Muppet Rhetorik von Rocket Internet: “Proven Winner” … machen 660 Mio. Euro Verlust (EBITDA)

by Dirk Elsner on 13. Mai 2015

Vergangene Woche hat Rocket Internet den ersten Jahresbericht nach dem Börsengang veröffentlicht. Als ich mir am Wochenende einige Berichte darüber durchlas, rieb ich meine urlaubsreifen Augen. Die Wirtschaftswoche hat auf Ihrer Gründerseite untersucht, wie gut die Rocket Start-ups wirklich dastehen. Ich will das hier nicht auswalzen und keine Häme verschütten über die (erwarteten?) Verluste. Rocket Internet ist ein Hochrisikopapier. Die Chance, darüber hatte ich zum Börsengang geschrieben, liegt darin, über den Inkubator positive Schwarze Schwäne zu finden. Es ist klar, dass dabei viele Nieten im Portfolio sein müssen.  Zu Problemkindern sollen angeblich die FinTech-Unternehmen Lendico und Zencap gehören, wenn man einem Bericht der Internet World glauben möchte.

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Diese Raketen starten nicht mehr: Ausstellungsgelände in Cap Canaveral

Was ich aber wirklich putzig finde ist, dass Rocket Internet einen Teil seiner Unternehmensbeteiligungen als "proven winner" bezeichnet. Frei übersetzt bedeutet dies bewährte oder bewiesene Gewinner. Nach Angabe der Wirtschaftswoche definiert Rocket diese Unternehmen so:

“Sie existieren seit mindestens zwei Jahren oder haben mehr als 50 Millionen Euro an Umsatz erwirtschaftet und bei ihrer letzten Finanzierungsrunde mehr als 100 Millionen Euro eingenommen.”

Mit der Oldschool der BWL hat dies nichts mehr zu tun. Dahinter steht die „Muppet-Rhetorik“* von Rocket Internet. Und die geht mir wirklich auf den Geist. Was soll das Gerede von ausgewiesenen Gewinnern, wenn die Unternehmen in der Summe ein EBITDA von minus 660 Mio. Euro ausweisen? Diesen Betrag jedenfalls hat die Wiwo berechnet oder in dem Bericht bzw. der Präsentation gefunden (ich übrigens nicht).

Noch einmal: Minus 660 Millionen EBITDA.

EBITDA bedeutet Earnings before interests, taxes, depreciation and amortisation, also das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, und Abschreibungen auf Sachanlagen und immaterielle Vermögengegenstände. Mit dem EBITDA soll das Betriebsergebnis ohne Verzerrungen dargestellt werden. Für die Aktionäre ist dennoch der Jahresüberschuss wichtig, denn nur daraus können eines Tages Ausschüttungen an die Aktionäre gezahlt werden.

Rocket versucht seinen Aktionären weis zu machen, dass es darauf nicht ankommt, sondern man erst einmal auf Wachstum setzen müsse und verkauft es bereits als Erfolg, dass die EBITDAs der proven winners nicht mehr ganz so negativ sind wie 2013. Das durchschnittliche wie auch immer “angepasste” EBITDA verbesserte sich um 21% auf minus 34% (lt. Gründerszene). So kann man sich schlechte Ergebnisse auch schön reden.

Dazu kommen noch das “Bewertungswachstum”. Laut Gründerszene soll der wie auch immer ermittelte Erwartungswert der „Proven Winners“ seit dem Börsengang um zwei Milliarden Euro auf nun 4,6 Milliarden gewachsen. Glückwunsch. Für mich ist das Rhetorik mit der Anleger zu Muppets herabgesetzt werden. Die Investoren sind die notwendigen Liquiditätslieferanten und sollen durch solche Daten bei Laune gehalten werden, was wohl zunehmend schwerer wird. Mit ernsthafter Investorenkommunikation hat das nichts zu tun.

Aber Hut ab vor diese Chuzpe. Rocket lebt die in uns Menschen und vor allem uns Männern evolutionsbiologisch bedingte Selbstüberschätzung erstklassig vor. Holger Dambeck schrieb einmal für Spiegel Online in dem Beitrag “Selbstüberschätzung lohnt sich

“Ich bin der Größte! Auch wenn das oft nicht stimmt und die Betroffenen damit mächtig auf die Nase fallen: Selbstüberschätzung zahlt sich in der menschlichen Gesellschaft aus. Das haben Forscher mit einer Simulation gezeigt. Solange es viel zu gewinnen gibt, ist ein geschöntes Selbstbild von Vorteil.”

Ich glaube, das erklärt alles.

Ich habe großen Respekt vor dem, was die Samwer-Brüder aufgebaut haben und habe in diesem Beitrag geschrieben, dass das mir diese unterschwellige Neiddebatte über Rocket Internet auf den Zeiger geht. Aber die Muppet-PR stört mich gewaltig und lässt mich an der Ernsthaftigkeit des Projekts zweifeln.

Ich bin schon sehr gespannt auf die Erklärungen der PR-Spindoktoren, wenn ein Teil der “Proven Winners” zu “Real Loosers” implodiert.

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Zur Erinnerung: Die Bezeichnung “Muppets” basiert auf Sprüchen, die Mitarbeitern der Investmentbank Goldman Sachs zugeschrieben werden. Greg Smith, ein ehemaliger und Goldman-Mannschrieb, dass Direktoren der Investmentbank Kunden als Muppets bezeichnet haben, weil die Kunden bestimmte Geschäfte nicht durchschauen und deswegen zu viel Geld zahlen. Natürlich wird das von Goldman Sachs selbst bestritten. Aber die Welt ist voll mit Beispielen und Gerichtsentscheidungen (siehediese Sammlung ausgewählter Rechts- und Streitfällen), in denen nachgewiesen wurde, dass Finanz- und andere Profis die Unerfahrenheit und das mangelnde Wissen über ihrer Geschäftspartner ausgebeutet haben.

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