Wieso hat es noch keinen Börsencrash gegeben?

by Dirk Elsner on 23. September 2008

Vor fast drei Wochen hatte ich schon einmal nach den Crashpropheten gefragt. Erstaunlich ist, dass angesichts der Ausmaße der Finanzkrise die Kurse bisher nicht im Sinne eines Crash eingebrochen sind und auch die Kassandras kaum zu hören sind. Dabei wird die Finanzkrise zumindest in den USA als die schwerste seit 80 Jahren angesehen. Versteht man aber unter einem Börsencrash einen extremen Kurseinbruch, der sich in einem kurzen Zeitraum z.B. einem Tag oder einer Woche an Börsen ereignet, dann kann man die Bewegungen der letzten 6 Börsentage aber schwerlich als Crash beschreiben.

Freilich, auch wenn ich die Definitionsfrage der Wissenschaft überlasse, besteht Einigkeit darüber, dass die Kurseinbrüche im Oktober 1987 einen Crash darstellten. Liest man, was die FAZ dazu im vergangenen Jahr geschrieben hat, dann wird das Ausmaß deutlich:

„An den fünf Handelstagen vom 13. Oktober bis zum 19. Oktober 1987 verlor der Dow Jones Industrial Average Index ein Drittel seines Wertes und ungefähr eine Billion Dollar an Marktwert wurde vernichtet. Die Verluste gipfelten in einem panikartigen Rückgang des Dow Jones um 22,6 Prozent am schwarzen Montag, dem 19. Oktober 1987. Der traumatische Rückgang löste Rezessionsängste aus und bereitete ein Stück Boden für eine weitere große Depression.“

Vorhergesehen hatte den Zusammenbruch niemand, außer vielleicht Roland Leuschel. Zu den hier nicht näher beleuchteten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Jahre 1987 empfehle ich einen Artikel auf Zeitenwende.ch aus dem Jahr 2002.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für den damaligen Kurseinbruch. So schrieb die FAZ zu den Gründen von damals

„Ein Zusammenbruch von Aktienmärkten war auch 1987 keineswegs ein neues Ereignis, aber die vorherigen Finanzkrisen – etwa im Jahr 1929 – ließen sich oft auf die fundamentalen Probleme in der amerikanischen Wirtschaft zurückführen. Der Nervenzusammenbruch des Aktienmarktes von 1987 ist viel schwerer zu erklären.“

„Im nachhinein gibt es viele gute Gründe für den Crash von 1987. Die Aktienkurse waren 1987 fast das ganze Jahr über sprunghaft angestiegen und der Markt war bereits überbewertet. Der Anstieg der Aktienkurse war immerhin deutlich größer als der Zuwachs der Unternehmensgewinne. Neue Handelssysteme und noch unerprobte Investmentstrategien belasteten den Markt. Es gab Sorgen um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Spannungen am Persischen Golf.“

Warum es angesichts der dramatischen Auswirkungen der aktuellen Finanzmarktkrise bisher zu keinem Crash gekommen ist, läßt sich m. E. nur schwer erklären. Hier ein paar Lehren aus dem Börsenkrach von 1987, die möglicherweise zur Stabilisierung der Märkte beigetragen haben könnten:

Zunächst wieder die FAZ

„Im Jahr 1929 und während anderer, früherer Finanzkrisen, gab es keine Computersysteme, die verfügbaren Wirtschaftsdaten waren knapp und das Finanzreporting der Unternehmen war vielen Marktteilnehmern suspekt.“ Das einzige, was die Leute in den 20-er Jahren wussten, ist, dass Panik herrscht und alle verkauften“ , so Reena Aggarwal von der Universität Georgetown.“ Es stand deutlich weniger Information zur Verfügung“. Investoren verfügten1987 und heute noch in viel größerem Ausmaß über Informationsquellen für verlässliche Markt- und Wirtschaftsdaten, um sich mutig gegen den Herdentrieb stellen zu können. Dies ist einer der Gründe, warum die Märkte die Krisenfolgen von 1987 so schnell abschütteln konnten, wie Aggarwal hinzufügt.“

Schlüssig klingt die Argumentation nicht, denn durch die Real- und Neartime-Informationen, die nahezu allen Marktteilnehmern zugänglich sind, können Aktionen auch deutlich zeitnäher und damit beschleunigter erfolgen.

Eine eher technische Erklärung finden wir in der NZZ:

„Die Experten, die nach der Krise mit der Aufarbeitung des Crashs beauftragt wurden – beispielsweise die Autoren des berühmten «Brady-Reports» der US-Regierung –, sind sich einig, dass die limitierte Kapazität der technischen Handelssysteme ganz wesentlich zur Akzeleration der Krise beigetragen hat. Der enorme Ausbau der Systemkapazitäten in den vergangenen 20 Jahren ist denn gerade auch auf die Erfahrungen beim 87er Crash zurückzuführen.“

Hier dürften sie Systeme heute keine Probleme mehr haben. Zumindest ist in den letzten Wochen weder in Medien noch in Blogs über Störungen berichtet worden.

Und weiter heißt es dort:

„Am 20. Oktober trat die US-Notenbank Fed mit einer kurzen Erklärung an die Öffentlichkeit, in der sie ihre Bereitschaft signalisierte, Liquidität bereitzustellen, um das Finanzsystem zu stützen. Die Aussage des Fed war weit mehr als reine verbale Schützenhilfe, denn das Fed sicherte den Banken jene Liquidität zu, die sie für die Gewährung der Kredite für die «Margin-Calls» brauchten – ohne diese Kredite hätten die Clearing-Häuser der Derivatebörsen wohl kaum mehr funktioniert, und der Handel mit Derivaten wäre für längere Zeit ausgesetzt worden. Die Unsicherheit über die Öffnung der Derivatebörsen sorgte auch am 20. Oktober noch für Kursrutsche, doch insgesamt konnte der Tag im Plus beendet werden. Das Fed senkte die Leitzinsen nach der öffentlichen Erklärung um 50 Basispunkte und gab in den folgenden Wochen mittels Offenmarktoperationen wiederholt Liquidität in den Markt.“

Mit umfangreichen Liquiditätsmaßnahmen unterstützen die Notenbanken weltweit auch bisher die Finanzsysteme, so dass die zwischen den Banken selbst bestehende Vertrauenkrise sich bisher nicht so stark auswirken konnte.

Und dennoch. Sollte es in den nächsten Tagen einen Crash geben, dann wird es jede Menge Erklärungen darüber zu lesen geben, warum es so kommen musste. Es gibt aber kaum plausible Argumente, warum es aktuell keinen Crash gibt. Vielleicht mit der einzigen Ausnahme, dass niemand ernsthaft von einer Überbewertung an den Aktienmärkten spricht.

Dennoch, auch wenn es keine spekulative Blase gibt, können externe Schocks zu Kurseinbrüchen führen. Und externe Schocks durch Erwartungsänderungen, Ausfall wichtiger Schuldner, Vermögensentwertungen, eratische Schwankungen an Geld-, Kapital- und Rohstoffmärkten haben wir derzeit mehr zu verzeichnen als 1987, 1998 und 2001 zusammen. Seltsam also, dass die Märkte noch so stabil sind oder?

PS

Das Angebot eines Handelsblatts vom 20.10.87 bei ebay, über das ich in meinem Artikel vor drei Wochen hingewiesen hatte, ist ebenfalls gecrasht. Es fand sich kein Abnehmer

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