Virtuelle Währungen am Beispiel des Bitcoin–Eine reale Herausforderung für den Zahlungsverkehr (Teil 1)

by Gastbeitrag on 3. Februar 2015

Gastbeitrag von Nick Fischer und Jonas Rebmann*

 

1 Einleitung und Gang der Untersuchung

Virtuelle Währungen, auch künstliche Währungen oder Kryptowährungen genannt, sind Teil der jüngeren Geschichte des Geldes. Das älteste Zahlungsmittel dieser Art ist die am weitesten verbrei­tete Internetwährung „Bitcoin", die seit dem Jahr 2009 existiert. Die gestiegene mediale Präsenz sowie die steigende Akzeptanz bei verschiedenen Onlinehändlern stellen Gründe für die immer grö­ßere Verbreitung dieser Zahlungsmethoden dar. Virtuelle Währungen sind Substitute für im Umlauf befindliche anerkannte Währungen. Insbesondere der „Bitcoin" hat durch häufige Berichterstattung in verschiedenen Fernseh-, Internet und Printmedien an Bekanntheit gewonnen. Neben den Bit- coins gibt es noch zahlreiche weitere künstliche Internetwährungen, die nicht von einem zentralen Institut gelenkt und kontrolliert werden.

Obgleich immer mehr solcher Währungen am Markt in Erscheinung treten und große Marktteilneh­mer, wie der Internetkonzern Amazon, eigene „Coins" eingeführt haben, existiert bislang noch keine einheitliche wissenschaftliche Definition des Begriffs „virtuelle Währung". Gerade diese Neuartig­keit verlangt nach einer Diskussion der Vor- und Nachteile, der Einsatzmöglichkeiten, des Substituti­onspotenzials anerkannter Währungen und der Gefahren, die mit der Verwendung virtueller Wäh­rungen einhergehen. Fundierte wissenschaftliche Ausarbeitungen zum Thema liegen bisher nicht hinreichend vor. Dennoch muss an dieser Stelle angesetzt werden, um das Potenzial der neuen Zah­lungsmethoden erörtern zu können.

Im Rahmen dieses Beitrags sollen Erkenntnisse über die oben diskutierten, offenen Fragen bezüglich künstlicher, virtueller Währungen gewonnen werden. Untersucht werden Möglichkeiten, solche Zah­lungsmittel zu realen Alternativen anerkannter Währungen zu gestalten. Weiterhin werden Vor- und Nachteile der virtuellen Währungen dargestellt. Im Fokus stehen zudem die Chancen und Risiken sowie Implikationen für Geschäftsbanken. Im Besonderen sollen mögliche Gefahren für das bedeut­same Geschäftsfeld Zahlungsverkehr klassischer Kreditinstitute anhand des Bitcoin untersucht wer­den.

Zunächst werden wichtige Begriffe definiert. Anschließend werden die zwei wichtigsten und verbrei­teten Geldtheorien vorgestellt, da ein Fokus des Beitrags auf den Auswirkungen der Geldpolitik liegt. In Kapitel 2 wird in einer Kurzübersicht das weltweite Geld- und Zahlungssystem skizziert. Es schließt mit einer Darstellung verschiedener Geldmengensteuerungsinstrumente. Im dritten Kapitel wird der Bitcoin als die relevanteste der künstlichen Währungen ausführlich betrachtet und hinsicht­lich seiner Entwicklung und Ausbreitung bewertet. Im vierten Abschnitt werden die Potenziale des Bitcoin hinterfragt und den Risiken gegenübergestellt. Hierbei wird insbesondere die Unabhängigkeit des Bitcoin-Systems von staatlichen Autoritäten hervorgehoben. Bevor ein abschließendes Fazit gezogen wird, werden die möglichen Implikationen künstlicher Währungen auf das Geschäftsmodell klassischer Banken diskutiert.

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf Bitcoins, die derzeit mit 10 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisie­rung die mit Abstand größte virtuelle Währung darstellen (Stand:19.01.2014). Lediglich drei weitere Kryptowährungen (Reihenfolge nach Marktkapitalisierung: Ripples, Litecoin und Peercoin) weisen momentan eine Marktkapitalisierung von mehr als 100 Millionen US-Dollar auf.

2 Einordnung von Bitcoins in den Kontext Geld und Währungen

2.1 Abgrenzung klassischer und virtueller Währungen

Zunächst ist es zielführend, die Begriffe Währung und virtuelle Währung voneinander abzugrenzen. In der Literatur finden sich für den klassischen Währungsbegriff mehrere Definitionen, die jedoch alle, insbesondere bei älterer Literatur, staatliche Grenzen als Schranken für eine einzelne Währung sehen.

„Eine Währung ist nichts anderes als das Geld eines bestimmten Landes." (Wildmann)

Eine weitere, deutlich ältere Definition aus dem Jahr 1995 ergänzt die obige.

„Heute steht „Währung" im deutschen Sprachgebrauch zum einen für die Geldverfassung (Geldordnung) eines Staates und zum anderen für die mit der Wertmaßfunktion des Geldes verbundene Recheneinheit." (Reinhuber)

Es wird deutlich, dass sich die Definition von Währung im Laufe der Zeit nicht verändert hat. Dies ist verwunderlich, da in der Realität Währungen existieren, deren Verwendung und Anerkennung nicht auf einen einzelnen Staat begrenzt sind. Die Europäische Währungsunion ist hier als Beispiel aufzu­führen. Zudem sind Sonderziehungsrechte des IWF währungsähnliche Recheneinheiten. Trotz dieser

Schwierigkeiten passen die Definitionen auf die meisten etablierten und gebräuchlichen Währungen im internationalen Zahlungsverkehr.

Ergänzend ist die besondere Rolle der Zentralbank bei etablierten Währungen aufzuführen, da sie eine wichtige Funktion im klassischen Geldsystem einnimmt. Eine detailliertere Ausführung der Be­deutung einer Zentralbank erfolgt in Kapitel 2.4.1.

„[Eine Zentralbank ist eine] Eigenständige staatliche Institution, die mit der Wahrung der Aufgaben der Geldpolitik betraut ist und über ein Emmissionsmonopol verfügt [.. .]." (Budzinski)

Kryptowährungen lassen sich nicht so einfach von etablierten Währungen wie dem U.S. Dollar oder dem Euro abgrenzen, da sich die Literatur auf Grund ihrer erst jungen Geschichte noch nicht auf eine einheitliche Definition geeinigt hat. Insbesondere im deutschsprachigen Raum existieren noch keine klaren Abgrenzungen. Ein Ansatz zur Definition ist folgender:

„Kryptowährungen sind digitale oder virtuelle Währungen, die Verschlüsselungen als Sicher­heitsmerkmal aufweisen. […] Sie werden nicht von einer zentralen Autorität begeben und sind daher in der Theorie immun gegen staatliche Einflüsse und Manipulation." (Investopedia)

Anzumerken ist, dass geografische Grenzen auf Grund der Konstruktion des Internets bei virtuellen Währungen keine Rolle spielen. Zudem ist zu erwähnen, dass Bitcoins von der Bundesregierung im Jahr 2013 als „privates Geld" anerkannt wurden und sich somit als erste virtuelle Währung im recht­lich abgesicherten Rahmen bewegen.

Um die Abgrenzung der Währungsbegriffe abzuschließen, werden folgende Unterschiede zwischen den etablierten Währungen und Kryptowährungen festgehalten:

  • Die Verwendung der Währung eines Landes ist, zumindest theoretisch, auf das Land be­schränkt – künstliche, virtuelle Währungen unterliegen keiner geographischen Beschrän­kung
  • Etablierte Währungen werden von einer Zentralbank ausgegeben und gesteuert – virtuelle Währungen werden nicht von einer zentralen Autorität gesteuert

 

2.2 Geldbegriff und Geldfunktion

Um den Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit thematisch einzugrenzen, wird zunächst der Begriff des Geldes genauer darlegt.

„[Geld ist] Das in einer Gesellschaft allgemein anerkannte Tausch- und Zahlungsmittel, das unterschiedliche Geldformen annehmen kann. Als Geld wird üblicherweise die Verbindlichkeit einer Bank gegenüber einer Nichtbank bezeichnet, also z.B. Bargeld oder eine Einlage. Die traditionelle, an den Geldfunktionen ansetzende Definition, wählt die Tauschmittelfunktion als begriffsbestimmendes Merkmal." (Metzger)

Diese Definition beinhaltet drei grundlegende Merkmale von Geld. Zum einen erfüllt Geld eine Tauschmittelfunktion.

„Konstitutiv für das Wesen des Geldes ist daher allein die Eigenschaft bzw. Funktion als transaktionsdominierendes Tauschmittel. Diese Eigenschaft verleiht Geld den höchsten Li­quiditätsgrad von Eins; das bedeutet, dass Geld ohne Abschlag zum Nominalwert ange­nommen wird. Als transaktionsdominierendes Tauschmittel ermöglicht Geld den Marktteil­nehmern die Einsparung von Transaktionskosten sowie von Informationskosten über die Marktmöglichkeiten. Als Tauschmittel erweitert das Geld mit dieser Kostenersparnis bei ge­gebener Faktorausstattung den Bereich der realen Produktionsmöglichkeiten der Volkswirt­schaft." (Metzger)

Unter Tauschmittelfunktion ist folglich der Tausch eines Zwischengutes, der den simultanen Aus­tausch zweier Leistungen ersetzt, zu verstehen.

Des Weiteren ist Geld ein „anerkannte[s] Tausch- und Zahlungsmittel", was es beispielsweise von Weizen unterscheidet. Weizen ist für einen bestimmten Anteil an der Gesamtbevölkerung ein aner­kanntes Tauschmittel, für andere jedoch schwer in andere Waren und Dienstleistungen umzutau­schen.

Eine zweite Funktion, die Geld innehat, ist die Wertaufbewahrungsfunktion.

„Die Haltung von Geld erlaubt, Kaufkraft interregional und intertemporal zu transportie­ren." (Metzger)

Zusätzlich besitzt Geld unter anderem noch eine dritte Funktion, die Rechenmittelfunktion. Mit Hilfe von Geld lässt sich die Wertigkeit von Gütern determinieren, zudem wird eine Vergleichbarkeit di­verser Güter ermöglicht.

Somit lassen sich vier grundlegende Merkmale von Geld festhalten:

  • Geld ist ein Tauschmittel
  • Geld ist von allen Mitgliedern der Gesellschaft anerkannt
  • Geld besitzt Aufbewahrungsfunktion
  • Geld besitzt Rechenmittelfunktion

An dieser Stelle ist anzumerken, dass Geld weitere Funktionen hat. Diese sind jedoch für den Be­trachtungsgegenstand der virtuellen Währungen nicht von vorrangiger Bedeutung und werden da­her außer Acht gelassen.

Für die Bestimmung des Wertes von Geld gibt es unterschiedliche Ansätze. So ist es möglich, die Anzahl an Arbeitsstunden, die gearbeitet werden müssen um eine Geldeinheit zu erhalten, als Ein­heit zu verwenden. Ein weiterer Ansatz besteht darin, die Kaufkraft von Geld zu bewerten, indem

überprüft wird, wie viele Gütereinheiten sich mit einer Geldeinheit kaufen lassen. Zudem ist es ein

Ansatz, den Wert einer Geldeinheit mit einer Geldeinheit einer anderen Währung zu vergleichen.

Für den Fall der Kryptowährungen ist es am sinnvollsten, den Gegenwert zu einer manifestierten Währungseinheit wie dem US-Dollar oder dem Euro zu betrachten, da diese Werte dem Leser sofort Aufschluss über die Kaufkraft liefern. Dies ist auch die im Onlinehandel mit künstlichen Währungen übliche Bewertung.

2.3 Bedeutung virtueller Währungen im weltweiten Geldsystem

2.3.1 Methoden zur Bestimmung der Bedeutsamkeit einer Währung

Dieser Abschnitt dient der Erörterung und Verdeutlichung der momentanen Bedeutung künstlicher Währungen. Um den Einfluss einer Währung abzuschätzen, können diverse Kriterien herangezogen werden. Zwei Hauptkriterien werden im Folgenden untersucht:

  • Anteil einer Währung an internationalen Devisenreserven
  • Anteil einer Währung am globalen Devisenhandel

Weitere Kriterien, die die Bedeutung einer Währung veranschaulichen, sind unter anderem ihre his­torischen Inflationsraten oder ihr Anteil am Währungskorb der Sonderziehungsrechte des Internati­onalen Währungsfonds. Im Rahmen dieser Arbeit sollen lediglich die zwei oben genannten Krite­rien untersucht werden.

2.3.2 Anteil an den globalen Währungsreserven

 

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Betrachtet wird zunächst die Zusammensetzung der weltweiten Devisenreserven in Abbildung 1. Gemäß der offiziell allokierten Währungsreserven bestehen 85% der globalen Devisenreserven aus U.S. Dollar und Euro. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Zusammensetzung kaum geändert. Lediglich das Britische Pfund musste als Reservewährung Anteile einbüßen. Darüber hinaus verschmolzen die Deutsche Mark und der Französischer Franc, welche beide größere Anteile an der Zusammensetzung ausmachten, zum Euro. In der Auflistung findet sich keine virtuelle Wäh­rung. Eine detailliertere Auflistung der Kategorie „Andere Währungen" liefert der Internationale Währungsfonds nicht. Das Volumen an Währungsreserven dieser kleinen Kategorie betrug im De­zember 2013 177,677 Milliarden U.S. Dollar. Selbst wenn das gesamte ausstehende Volumen an Bitcoins (ca. 10 Milliarden U.S. Dollar) als Währungsreserve gehalten würde, wofür es keine An­haltspunkte gibt, wäre der Anteil sehr gering. Folglich kann mit Sicherheit ausgesagt werden, dass künstliche Währungen bei der Zusammensetzung der offiziellen Währungsreserven zum aktuellen Zeitpunkt keine Rolle spielen.

2.3.3 Anteil am globalen Devisenhandel

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In Abbildung 2 sind die Anteile der jeweiligen Währungen am globalen Devisenhandel zu sehen. Kryptowährungen finden sich in dieser Auflistung wiederum nicht. Zu der Kategorie „Sonstige größe­re Währungen" zählt keine virtuelle Währung. Diese sind, wenn überhaupt von der Bank für Interna­tionalen Zahlungsausgleich aufgeführt, der Kategorie „Sonstige kleinere Währungen" zuzuordnen. Über diese werden keine detaillierteren Informationen publiziert. Wird der durchschnittliche Ta­gesumsatz im globalen Währungshandel des Aprils 2013 (der Monat der letzten Untersuchung) zu Grunde gelegt, so entfallen auf „Sonstige kleinere Währungen" tägliche Umsätze von 82,4 Milliarden U.S. Dollar. Das Durchschnittsvolumen täglich gehandelter Bitcoins der letzten 60 (Stand 26.01.2014) sehr handelsintensiven Tage beträgt etwa 150 Millionen U.S. Dollar. Wird ein längerer Zeitraum betrachtet, so liegt das Volumen deutlich unter 100 Millionen U.S. Dollar täglich. Wird von einem durchschnittlichen Tagesvolumen von 150 Millionen U.S. Dollar ausgegangen, so macht der Anteil gehandelter Bitcoins an der Kategorie „Sonstige kleinere Währungen" 0,18% aus. Der Anteil von künstlichen Währungen verglichen mit dem gesamten Devisenhandel (Stand April 2013) beträgt somit lediglich etwa 0,0029%. Es ist die Aussage zu treffen, dass Kryptowährungen im tägli­chen globalen Devisenhandel eine stark untergeordnete Rolle spielen.

2.3.4 Vergleich zwischen Bitcoin-Geldmenge und Euro-Geldmenge M1

 

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Welche geringe Rolle künstliche Währungen aktuell im globalen Geldsystem spielen unterstreicht Abbildung 3. Werden alle im Umlauf befindlichen Bitcoins mit der von der Europäischen Zentral­bank angegeben Euro-Geldmenge M1 verglichen, so ergibt sich ein Verhältnis von in U.S. Dollar (Kurs EUR/USD 1,3667 Stand 25.01.2014) umgerechneten Werten von 689:1. In der Geldmenge M1 summiert die Europäische Zentralbank die im Umlauf befindlichen Banknoten und Münzen mit allen Sichteinlagen, deren maximale Laufzeit ein Tag beträgt. Die Geldmenge M1 kommt der Ver­wendung von Bitcoins am nächsten, da es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass diese im größeren Stil für Kapitalanlagen gehalten werden, deren Laufzeit über einem Tag liegt.

Zusammenfassend für diesen Abschnitt ist festzuhalten, dass künstliche Währungen im internatio­nalen Geldsystem aktuell eine stark untergeordnete Rolle spielen. Allerdings entstanden diese Wäh­rungen erst vor wenigen Jahren, wohingegen einige etablierte Währungen eine jahrhundertelange Geschichte haben. Im Laufe der Historie sind immer wieder Währungen entstanden, aufgestiegen oder verschwunden. Selbst wenn zum aktuellen Zeitpunkt die Bedeutung noch gering sein mag, so ist es trotzdem für die Zukunft von Wichtigkeit sich tiefgehender mit Kryptowährungen zu beschäfti­gen, da diese die Infrastruktur des Internets nutzen und somit einer breiten potentiellen Nutzer­schicht unkompliziert zur Verfügung stehen.

2.4 Methoden zur Geldmengensteuerung

2.4.1 Zentrale- und dezentrale Geldschöpfung

In diesem Kapitel wird auf die verschiedenen Methoden der Geldmengensteuerung eingegangen. Bevor im nächsten Abschnitt ein Vergleich stattfindet, werden die zwei möglichen Methoden zur Geldschöpfung aufgezeigt. Bei klassischen Währungen, wie dem Euro oder dem U.S. Dollar, verfügt normalerweise eine zentrale Institution über das alleinige Geldschöpfungsmonopol. Kryptowährun- gen – unter anderem Bitcoins – hingegen basieren auf einem andern System der Geldschöpfung, dem der dezentralen Geldmengensteuerung.

Zunächst wird die zentrale Geldschöpfung betrachtet und die Definition der Institution „Zentral­bank" aus Kapitel 2.1 ist hier um einen weiteren Satz ergänzt.

„[Eine Zentralbank ist eine] Eigenständige staatliche Institution, die mit der Wahrung der Aufgaben der Geldpolitik betraut ist und über ein Emmissionsmonopol verfügt. In den ein­zelnen Ländern gibt es verschiedene Grade der Unabhängigkeit der Zentralbank und unter­schiedliche Aufteilungen der geldpolitischen Einzelkompetenzen zwischen den Zentralban­ken und den Regierungen." (Budzinski)

Kennzeichnend für etablierte Währungen wie der Euro oder der U.S. Dollar ist das Existieren einer zentralen Institution, der Zentralbank. Diese Zentralbank ist sowohl bei der europäischen Währung Euro als auch bei der amerikanischen Währung U.S. Dollar vollständig unabhängig von der Poli­tik. Somit ist zumindest in der Theorie gesichert, dass eine Regierung keinen Einfluss auf die Geld­menge nehmen kann und nicht über die Möglichkeit verfügt, sich ihrer Schulden durch das Schöp­fen neuen Geldes zu entledigen.

Für die in dieser Arbeit betrachteten klassischen Währungen existiert immer eine Zentralbank, die das alleinige Monopol auf die Geldschöpfung besitzt. Diese Zentralbanken haben in manchen Fällen auch noch weiterführende Aufgaben, wie die Preisstabilität (Euro und U.S. Dollar) oder die Siche­rung eines hohen Beschäftigungstandes (U.S. Dollar) zu garantieren.

Der Gegenentwurf zum zentralen Geldmengensteuerungssystem ist die dezentrale Geldmengen­schöpfung. Sie ist bei künstlichen Währungen wie den Bitcoins, vorzufinden. Bei künstlichen Wäh­rungen, die einen dezentralen Geldschöpfungsansatz verfolgen, wird Geld durch einen Computeral­gorithmus geschöpft und nicht durch eine Institution wie eine Zentralbank.

Die dezentrale Geldmengensteuerung hat das Ziel, Transparenz in der Geldmengensteuerung sowie Neutralität und Vorhersagbarkeit zu generieren.

Der Hauptunterschied zwischen zentraler und dezentraler Geldschöpfung ist, dass bei der zentralen Geldmengensteuerung eine Institution die Geldmenge kontrolliert und bestimmt, wohingegen bei der dezentralen Geldschöpfung keine Monopolinstitution involviert ist.

2.4.2 Vor- und Nachteile

Die verschiedenen Ansätze der Geldmengensteuerung haben unterschiedliche Stärken und Schwä­chen.

Das System der zentralisierten Geldschöpfung mit Zentralbank hat den Vorteil, dass flexibel auf Konjunkturzyklen eingegangen werden kann. Droht eine Konjunktur zu überhitzen, kann die Zent­ralbank reagieren und weniger Geld schöpfen, was zu höheren Zinsen und somit geringeren Investi­tionen führt. Im entgegengesetzten Fall hat eine Zentralbank die Möglichkeit in schwachen Konjunk­turphasen durch gezieltes Eingreifen Zinsen niedrig zu halten und Investitionen anzukurbeln. Als Instrumente stehen ihr hierzu verschiedene Möglichkeiten der Geldmengensteuerung zur Verfügung. Bei dezentralen Geldmengensteuerungssystemen existiert diese Möglichkeit nicht. Keine Institution kann auf die exogenen Gegebenheiten regieren. Der Algorithmus, der die Geldschöpfung ausführt, handelt eigenständig. Dies hat einen erheblichen Mangel an Flexibilität zur Folge.

Die Möglichkeit der Intervention ist auch mit Nachteilen behaftet. Kritiker der zentralisierten Geld­mengensteuerung werfen den Zentralbanken vor, politisch beeinflussbar und manipulierbar zu sein. Zwar sind die Zentralbanken der etablierten Währungen, wie oben aufgeführt und belegt, gemäß ihrer Statuten unabhängige Institutionen. Es ist jedoch in einigen Fällen schwer, eine voll­ständige Unabhängigkeit zu belegen. Künstliche Währungen sind so konstruiert, dass sie ohne Zent­ralbank auskommen. Der Geldschöpfungsprozess erfolgt vollständig automatisiert und ist somit nicht politisch beeinflussbar. Zudem ist die Geldmenge bei künstlichen Währungen im dezentralen System vorhersehbar und lässt sich rechnerisch nachvollziehen. Dieses System sorgt für Transpa­renz und hat das Ziel, Vertrauen in die Währung zu schaffen. Die theoretische Manipulierbarkeit von etablierten Währungen war einer der Gründe für die ersten Überlegungen zu Kryptowährungen. Eine nähere Ausführung zum Geldschöpfungsprozess bei künstlichen Währungen erfolgt in Kapitel 3.2.3.

Ein weiterer Nachteil des zentralisierten Systems ist die Abhängigkeit von exogenen Informationen. Da Konjunkturdaten oft nur undeutlich und mit Zeitverzögerung zu erhalten sind und die Instrumen­te der Zentralbanken selbst auch nur mit Verzögerung wirken, muss eine Zentralbank ständig „time lags" beachten.

Ob einer der beiden Ansätze der Bessere ist, kann nicht abschließend ausgesagt werden. Beide Sys­teme haben ihre Vor- und Nachteile. Während das zentralisierte Geldmengensteuerungssystem fle­xibler ist, bietet der dezentrale Ansatz eine höhere Transparenz der Geldschöpfung. Das Entstehen von künstlichen Währungen ist im historischen Kontext der Weltfinanzkrise (ab 2007) und dem damit einhergehenden Vertrauensverlust in die Bankenlandschaft zu sehen. Bei der Konstruktion von Kryptowährungen wurde immer versucht, den Einfluss von Menschen oder Institutionen klein zu halten.

Fortsetzung folgt

 


* Dieser Text ist 2014 im Rahmen eines Seminars von Professor Dr. Andreas Mitschele im Studiengang BWL-Bank an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart entstanden. Dieser Beitrag ist zusammen mit 10 weiteren Beiträgen in einen Band zusammengefasst und im Eigenverlag unter dem Titel „Next Generation Finance – Revolution oder Evolution des Bankgeschäfts?“ erschienen. Die Wiedergabe hier im Blick Log erfolgt mit Zustimmung von Professor Mitschele.

Diese Arbeit enthält umfangreiche Fußnoten und ein ausführliches Literaturverzeichnis. Zur besseren Lesbarkeit im Blog habe ich bei der Editierung für die Blogdarstellung auf die Fußnoten verzichtet. Bei Recherchen und Zitaten bitte immer die Originalarbeit heranziehen, die hier als Komplettband als PDF-Datei heruntergeladen werden kann. Darstellungs- und Formatierungsprobleme mit Abbildungen und Texten gehen allein zu Lasten des Blick Log.

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