Gastbeitrag von Nick Fischer und Jonas Rebmann*
1 Einleitung und Gang der Untersuchung
Virtuelle Währungen, auch künstliche Währungen oder Kryptowährungen genannt, sind Teil der jüngeren Geschichte des Geldes. Das älteste Zahlungsmittel dieser Art ist die am weitesten verbreitete Internetwährung „Bitcoin", die seit dem Jahr 2009 existiert. Die gestiegene mediale Präsenz sowie die steigende Akzeptanz bei verschiedenen Onlinehändlern stellen Gründe für die immer größere Verbreitung dieser Zahlungsmethoden dar. Virtuelle Währungen sind Substitute für im Umlauf befindliche anerkannte Währungen. Insbesondere der „Bitcoin" hat durch häufige Berichterstattung in verschiedenen Fernseh-, Internet und Printmedien an Bekanntheit gewonnen. Neben den Bit- coins gibt es noch zahlreiche weitere künstliche Internetwährungen, die nicht von einem zentralen Institut gelenkt und kontrolliert werden.
Obgleich immer mehr solcher Währungen am Markt in Erscheinung treten und große Marktteilnehmer, wie der Internetkonzern Amazon, eigene „Coins" eingeführt haben, existiert bislang noch keine einheitliche wissenschaftliche Definition des Begriffs „virtuelle Währung". Gerade diese Neuartigkeit verlangt nach einer Diskussion der Vor- und Nachteile, der Einsatzmöglichkeiten, des Substitutionspotenzials anerkannter Währungen und der Gefahren, die mit der Verwendung virtueller Währungen einhergehen. Fundierte wissenschaftliche Ausarbeitungen zum Thema liegen bisher nicht hinreichend vor. Dennoch muss an dieser Stelle angesetzt werden, um das Potenzial der neuen Zahlungsmethoden erörtern zu können.
Im Rahmen dieses Beitrags sollen Erkenntnisse über die oben diskutierten, offenen Fragen bezüglich künstlicher, virtueller Währungen gewonnen werden. Untersucht werden Möglichkeiten, solche Zahlungsmittel zu realen Alternativen anerkannter Währungen zu gestalten. Weiterhin werden Vor- und Nachteile der virtuellen Währungen dargestellt. Im Fokus stehen zudem die Chancen und Risiken sowie Implikationen für Geschäftsbanken. Im Besonderen sollen mögliche Gefahren für das bedeutsame Geschäftsfeld Zahlungsverkehr klassischer Kreditinstitute anhand des Bitcoin untersucht werden.
Zunächst werden wichtige Begriffe definiert. Anschließend werden die zwei wichtigsten und verbreiteten Geldtheorien vorgestellt, da ein Fokus des Beitrags auf den Auswirkungen der Geldpolitik liegt. In Kapitel 2 wird in einer Kurzübersicht das weltweite Geld- und Zahlungssystem skizziert. Es schließt mit einer Darstellung verschiedener Geldmengensteuerungsinstrumente. Im dritten Kapitel wird der Bitcoin als die relevanteste der künstlichen Währungen ausführlich betrachtet und hinsichtlich seiner Entwicklung und Ausbreitung bewertet. Im vierten Abschnitt werden die Potenziale des Bitcoin hinterfragt und den Risiken gegenübergestellt. Hierbei wird insbesondere die Unabhängigkeit des Bitcoin-Systems von staatlichen Autoritäten hervorgehoben. Bevor ein abschließendes Fazit gezogen wird, werden die möglichen Implikationen künstlicher Währungen auf das Geschäftsmodell klassischer Banken diskutiert.
Der Fokus dieser Arbeit liegt auf Bitcoins, die derzeit mit 10 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung die mit Abstand größte virtuelle Währung darstellen (Stand:19.01.2014). Lediglich drei weitere Kryptowährungen (Reihenfolge nach Marktkapitalisierung: Ripples, Litecoin und Peercoin) weisen momentan eine Marktkapitalisierung von mehr als 100 Millionen US-Dollar auf.
2 Einordnung von Bitcoins in den Kontext Geld und Währungen
2.1 Abgrenzung klassischer und virtueller Währungen
Zunächst ist es zielführend, die Begriffe Währung und virtuelle Währung voneinander abzugrenzen. In der Literatur finden sich für den klassischen Währungsbegriff mehrere Definitionen, die jedoch alle, insbesondere bei älterer Literatur, staatliche Grenzen als Schranken für eine einzelne Währung sehen.
„Eine Währung ist nichts anderes als das Geld eines bestimmten Landes." (Wildmann)
Eine weitere, deutlich ältere Definition aus dem Jahr 1995 ergänzt die obige.
„Heute steht „Währung" im deutschen Sprachgebrauch zum einen für die Geldverfassung (Geldordnung) eines Staates und zum anderen für die mit der Wertmaßfunktion des Geldes verbundene Recheneinheit." (Reinhuber)
Es wird deutlich, dass sich die Definition von Währung im Laufe der Zeit nicht verändert hat. Dies ist verwunderlich, da in der Realität Währungen existieren, deren Verwendung und Anerkennung nicht auf einen einzelnen Staat begrenzt sind. Die Europäische Währungsunion ist hier als Beispiel aufzuführen. Zudem sind Sonderziehungsrechte des IWF währungsähnliche Recheneinheiten. Trotz dieser
Schwierigkeiten passen die Definitionen auf die meisten etablierten und gebräuchlichen Währungen im internationalen Zahlungsverkehr.
Ergänzend ist die besondere Rolle der Zentralbank bei etablierten Währungen aufzuführen, da sie eine wichtige Funktion im klassischen Geldsystem einnimmt. Eine detailliertere Ausführung der Bedeutung einer Zentralbank erfolgt in Kapitel 2.4.1.
„[Eine Zentralbank ist eine] Eigenständige staatliche Institution, die mit der Wahrung der Aufgaben der Geldpolitik betraut ist und über ein Emmissionsmonopol verfügt [.. .]." (Budzinski)
Kryptowährungen lassen sich nicht so einfach von etablierten Währungen wie dem U.S. Dollar oder dem Euro abgrenzen, da sich die Literatur auf Grund ihrer erst jungen Geschichte noch nicht auf eine einheitliche Definition geeinigt hat. Insbesondere im deutschsprachigen Raum existieren noch keine klaren Abgrenzungen. Ein Ansatz zur Definition ist folgender:
„Kryptowährungen sind digitale oder virtuelle Währungen, die Verschlüsselungen als Sicherheitsmerkmal aufweisen. […] Sie werden nicht von einer zentralen Autorität begeben und sind daher in der Theorie immun gegen staatliche Einflüsse und Manipulation." (Investopedia)
Anzumerken ist, dass geografische Grenzen auf Grund der Konstruktion des Internets bei virtuellen Währungen keine Rolle spielen. Zudem ist zu erwähnen, dass Bitcoins von der Bundesregierung im Jahr 2013 als „privates Geld" anerkannt wurden und sich somit als erste virtuelle Währung im rechtlich abgesicherten Rahmen bewegen.
Um die Abgrenzung der Währungsbegriffe abzuschließen, werden folgende Unterschiede zwischen den etablierten Währungen und Kryptowährungen festgehalten:
- Die Verwendung der Währung eines Landes ist, zumindest theoretisch, auf das Land beschränkt – künstliche, virtuelle Währungen unterliegen keiner geographischen Beschränkung
- Etablierte Währungen werden von einer Zentralbank ausgegeben und gesteuert – virtuelle Währungen werden nicht von einer zentralen Autorität gesteuert
2.2 Geldbegriff und Geldfunktion
Um den Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit thematisch einzugrenzen, wird zunächst der Begriff des Geldes genauer darlegt.
„[Geld ist] Das in einer Gesellschaft allgemein anerkannte Tausch- und Zahlungsmittel, das unterschiedliche Geldformen annehmen kann. Als Geld wird üblicherweise die Verbindlichkeit einer Bank gegenüber einer Nichtbank bezeichnet, also z.B. Bargeld oder eine Einlage. Die traditionelle, an den Geldfunktionen ansetzende Definition, wählt die Tauschmittelfunktion als begriffsbestimmendes Merkmal." (Metzger)
Diese Definition beinhaltet drei grundlegende Merkmale von Geld. Zum einen erfüllt Geld eine Tauschmittelfunktion.
„Konstitutiv für das Wesen des Geldes ist daher allein die Eigenschaft bzw. Funktion als transaktionsdominierendes Tauschmittel. Diese Eigenschaft verleiht Geld den höchsten Liquiditätsgrad von Eins; das bedeutet, dass Geld ohne Abschlag zum Nominalwert angenommen wird. Als transaktionsdominierendes Tauschmittel ermöglicht Geld den Marktteilnehmern die Einsparung von Transaktionskosten sowie von Informationskosten über die Marktmöglichkeiten. Als Tauschmittel erweitert das Geld mit dieser Kostenersparnis bei gegebener Faktorausstattung den Bereich der realen Produktionsmöglichkeiten der Volkswirtschaft." (Metzger)
Unter Tauschmittelfunktion ist folglich der Tausch eines Zwischengutes, der den simultanen Austausch zweier Leistungen ersetzt, zu verstehen.
Des Weiteren ist Geld ein „anerkannte[s] Tausch- und Zahlungsmittel", was es beispielsweise von Weizen unterscheidet. Weizen ist für einen bestimmten Anteil an der Gesamtbevölkerung ein anerkanntes Tauschmittel, für andere jedoch schwer in andere Waren und Dienstleistungen umzutauschen.
Eine zweite Funktion, die Geld innehat, ist die Wertaufbewahrungsfunktion.
„Die Haltung von Geld erlaubt, Kaufkraft interregional und intertemporal zu transportieren." (Metzger)
Zusätzlich besitzt Geld unter anderem noch eine dritte Funktion, die Rechenmittelfunktion. Mit Hilfe von Geld lässt sich die Wertigkeit von Gütern determinieren, zudem wird eine Vergleichbarkeit diverser Güter ermöglicht.
Somit lassen sich vier grundlegende Merkmale von Geld festhalten:
- Geld ist ein Tauschmittel
- Geld ist von allen Mitgliedern der Gesellschaft anerkannt
- Geld besitzt Aufbewahrungsfunktion
- Geld besitzt Rechenmittelfunktion
An dieser Stelle ist anzumerken, dass Geld weitere Funktionen hat. Diese sind jedoch für den Betrachtungsgegenstand der virtuellen Währungen nicht von vorrangiger Bedeutung und werden daher außer Acht gelassen.
Für die Bestimmung des Wertes von Geld gibt es unterschiedliche Ansätze. So ist es möglich, die Anzahl an Arbeitsstunden, die gearbeitet werden müssen um eine Geldeinheit zu erhalten, als Einheit zu verwenden. Ein weiterer Ansatz besteht darin, die Kaufkraft von Geld zu bewerten, indem
überprüft wird, wie viele Gütereinheiten sich mit einer Geldeinheit kaufen lassen. Zudem ist es ein
Ansatz, den Wert einer Geldeinheit mit einer Geldeinheit einer anderen Währung zu vergleichen.
Für den Fall der Kryptowährungen ist es am sinnvollsten, den Gegenwert zu einer manifestierten Währungseinheit wie dem US-Dollar oder dem Euro zu betrachten, da diese Werte dem Leser sofort Aufschluss über die Kaufkraft liefern. Dies ist auch die im Onlinehandel mit künstlichen Währungen übliche Bewertung.
2.3 Bedeutung virtueller Währungen im weltweiten Geldsystem
2.3.1 Methoden zur Bestimmung der Bedeutsamkeit einer Währung
Dieser Abschnitt dient der Erörterung und Verdeutlichung der momentanen Bedeutung künstlicher Währungen. Um den Einfluss einer Währung abzuschätzen, können diverse Kriterien herangezogen werden. Zwei Hauptkriterien werden im Folgenden untersucht:
- Anteil einer Währung an internationalen Devisenreserven
- Anteil einer Währung am globalen Devisenhandel
Weitere Kriterien, die die Bedeutung einer Währung veranschaulichen, sind unter anderem ihre historischen Inflationsraten oder ihr Anteil am Währungskorb der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds. Im Rahmen dieser Arbeit sollen lediglich die zwei oben genannten Kriterien untersucht werden.
2.3.2 Anteil an den globalen Währungsreserven
Betrachtet wird zunächst die Zusammensetzung der weltweiten Devisenreserven in Abbildung 1. Gemäß der offiziell allokierten Währungsreserven bestehen 85% der globalen Devisenreserven aus U.S. Dollar und Euro. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Zusammensetzung kaum geändert. Lediglich das Britische Pfund musste als Reservewährung Anteile einbüßen. Darüber hinaus verschmolzen die Deutsche Mark und der Französischer Franc, welche beide größere Anteile an der Zusammensetzung ausmachten, zum Euro. In der Auflistung findet sich keine virtuelle Währung. Eine detailliertere Auflistung der Kategorie „Andere Währungen" liefert der Internationale Währungsfonds nicht. Das Volumen an Währungsreserven dieser kleinen Kategorie betrug im Dezember 2013 177,677 Milliarden U.S. Dollar. Selbst wenn das gesamte ausstehende Volumen an Bitcoins (ca. 10 Milliarden U.S. Dollar) als Währungsreserve gehalten würde, wofür es keine Anhaltspunkte gibt, wäre der Anteil sehr gering. Folglich kann mit Sicherheit ausgesagt werden, dass künstliche Währungen bei der Zusammensetzung der offiziellen Währungsreserven zum aktuellen Zeitpunkt keine Rolle spielen.
2.3.3 Anteil am globalen Devisenhandel
In Abbildung 2 sind die Anteile der jeweiligen Währungen am globalen Devisenhandel zu sehen. Kryptowährungen finden sich in dieser Auflistung wiederum nicht. Zu der Kategorie „Sonstige größere Währungen" zählt keine virtuelle Währung. Diese sind, wenn überhaupt von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich aufgeführt, der Kategorie „Sonstige kleinere Währungen" zuzuordnen. Über diese werden keine detaillierteren Informationen publiziert. Wird der durchschnittliche Tagesumsatz im globalen Währungshandel des Aprils 2013 (der Monat der letzten Untersuchung) zu Grunde gelegt, so entfallen auf „Sonstige kleinere Währungen" tägliche Umsätze von 82,4 Milliarden U.S. Dollar. Das Durchschnittsvolumen täglich gehandelter Bitcoins der letzten 60 (Stand 26.01.2014) sehr handelsintensiven Tage beträgt etwa 150 Millionen U.S. Dollar. Wird ein längerer Zeitraum betrachtet, so liegt das Volumen deutlich unter 100 Millionen U.S. Dollar täglich. Wird von einem durchschnittlichen Tagesvolumen von 150 Millionen U.S. Dollar ausgegangen, so macht der Anteil gehandelter Bitcoins an der Kategorie „Sonstige kleinere Währungen" 0,18% aus. Der Anteil von künstlichen Währungen verglichen mit dem gesamten Devisenhandel (Stand April 2013) beträgt somit lediglich etwa 0,0029%. Es ist die Aussage zu treffen, dass Kryptowährungen im täglichen globalen Devisenhandel eine stark untergeordnete Rolle spielen.
2.3.4 Vergleich zwischen Bitcoin-Geldmenge und Euro-Geldmenge M1
Welche geringe Rolle künstliche Währungen aktuell im globalen Geldsystem spielen unterstreicht Abbildung 3. Werden alle im Umlauf befindlichen Bitcoins mit der von der Europäischen Zentralbank angegeben Euro-Geldmenge M1 verglichen, so ergibt sich ein Verhältnis von in U.S. Dollar (Kurs EUR/USD 1,3667 Stand 25.01.2014) umgerechneten Werten von 689:1. In der Geldmenge M1 summiert die Europäische Zentralbank die im Umlauf befindlichen Banknoten und Münzen mit allen Sichteinlagen, deren maximale Laufzeit ein Tag beträgt. Die Geldmenge M1 kommt der Verwendung von Bitcoins am nächsten, da es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass diese im größeren Stil für Kapitalanlagen gehalten werden, deren Laufzeit über einem Tag liegt.
Zusammenfassend für diesen Abschnitt ist festzuhalten, dass künstliche Währungen im internationalen Geldsystem aktuell eine stark untergeordnete Rolle spielen. Allerdings entstanden diese Währungen erst vor wenigen Jahren, wohingegen einige etablierte Währungen eine jahrhundertelange Geschichte haben. Im Laufe der Historie sind immer wieder Währungen entstanden, aufgestiegen oder verschwunden. Selbst wenn zum aktuellen Zeitpunkt die Bedeutung noch gering sein mag, so ist es trotzdem für die Zukunft von Wichtigkeit sich tiefgehender mit Kryptowährungen zu beschäftigen, da diese die Infrastruktur des Internets nutzen und somit einer breiten potentiellen Nutzerschicht unkompliziert zur Verfügung stehen.
2.4 Methoden zur Geldmengensteuerung
2.4.1 Zentrale- und dezentrale Geldschöpfung
In diesem Kapitel wird auf die verschiedenen Methoden der Geldmengensteuerung eingegangen. Bevor im nächsten Abschnitt ein Vergleich stattfindet, werden die zwei möglichen Methoden zur Geldschöpfung aufgezeigt. Bei klassischen Währungen, wie dem Euro oder dem U.S. Dollar, verfügt normalerweise eine zentrale Institution über das alleinige Geldschöpfungsmonopol. Kryptowährun- gen – unter anderem Bitcoins – hingegen basieren auf einem andern System der Geldschöpfung, dem der dezentralen Geldmengensteuerung.
Zunächst wird die zentrale Geldschöpfung betrachtet und die Definition der Institution „Zentralbank" aus Kapitel 2.1 ist hier um einen weiteren Satz ergänzt.
„[Eine Zentralbank ist eine] Eigenständige staatliche Institution, die mit der Wahrung der Aufgaben der Geldpolitik betraut ist und über ein Emmissionsmonopol verfügt. In den einzelnen Ländern gibt es verschiedene Grade der Unabhängigkeit der Zentralbank und unterschiedliche Aufteilungen der geldpolitischen Einzelkompetenzen zwischen den Zentralbanken und den Regierungen." (Budzinski)
Kennzeichnend für etablierte Währungen wie der Euro oder der U.S. Dollar ist das Existieren einer zentralen Institution, der Zentralbank. Diese Zentralbank ist sowohl bei der europäischen Währung Euro als auch bei der amerikanischen Währung U.S. Dollar vollständig unabhängig von der Politik. Somit ist zumindest in der Theorie gesichert, dass eine Regierung keinen Einfluss auf die Geldmenge nehmen kann und nicht über die Möglichkeit verfügt, sich ihrer Schulden durch das Schöpfen neuen Geldes zu entledigen.
Für die in dieser Arbeit betrachteten klassischen Währungen existiert immer eine Zentralbank, die das alleinige Monopol auf die Geldschöpfung besitzt. Diese Zentralbanken haben in manchen Fällen auch noch weiterführende Aufgaben, wie die Preisstabilität (Euro und U.S. Dollar) oder die Sicherung eines hohen Beschäftigungstandes (U.S. Dollar) zu garantieren.
Der Gegenentwurf zum zentralen Geldmengensteuerungssystem ist die dezentrale Geldmengenschöpfung. Sie ist bei künstlichen Währungen wie den Bitcoins, vorzufinden. Bei künstlichen Währungen, die einen dezentralen Geldschöpfungsansatz verfolgen, wird Geld durch einen Computeralgorithmus geschöpft und nicht durch eine Institution wie eine Zentralbank.
Die dezentrale Geldmengensteuerung hat das Ziel, Transparenz in der Geldmengensteuerung sowie Neutralität und Vorhersagbarkeit zu generieren.
Der Hauptunterschied zwischen zentraler und dezentraler Geldschöpfung ist, dass bei der zentralen Geldmengensteuerung eine Institution die Geldmenge kontrolliert und bestimmt, wohingegen bei der dezentralen Geldschöpfung keine Monopolinstitution involviert ist.
2.4.2 Vor- und Nachteile
Die verschiedenen Ansätze der Geldmengensteuerung haben unterschiedliche Stärken und Schwächen.
Das System der zentralisierten Geldschöpfung mit Zentralbank hat den Vorteil, dass flexibel auf Konjunkturzyklen eingegangen werden kann. Droht eine Konjunktur zu überhitzen, kann die Zentralbank reagieren und weniger Geld schöpfen, was zu höheren Zinsen und somit geringeren Investitionen führt. Im entgegengesetzten Fall hat eine Zentralbank die Möglichkeit in schwachen Konjunkturphasen durch gezieltes Eingreifen Zinsen niedrig zu halten und Investitionen anzukurbeln. Als Instrumente stehen ihr hierzu verschiedene Möglichkeiten der Geldmengensteuerung zur Verfügung. Bei dezentralen Geldmengensteuerungssystemen existiert diese Möglichkeit nicht. Keine Institution kann auf die exogenen Gegebenheiten regieren. Der Algorithmus, der die Geldschöpfung ausführt, handelt eigenständig. Dies hat einen erheblichen Mangel an Flexibilität zur Folge.
Die Möglichkeit der Intervention ist auch mit Nachteilen behaftet. Kritiker der zentralisierten Geldmengensteuerung werfen den Zentralbanken vor, politisch beeinflussbar und manipulierbar zu sein. Zwar sind die Zentralbanken der etablierten Währungen, wie oben aufgeführt und belegt, gemäß ihrer Statuten unabhängige Institutionen. Es ist jedoch in einigen Fällen schwer, eine vollständige Unabhängigkeit zu belegen. Künstliche Währungen sind so konstruiert, dass sie ohne Zentralbank auskommen. Der Geldschöpfungsprozess erfolgt vollständig automatisiert und ist somit nicht politisch beeinflussbar. Zudem ist die Geldmenge bei künstlichen Währungen im dezentralen System vorhersehbar und lässt sich rechnerisch nachvollziehen. Dieses System sorgt für Transparenz und hat das Ziel, Vertrauen in die Währung zu schaffen. Die theoretische Manipulierbarkeit von etablierten Währungen war einer der Gründe für die ersten Überlegungen zu Kryptowährungen. Eine nähere Ausführung zum Geldschöpfungsprozess bei künstlichen Währungen erfolgt in Kapitel 3.2.3.
Ein weiterer Nachteil des zentralisierten Systems ist die Abhängigkeit von exogenen Informationen. Da Konjunkturdaten oft nur undeutlich und mit Zeitverzögerung zu erhalten sind und die Instrumente der Zentralbanken selbst auch nur mit Verzögerung wirken, muss eine Zentralbank ständig „time lags" beachten.
Ob einer der beiden Ansätze der Bessere ist, kann nicht abschließend ausgesagt werden. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Während das zentralisierte Geldmengensteuerungssystem flexibler ist, bietet der dezentrale Ansatz eine höhere Transparenz der Geldschöpfung. Das Entstehen von künstlichen Währungen ist im historischen Kontext der Weltfinanzkrise (ab 2007) und dem damit einhergehenden Vertrauensverlust in die Bankenlandschaft zu sehen. Bei der Konstruktion von Kryptowährungen wurde immer versucht, den Einfluss von Menschen oder Institutionen klein zu halten.
Fortsetzung folgt
* Dieser Text ist 2014 im Rahmen eines Seminars von Professor Dr. Andreas Mitschele im Studiengang BWL-Bank an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart entstanden. Dieser Beitrag ist zusammen mit 10 weiteren Beiträgen in einen Band zusammengefasst und im Eigenverlag unter dem Titel „Next Generation Finance – Revolution oder Evolution des Bankgeschäfts?“ erschienen. Die Wiedergabe hier im Blick Log erfolgt mit Zustimmung von Professor Mitschele.
Diese Arbeit enthält umfangreiche Fußnoten und ein ausführliches Literaturverzeichnis. Zur besseren Lesbarkeit im Blog habe ich bei der Editierung für die Blogdarstellung auf die Fußnoten verzichtet. Bei Recherchen und Zitaten bitte immer die Originalarbeit heranziehen, die hier als Komplettband als PDF-Datei heruntergeladen werden kann. Darstellungs- und Formatierungsprobleme mit Abbildungen und Texten gehen allein zu Lasten des Blick Log.
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