Rifkin in seinem jüngsten Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ behauptet, ein Ende des Kapitalismus, eine globale, gemeinschaftlich orientierte Gesellschaft einläutet, in der Teilen mehr Wert hätte als Besitzen. Im Gegenteil: Die Sharing-Ökonomie führt letzten Endes zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens.

Der von Jeremy Rifkin gefeierte Wechsel vom Besitz zum „Zugang“ befreit uns nicht vom Kapitalismus. Wer kein Geld besitzt, hat eben auch keinen Zugang zum Sharing. Auch im Zeitalter des Zugangs leben wir weiterhin im „Bannoptikum“, in dem diejenigen, die kein Geld haben, ausgeschlossen bleiben. „Airbnb“, der Community Marktplatz, der jedes Zuhause in ein Hotel verwandelt, ökonomisiert sogar die Gastfreundschaft. Die Ideologie der Community oder der kollaborativen Commons führt zur Totalkapitalisierung der Gemeinschaft. Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert. Man wird freundlich, um bessere Bewertungen zu erhalten. Auch mitten in der kollaborativen Ökonomie herrscht die harte Logik des Kapitalismus. Bei diesem schönen „Teilen“ gibt paradoxerweise niemand etwas freiwillig ab.”

Und wer wirklich mehr über die technischen Hintergründe und mögliche Gefahren von Rifkins digitalen Utopia wissen will, der sollte das oben erwähnte Buch von Yvonne Hofstetter “Sie wissen alles” lesen. Hofstetter, die einen faszinierenden Vortrag auf der letzten re:publica gehalten hat, schreibt über die praktischen Beispiele  der Macht intelligenter IT-Systeme, Big Data und dem Internet der Dinge und wie kommerzielle Unternehmen mit noch mehr Daten lernen, uns noch besser zu analysieren und aktiv zu beeinflussen. (siehe dazu auch ZEIT, Der Angriff der Intelligenz).

Erfrischend nüchtern beurteilt auch Sascha Lobo die kommerzielle Sharing Economy. In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte er u.a:

„Der Begriff Sharing Economy ist ein sehr cleverer PR-Begriff, weil er etwas sehr Gutes und Freundliches, das Teilen, mit der Wirtschaft verbindet. Man hat den Eindruck, da würde eine Art Menschenfreundlichkeit verarbeitet. Tatsächlich geht es aber um eine sehr viel größere Veränderung der ganzen Ökonomie. Ich nenne das Plattformkapitalismus, weil ich glaube, dass dieser Begriff der Entwicklung gerechter wird – mit Teilen hat sie nur eingeschränkt zu tun.“

 

Baustein für neues Denken

Für mich ist Rifkins Buch dennoch ein wichtiges Mosaikstein für neues Denken in der Ökonomie. Ich halte zwar nichts von seiner Prophezeiung, dass die Tendenz zur Absenkung der Grenzkosten und ein neues Menschenbild zur Aufhebung der Kapitalismus führen wird, eine Erweiterung der sozialen Marktwirtschaft ist es aber bereits jetzt. Daneben liefert er abseits der mir zu wenig distanzierten Darstellung seiner Utopie eindrucksvolle Belege dafür, dass der Homo Oeconomicus als normatives Leitbild der Ökonomen allein ungeeignet ist, um bestimmte ökonomische Herausforderungen zu bewältigen.

Nach dem Buch von Rifkin, vor allem aber nach den Arbeiten von Elinor Ostrom über die Lösung der Allmende-Tragik muss man die kollaborativen Commons als institutionelles Arrangement neben (und nicht statt) Markt und Staat unbedingt für die Lösung ökonomischer und gesellschaftlicher Probleme Ernst nehmen.

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Artikel aktualisiert am 7.1.2014

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