Brauchen wir den “Egoismus”?

by Dirk Elsner on 12. Januar 2015

“Wir wettern gegen das Laster und versuchen um jeden Preis, es auszurotten – doch andererseits ist es die Quelle unseres Wohlstands.” (Tomas Sedlacek[1])

Ich hatte vergangene Woche bereits über meine Weihnachtsurlaubslektüre geschrieben, über “Rifkins Sozialutopie, der Sharing Economy und den kollaborativen Commons. Dieses Thema wird meinen Blog sicher in nächster Zeit in verschiedensten Facetten begleiten. Vergangene ´Woche hatte ich bereits Byung-Chul Han und Sascha Lobo zitiert, die meine Skepsis in Bezug auf den Sharing Economy teilen.  Bei der Kritik geht es nicht um den geschäftlichen Erfolg der Modelle der Sharing Economy, sondern darum, dass das positive besetzte Sharing als “PR-Begriff” verwendet wird, um die Eigeninteressen des “Plattformkapitalismus” (Lobo) zu übertünchen. Aber ist das so dramatisch? Was ist so schlecht an den Eigeninteressen?

2013 hatte ich hier in der Beitragsreihe “Ist Fairness nur für Muppets” gefragt, ob wir die Puppenspieler brauchen. In dieser Reihe spielt die Frage nach dem Umgang mit Fairness in der Wirtschaftspraxis eine zentrale Rolle.

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Sieht harmlos aus, kann aber zupacken: Bulldogge

Gegen Ende der Reihe überkamen mich Zweifel, weil ich einige Passagen als zu einseitig empfand. Ich fragte mich, ob wir uns nicht oft in der Öffentlichkeit zu selbstgerecht verhalten, wenn wir “schlechtes Verhalten” in der Wirtschaft oder Politik kritisieren. Die Zweifel kamen mit der Lektüre von Tomas Sedlacek “Ökonomie von Gut und Böse” und dem Abschnitt über Mandeville, den Sedlacek als Vater der modernen Ökonomie bezeichnete.

Mandevilles Bienen

Sedlacek befasst sich intensiv mit Mandevilles Bienenfabel[2] und der Kritik, die er davon von vielen Zeitgenossen – darunter übrigens auch Adam Smith – geerntet hat. Am Beispiel des Bienenstaates will Mandeville zeigen, dass der Wohlstand nicht nur dem tugendhaften Verhalten entspringt, sondern auch aus Leidenschaften und Lastern.

“Intuitiv und durch Beobachtung der Menschen”, so interpretiert Patrick Welter[3], “verstand der Arzt Mandeville, dass der Drang des Menschen nach Mehr die entscheidende Antriebskraft für die Wirtschaft ist. Sein Lob des Luxus und der dadurch entstehenden Nachfrage fand noch 1936 die große Zustimmung von John Maynard Keynes.”

Sedlacek schreibt[4]:

“Im Hinblick auf die Ökonomie von Gut und Böse ist Mandeville ganz offensichtlich überzeugt, dass die privaten Laster zum öffentlichen Wohlstand beitragen und daher von Vorteil sind. … Nach Ansicht von Mandeville sind die Märkte nicht nur Koordinatoren der menschlichen Interaktionen, sondern können auch persönliche Laster in Tugenden und damit in öffentliche Vorteile verwandeln.”

Wir empören uns ständig über das unfaire Verhalten der Puppenspieler, der Gier ganzer Bevölkerungsgruppen und leiten von dort aus gern in unseren Sonntagsgedanken über zur Kritik am System.

Patrick Bernau brachte das in seinem sehr lesenswerten vorweihnachtlichen Beitrag

Die Egoisten retten die Welt” auf den Punkt: “Wir machen einen zentralen Wesenszug der Menschen schlecht: den Egoismus.” Er schreibt u.a.:

“So verpönt ist der Egoismus, dass er inzwischen sogar gute Taten in den Schmutz ziehen kann. Egal ob Chemiekonzerne umweltfreundlicher werden, ob Textilhändler sich besser um die Arbeiterrechte in Südostasien kümmern oder ob Sportartikel-Hersteller auf Kinderarbeit verzichten: Wenn sie davon auch nur ein etwas besseres Ansehen haben könnten, stehen sie sofort im dem Verdacht, sie würden „nur aus Egoismus“ handeln. Schon sind die ganzen guten Taten in den Augen vieler Leute diskreditiert.”[5]

Wir stellen dabei selten die Frage, ob wir nicht auch gerade von diesem System in welcher Form auch immer profitieren. Mandevilles Verdienst ist es, diese Heuchelei deutlich zu machen. Mandeville hielt der Gesellschaft seiner Zeit einen bitteren Spiegel vor, weil wir gerade den (verhassten) Lastern, mehr zu verdanken haben, als wir das uns eingestehen wollen. Dazu kommt, dass so manch einer, der Gier und Laster kritisiert, sich ebenso unfair verhalten würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte[6].

Heucheln wir unsere Empörung?

Es mag uns unbequem vorkommen, aber wir können Mandevilles Konzept, dass moralische Laster des Einzelnen dem Ganzen wirtschaftlichen Wohlstand bringen können, nicht einfach ignorieren. Ganz nebenbei bemerkt bezeichnet Sedlacek übrigens Mandeville als wahren Vater der Idee der unsichtbaren Hand des Markt, die oft Adam Smith zugeschrieben wird[7].

Dennoch, wir Deutschen haben ein besonderes Problem mit dem Egoismus, wie Patrick Bernau in der FAZ feststellte. Er schreibt:

“Den Deutschen fällt es schwer, mit dem Egoismus entspannt umzugehen. Seit der Aufklärung vor 300 Jahren haben sie von Immanuel Kant gelernt: Moralisch handelt nur der, der das Gute tut, und zwar aus freien Stücken. Schon wer von den anderen zu den guten Taten genötigt wird, hat moralischen Verbesserungsbedarf. Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel setzte noch einen drauf. Er unterschied zwischen den kritikwürdigen „Besitzbürgern“, die sich vor allem um ihren eigenen Vorteil kümmern, und den guten „Staatsbürgern“, die sich für eine sittliche Organisation des Staates einsetzen. Für gesunden Egoismus bleibt da nicht viel Platz.”[8]

Wir heucheln oft unsere Empörung hinaus, weil wir es nicht mögen, wenn jemand gegen Regeln verstößt und sich unfair verhält, gleichwohl profitieren wir oft davon.

Die Welt ist jedenfalls nicht Schwarz und Weiß. Das ließe sich beispielhaft an einzelnen Personen, aber auch kollektiven Verhalten in der Wirtschaft zeigen. Als Einzelperson nenne ich hier mal den weithin bewunderten Steve Jobs. Wer Walter Isaacsons autorisierte Biografie über den Apple-Gründers gelesen hat, der weiß, wie wenig sich Jobs für Fairness interessiert hat.

Und auch breite Kreise der Bevölkerung sind mehr anfällig für egoistisches Verhalten, als viele es eingestehen würden. Das zeigt ein in “So freundlich sind wir gar nicht” von Patrick Bernau skizzierter Versuch mit dem “Diktatorspiel”.

Ein Beispiel für kollektive Ignoranz ist unser Vogel-Strauß-Verhalten gegenüber dem Finanzsektor bis zum heißen Ausbruch der Finanzkrise 2007 bzw. spätestens 2008. Und wir haben auch deswegen unsere Augen zugedrückt, weil viele, sehr viele davon profitiert haben.

Ich vertrete die These, dass wir mehr als wir akzeptieren wollen, von den Puppenspielern profitieren. Mandeville wurde vielleicht für sein unbequemes Bekenntnis auch deswegen angefeindet, weil seine Gegner ahnten, dass er richtig lag. Eine Rechtfertigung für unfaires Verhalten lieferte Mandeville damit freilich nicht, er sprach lediglich eine unbequeme Wahrheit aus, die wir auch heute gern verdrängen.

Dieser Beitrag ist kein Plädoyer, jede Form des egoistischen Verhaltens hinzunehmen. Man muss etwa deutlich unterscheiden zwischen an eigenen Interessen orientierten Verhalten und Opportunismus, bei dem mit legalen und illegalen Tricks versucht wird, sich einen Vorsprung zu verschaffen. Fest steht aber, dass die Evolution uns Menschen dorthin gebracht, wo wir nun stehen, weil es stets Egoismus und Kooperation gegeben hat. Die Stärke der Kooperation speiste sich aber stets auch aus den andauernden Auseinandersetzungen mit den Egoisten.


[1] Tomas Sedlacek “Ökonomie von Gut und Böse”, Pos. 3796.

[2] Dies Fabel gibt es in verschiedenen Versionen, hier die, Fassung die 1705 anonym als Flugblatt erschienen sein soll. B

[3] Patrik Welter in: Der Sonntagsökonom Gier ist gut – sonst müsst Ihr Eicheln essen, FAZ Online am 1.5.2005.

[4] Tomas Sedlacek “Ökonomie von Gut und Böse”, Pos. 3873

[5] Patrick Bernau, “Die Egoisten retten die Welt”, FAZ Online am 21.12.2014.

[6] Einen Anhaltspunkt dafür mag die Studie The Cheater’s High: The Unexpected Affective Benefits of Unethical Behavior. Das Fazit der Studie unter von Nicole E. Ruedy von der Universität von Washington und ihrem Team nach einer Reihe von Experimenten: Schummeln hebt die Stimmung (vgl. Harvard Business Manager Online v. 30.9.13)

[7] Tomas Sedlacek “Ökonomie von Gut und Böse”, Pos. 3723

[8] Patrick Bernau, “Die Egoisten retten die Welt”, FAZ Online am 21.12.2014.

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