Die fatale Anziehungskraft der Selbstzerstörung – Teil 2: Es gibt immer mehr Verlierer der Disruption

by Karl-Heinz Thielmann on 14. Juli 2016

Fortsetzung des Beitrags vom 12. Juli 2016

Die Verlierer von Disruption werden immer mehr … besonders in angelsächsischen Ländern

Disruption ist eines der Modewörter der vergangenen Jahre. Der Begriff wird zumeist auf grundlegende Veränderungen durch technische Innovation bezogen, die dramatische Konsequenzen sowohl für Gewinner wie auch Verlierer haben. Letztlich steckt dahinter nichts anderes als der Begriff der „kreativen Zerstörung“, den Joseph Schumpeter schon vor fast einem Jahrhundert als die grundlegende Triebkraft des kapitalistischen Wirtschaftssystems identifiziert hat. Disruption führt dazu, dass permanent technische Neuerungen entstehen und sich sich das Wohlstandsniveau der Allgemeinheit erhöht; allerdings zu dem Preis, dass diejenigen, die nicht mit der Zeit mitgehen können oder wollen, zu Verlierern werden und einen sozialen Absturz erleben.

Disruption wird aber nicht nur durch Technologiewandel ausgelöst, sondern auch durch grundlegende politische Veränderungen. Und hier haben wir in den vergangenen 30 Jahren mit der Globalisierung, die durch den Zusammenbruch des Kommunismus und die fortschreitende Integration von Märkten angetrieben wurde, einen massiven Wandel erlebt. Hiervon haben – neben Schwellenländern – vor allem Exportnationen wie Deutschland, die Schweiz oder Schweden profitiert. Ihre Wirtschaft wird von Unternehmen getragen, die es gewohnt sind, sich im internationalen Wettbewerb durchzusetzen. Zwar wächst auch hier die Zahl der unzufriedenen Wutbürger, die Verlierer der Disruption sind und ihren Wohlstand bedroht sehen. Aber gerade in den angloamerikanischen Ländern haben sich in den vergangenen Jahren besorgniserregend viele Verlierer angesammelt. Deswegen findet insbesondere in diesen ein neuer Anti-Kapitalismus besonders starken Zuspruch.

Die Ökonomien der USA und Großbritanniens werden vom Dienstleistungssektor dominiert; der industrielle Sektor ist schwach bzw. zurückgeblieben. Beide Nationen haben deshalb auch strukturelle Handelsbilanzdefizite – und einen großen Niedriglohnsektor. Es gibt in beiden Ländern auch besondere Regionen der Kreativität und Innovationskraft: z. B. Hollywood, Silicon Valley, New York oder Massachusetts in den USA; Cambridge, Oxford & London in Großbritannien. Sie und ihre Erfolgsstorys genießen zwar große Medienaufmerksamkeit, sie sind aber keineswegs repräsentativ. Denn die dynamische Entwicklung der Wachstumszentren überdeckt den Niedergang der regionalen Wirtschaft im Allgemeinen und der Mittelschicht im Besonderen.

Gerade jüngste Studien über die allgemeine Einkommensentwicklung in den USA erscheinen teilweise erschreckend: Nach Zahlen des PEW Research Center lag 2014 in 80% von 229 Metropolregionen der USA das reale Medianeinkommen eines privaten Haushalts spürbar niedriger als 1999. Und dies, obwohl das durchschnittliche reale Pro Kopf-BIP gleichzeitig um 33% gestiegen ist.

In strukturschwachen Regionen sind die Rückgänge dramatisch: Springfield (Ohio) hat ein durchschnittliches Minus von 26%; Detroit 18% weniger; Atlanta (Georgia) ein Minus von 17%. Selbst in New York (-4%) und Chicago (Illinois) (-11%) hat sich die Situation verschlechtert. Auch in der Ölregion Texas waren deutliche Rückgänge zu verzeichnen (Houston minus 6%; Dallas minus 9%). Selbst in der Region Boston mit Wachstumszentren um die Eliteunis Harvard und MIT blieb der Zuwachs mit 1% moderat.

Noch klarer als in Großbritannien ist in den USA zu sehen, dass trotz steigender Aktienkurse, innovationsstarker Wachstumszentren und insgesamt zunehmender Wirtschaftsleistung die Provinz zurückbleibt und die Mittelschicht sich überwiegend als Verlierer sieht. Dies erklärt auch den Erfolg von Bernie Sanders bzw. Donald Trump im Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur in den USA dieses Jahr, die sich zum Sprachrohr der Verlierer gemacht haben. Beide haben bei ihren Wählern mit Parolen gepunktet, die gegen freien Wettbewerb, ausländische Unternehmen sowie ein Establishment – das sich angeblich auf Kosten des Volkes bereichert – gerichtet waren.

Die Brexit Abstimmung offenbart eine gespaltene Gesellschaft – die jetzt zu zerbrechen droht

Auswertungen von Wahlforschern zeigen deutlich: Für oder gegen den Brexit haben jeweils überwiegend Angehörige ganz bestimmter sozialer Gruppen gestimmt: Für den Brexit waren vor allem die Alten, die wirtschaftlich schlechter gestellten Bewohner der englischen Provinz und die Ungebildeten. Gegen den Brexit waren vor allem die Jungen sowie die Bewohner von London bzw. der Universitätsstädte sowie Schottland und Nordirland.

Speziell drei Gruppen erfinden den Brexit als Affront: Die Briten unter 25, die Schotten und katholische Nordiren:

  • Umfragen zeigen, dass sich unter den 18-24 Jährigen 75% gegen eine Brexit entschieden haben; bei den Studenten waren es sogar 82%. Die junge Generation hat die Vorteile eines offenen Europa erlebt und wollte diese bewahren. Stattdessen sieht sie sich mit der Perspektive konfrontiert, dass es für sie nun viel schwerer wird, nach Europa zu reisen oder dort zu arbeiten.
  • In Schottland existieren schon seit Jahrhunderten Ängste davor, von England dominiert zu werden. Trotzdem fiel im Jahr 2014 in einem Referendum eine Entscheidung knapp gegen die Unabhängigkeit von Großbritannien. Eines der Hauptargumente damals war, dass nur im Staatenverbund mit England, Wales und Nordirland auch weiterhin eine Mitgliedschaft in der EU möglich wäre. Ein Brexit würde aber genau zum Gegenteil hiervon führen.
  • Im jahrzehntelang durch einen religiösen Bürgerkrieg gespaltenen Nordirland hat erst die EU-Integration einen Friedensprozess ermöglicht: Die Minderheit katholischer Nord-Iren empfand die Öffnung zur Republik Irland als Ausgleich zur Dominanz der protestantischen Bevölkerung. Ein Zurückdrehen dieses Status quo könnte die alten Konflikte wieder aufleben lassen.

Gerade aufgrund der britischen Besonderheit, dass die Nation ein Gebilde aus 4 Regionen mit teilweise sehr unterschiedlichen Interessen ist, droht das Brexit-Referendum die Nation nicht nur zu schwächen, sondern regelrecht zu zerreißen. Denn die Brexit-Möglichkeit bedient Urängste der kleinen Regionen vor einer englischen Dominanz – und motiviert wiederum weitere Absetzbewegungen.

Der Druck auf die Mittelschicht wird sich in Zukunft weiter verstärken

Die Brexit-Bewegung wird von einer grundlegenden sozialen Dynamik getrieben, die sich gegen Fortschritt und Wettbewerb richtet. Spezifisch britische Faktoren haben allerdings dafür gesorgt, dass sich die ansonsten zersplitterten Unzufriedenen zu einer schlagkräftigen Mehrheit formieren konnten. Sie stellt das heutige Wirtschaftssystem infrage, das auf Migration, Innovation und internationalem Handel beruht. Es gibt eine neue Kapitalismusfeindschaft, die nicht auf sozialistischer Ideologie, sondern auf dem Wunsch nach Besitzstandswahrung und Verweigerung von Veränderung beruht.

Die unangenehme Wahrheit ist: Der Niedergang eines Teils der Mittelschicht in den westlichen Ländern ist unvermeidbar. Globalisierung und Internetkonkurrenz bedrohen viele Nischen und bisherige Privilegien. Nur wer sich permanent anpasst, geht nicht unter. Dies schaffen aber viele Menschen nicht. Der Druck auf viele Mittelschichtberufe wird zudem in den nächsten Jahren noch steigen, wenn künstliche Intelligenz zunehmend Aufgaben von bisher relativ gut bezahlten Fachkräften über-nimmt. Ein breites Spektrum von Berufen – vom Lokführer über den Kreditsachbearbeiter bis zum Chirurgen – wird hiervon betroffen sein.

Anti-Experten-Stimmung, weil etablierte Politiker und Ökonomen die Probleme ignorieren

Nichts ist in der Politik unbeliebter als unangenehme Wahrheiten. Die etablierten Parteien haben sich deshalb in allen westlichen Demokratien entschlossen, das Problem einer sich auflösenden Mittelschicht zu ignorieren. Die Konsequenz ist, dass enttäuschte Wähler zunehmend verbittern und sowohl Regierungsvertreter wie auch ihre parlamentarische Opposition als unglaubwürdig empfinden. Sie lehnen dann auch die offene und freie Marktwirtschaft als „System der Eliten-Herrschaft“ ab und werden für Demagogen anfällig. Die Konsequenzen sind dann oft kurios, wenn sich in USA ausgerechnet der Milliardär Donald Trump oder in Großbritannien der Eton-Absolvent Boris Johnson als Kämpfer gegen das Establishment präsentieren.

Die akademische Ökonomie ist schon seit Längerem in zwei Lager gespalten: ein tendenziell marktliberales sowie eines, dass eher staatlichen Interventionismus bevorzugt. Beide Lager geben zu jedem ökonomischen Problem mehr oder weniger die gleiche Empfehlung ab: Das marktliberale Lager setzt fast immer auf niedrige Steuern, freie Märkte und solide Staatsfinanzen; das interventionistische Lager auf Umverteilungspolitik und schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme.

Empfehlungen der beiden Ökonomenlager – und der ihnen folgenden Politiker – werden von den Verlierern des Strukturwandels immer mehr als Provokation empfunden. Das Resultat ist eine „Anti-Experten-Stimmung“, die z. B. von den Befürwortern des Brexits im Wahlkampf gnadenlos ausgenutzt wurde, um Sachargumenten entgegenzutreten. Hierfür gibt es vor allem 2 Gründe:

1)   Die Menschen wollen einerseits weniger Wettbewerb, als Steuerzahler aber auch weniger Umverteilungsstaat. Das Ergebnis ist ein Anforderungsprofil an die Politik, für das keines der traditionellen Lager eine Antwort hat, welches aber einen idealen Ansatzpunkt für Demagogen bietet.

2)   Es gibt einen Widerspruch zwischen Denken und Handeln in Wirtschaft und Politik, der auch gut gemeinte Ökonomenempfehlungen als interessengesteuerte Propaganda erscheinen lässt: Internationale Großkonzerne zahlen kaum Steuern. Politiker und Manager sind immer wieder in Skandale verstrickt bzw. erweisen sich als unfähig; müssen dann aber für Fehlverhalten oder Versagen kaum Konsequenzen befürchten. Stattdessen werden sie oft noch durch Abschiedsboni oder Frühstücksdirektorenposten für ihre Fehler belohnt. Dieser Mangel an Verantwortungsübernahme führt bei Normalverdienern und Steuerzahlern, die sich immer peinlich genau an die Regeln halten müssen, zu teilweise heftigen Ablehnungsreaktionen gegen das sog. „Establishment“.

Die Unglaubwürdigkeit des Establishments ist eine Einladung für selbstzerstörerische Alternativen

Demagogen versprechen einfache Lösungen für komplizierte Probleme. In der Brexit-Bewegung ist es ihnen gelungen, die vielen Unzufriedenen einer Gesellschaft unter dem Motto der EU-Feindschaft zu vereinen. Ähnliches kann auch in andern Ländern passieren.

Die Politik von Demagogen wird zwar immer ins Desaster führen, was man in Großbritannien schon jetzt zu spüren beginnt. Einerseits wird der ordnungspolitische Rahmen zerstört, den Unternehmen für ihre Planungen und Anleger für ihre Investmententscheidungen benötigen. Weiterhin ist Abschottung die falsche Antwort auf die ökonomischen Probleme unsere Zeit, da sie Schwächen in der Wettbewerbsfähigkeit weiter verstärkt. Insbesondere in Hinblick auf die aufstrebenden Wirtschaftsnationen Asiens, die keine Probleme mit ökonomischer Integration und Innovation haben, wird der noch bestehende Vorsprung leichtfertig aufs Spiel gesetzt.

Solange aber in weiten Teilen der Öffentlichkeit der Eindruck besteht, dass eine zukunftsorientierte Politik nur ein Feigenblatt von unglaubwürdigen Politikern, gierigen Managern und ignoranten Ökonomen ist, besitzen die selbstzerstörerischen Vorschläge skrupelloser Demagogen eine fatale Anziehungskraft für enttäuschte Wähler. Mit der Kandidatur von Donald Trump für die US-Präsidentschaft macht sich der Nächste auf, der dieses Potenzial ausbeuten möchte. Er wird nicht der Letzte bleiben.

Dieser Text erschien in leicht abgewandelter Form ebenfalls in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 48 vom 4. Juli 2016.

 

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