Zur Adventszeit: Wenn die Zeit stillsteht.

by Gastbeitrag on 6. Dezember 2015

Von Jodie Ann Ernsting*

Bei den meisten meiner Freunde, hörte man zu Weihnachten Lieder, wie „Alle Jahre wieder“ und „Oh Tannenbaum“.

Seit ich mich zurückerinnern kann, haben wir zu Weihnachten immer ein Lied gehört, dass eigentlich überhaupt kein Weihnachtslied ist. Im Jahr 1985 haben sich die damals größten Sänger und Sängerinnen zusammengefunden, um gemeinsam mit Michael Jackson ein Lied aufzunehmen. Mit den Einnahmen von We are the world sollte den Menschen in Afrika geholfen werden. Inzwischen gibt es mehrere Neuauflagen des Liedes, doch für mich wird stets die erste Version, mit Tina Turner und Bruce Springsteen die einzig wahre bleiben.

Ich habe ehrlich gesagt bisher nie groß auf den Text gehört. Ich mochte stets das Gefühl, das dieses Lied in mir auslöste. Sobald das Lied durch unser Haus schallt, und natürlich sobald die Cola Truck Werbung lief, war die Weihnachtszeit angebrochen. Meine Eltern haben immer gesagt, dass für sie dieses Lied Weihnachten verkörpert und irgendwie habe ich erst dieses Jahr verstanden, was sie damit meinen.

Denn dieses Jahr ist Weihnachten irgendwie anders. Nach den Anschlägen in Paris, ist die Situation in Deutschland noch angespannter, als vorher. Die Menschen sind misstrauischer, schauen sich ihre Mitfahrenden im Zug besonders genau an und geraten in Panik, wenn jemand seinen Rucksack stehen lässt. Aber wem kann man es verübeln? Wir leben in Angst. Denken wir. Doch die Angst, in der die Menschen gelebt haben, die zu uns nach Deutschland gekommen sind, um vor Krieg und Terror zu fliehen und bei uns Zuflucht und eine neue Heimat zu finden, ist für uns unvorstellbar. Die meisten von ihnen sind Muslime und feiern so kein Weihnachten, aber ist die Adventszeit in Deutschland überhaupt noch christlich? Worum geht es im Advent eigentlich? Bereiten wir uns damit wirklich auf das Fest zur Geburt Jesu vor? Geht es nicht viel eher darum einmal durchzuatmen, die Familie zu sehen und zusammenzukommen, auf dem Weihnachtsmarkt oder bei einer Tasse Kakao und selbstgebackenen Plätzchen?

Während der gesamten Adventszeit herrscht eine andere Stimmung auf den Straßen. Es riecht anders, nach Plätzchen, Glühwein, Tannenzweigen oder einfach nur nach eiskalten roten Nasen. Die Lichter sind anders. In den meisten Fenstern findet man wenigstens eine Kleinigkeit, die diese besondere Zeit ankündigt. Und die Menschen sind anders. Viele sind entspannter, lächeln mehr und freuen sich auf das, was kommt. Sie geben mehr Trinkgeld und haben Mitleid mit dem Bettler am Straßenrand, an dem sie den Rest des Jahres einfach achtlos vorbeigehen.

Und irgendwie scheint es, als würden die Uhren langsamer ticken. Als würde die Zeit manchmal einfach ein kleines bisschen langsamer vergehen. Wenn man mit 100 anderen Leuten eingequetscht auf dem Weihnachtsmarkt steht, und sich an dem Kakao mit Schuss in seiner Hand aufwärmt. Wenn man mit der ganzen Familie beim Gottesdienst ist und dort alle Menschen aus früherer Zeit wiedersieht. Wenn man bei seinen Großeltern am vollgedeckten Tisch sitzt und über all das spricht, was im letzten Jahr passiert ist. Oder wenn man einfach verträumt die vielen Lichter an den Weihnachtsbäumen betrachtet. Genau dann steht die Welt für einen kurzen Moment einfach still. Es ist ein Gefühl von Gemeinschaft und Ruhe. Und das, hat absolut nichts mit Religion zu tun.

Wieso können wir dieses Gefühl von Gemeinsamkeit, von zur Ruhe kommen, von Liebe, nicht mit unseren Besuchern aus der ganzen Welt teilen? Zu Weihnachten bekommt doch jeder Besuch oder fährt zu jemandem. In solchen Momenten zeigen wir uns von unserer besten Seite, tischen das beste Essen auf, kaufen den guten Wein und falten sogar die Servietten. Wieso machen wir das nicht auch den unseren Besuchern aus Syrien, Afghanistan etc.?

Ich verlange nicht, dass jede Familie einen Flüchtling bei sich zu Hause aufnimmt. Es geht, wie bei Weihnachten, um die Kleinigkeiten. Um den Pendler, der einer syrischen Familie erklärt, welchen Zug sie nehmen soll. Um den Schaffner, der beide Augen zudrückt, wenn ein Flüchtling keine Fahrkarte hat. Den Sportverein, der Flüchtlingen den Eintritt für ein Spiel kostenlos zur Verfügung stellt, damit sie wenigstens für einen Abend alles vergessen können. Um die vielen Polizisten, die Extraschichten einlegen, um die Flüchtlinge zu unterstützen. Und natürlich um die vielen Helfer, die jeden Tag ihre freie Zeit opfern, um die Menschen bei uns willkommen zu heißen.

Jeder kann einen kleinen Teil dazu beitragen, denn „We are the ones who make a brighter day, so lets start giving.“ Es geht darum den Flüchtlingen zu zeigen, was Weihnachten in Deutschland bedeutet. Dass es kein rein christliches Fest ist, sondern viel eher ein Gefühl. Ein Gefühl von Besinnung, zur Ruhe kommen und Gemeinsamkeit. Es liegt in unserer Hand, ob die Terroristen gewinnen und wir uns gegenseitig ausgrenzen und voneinander abwenden, oder wir gemeinsam stark sind und zeigen, dass wir als eine Welt zusammenstehen. Denn jetzt ist die Zeit, „when the world must come together as one“.

Dieses Jahr habe ich dem Text des Liedes das erste Mal richtig zugehört und ich verstehe meine Eltern, wenn sie sagen, dass dieses Lied für sie den Geist von Weihnachten wiederspiegelt. Also lasst uns diese Weihnachtszeit nutze, denn „WE are the world.“


Jodie Ann Ernsting hat 2013 Abitur am Hans Ehrenberg Gymnasium in Bielefeld gemacht und schreibt hier über Impressionen der Jugend nach dem Abitur und auf der Suche nach dem Weg der Generation Y. Jodie studiert in Bielefeld Germanistik. Ihr Beitrag in diesem Blog für die Blogparade zur Vollbeschäftigung erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 5. Mai 2013.

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