Liebe Banken, liebe Steuerzahler: Entschuldigung für mein Verhalten, das Euch erst in die Finanzkrise getrieben hat!

by Dirk Elsner on 15. Oktober 2008

Liebe Banken, liebe Steuerzahler,

in den vergangenen Wochen hat es viele Schuldzuweisungen gegeben. Sehr einseitig haben wir die Verursacher der Finanzkrise ausgemacht. Jeder hatte eine Erklärung, warum es an den anderen gelegen hat. Wir haben die Politik wegen der mangelhaften Regulierung und zu laxer Kontrolle verdächtigt. Wir wollten den Teufel aus Instrumenten wie Credit Default Swaps und Mortage Backed Securities austreiben. Wir haben Manager und Angestellte einer ungesunden Bonusgier bezichtigt. Wir haben geglaubt, die Finanzinstitute wollten die Erträge aus den Geschäften selbst einstecken und die Verluste auf die Steuerzahler verteilen.

Das ist alles Quatsch. In den letzten Tagen war ich noch so vermessen, auf eine Art Erklärung oder gar Reue der Banken warten zu hoffen. Basic Thinking hat mich überzeugt, dass es nicht an den Banken gelegen hat. Manchmal braucht man halt einen Anstoß von außen, um zur Erkenntnis zu gelangen.

Ich bekenne mich mehrfach für schuldig, die Finanzkrise mit verursacht zu haben.

  1. Als Sparer war ich unzufrieden mit 1% Zinsen für Spareinlagen. Über Festgeld, Fonds, Aktien und Immobilien wollte ich hohe Wertzuwächse für meine Altersvorsorge, um auch noch in 30 Jahren meinen heutigen Lebensstandard halten zu können. Dabei habe ich geflissentlich alle Beratungsversuche von Banken ignoriert.
  2. Ich habe mich gefreut über die Ausschüttungen und Kursgewinne meiner Aktien und Fonds, die ich immerhin brav versteuert habe. Ich habe nur selten danach gefragt, wie eigentlich die Gewinne zustande kommen.
  3. Natürlich habe ich das Verhalten von Nokia bei der Bochumer Betriebsschließung verurteilt und die Produkte boykottiert. Von der Aktie selbst habe ich aber erwartet, dass sie weiter steigt.
  4. Für Unternehmen, für die ich gearbeitet habe, wollte ich von Banken Kredite, um Investitionen und Tagesliquidität zu sichern. Ich war empört, weil ihr Banken immer weitere Sicherheiten verlangt habt, die unsere Handlungsspielräume eingeschränkt haben, und habe mit Bankwechsel gedroht. Ich wollte für das Management eines Tochterunternehmens eine Eigenkapitalhilfe von der KfW und fand die bürokratischen Rahmenbedingungen entsetzlich.
  5. Bei der Suche nach Investoren für ein weiteres Unternehmen habe ich den Investor ausgewählt, der den höchsten Beteiligungspreis gezahlt hat. Ich gestehe, dass es mir egal war, wie er dies finanziert.
  6. Als Führungskraft einer Bank habe ich mich geärgert über die strikten Vorschriften, die uns in der Bank geschäftspolitisch eingeengt haben. Gemeinsam mit den Produktentwicklern haben wir nach Wegen gesucht, wie wir trotz der Belastungen weiter gute Geschäfte machen können, damit die Eigentümer unsere Abteilung nicht schließen und wir weiter Bonuszahlungen erhalten.
  7. In keinem Job war ich je zufrieden mit meinem Gehalt und wollte jedes Jahr etwas mehr haben. Ich habe dabei nur selten daran gedacht, dass meine Arbeitgeber dafür den Vertriebsdruck und das  Risiko erhöhen mussten.
  8. Für die Entwicklung und Einführung innovativer Produkte habe ich zusätzliche Gelder von Investoren gesucht. Natürlich habe ich auf die Risiken hingewiesen, persönlich tragen wollte ich sie jedoch nicht.

Ich entschuldige mich daher bei Euch Banken für meine Verdächtigungen auch in diesem Blog. Ihr habt eigentlich alles getan, um meine Wünsche als Anleger, Manager und Führungskraft zu erfüllen. Ihr hattet Interesse an langfristigen Kundenbeziehungen und seit auf viele meiner Forderungen eingegangen. Als ich noch bei Euch gearbeitet habe, hätte ich ohne Rücksicht auf Gehälter und Bonus den Finger heben müssen und auf strikte Risikovermeidung achten müssen.

Als Steuerzahler entschuldige ich mich bei mir selbst, weil ich durch mein verantwortungsloses Verhalten hohe Risiken auf die Bürger abgewälzt habe. Ich verspreche dafür, dass ich artig weiter meine Steuern zahlen werde. Bitte lasst mir dazu wenigstens einen kleinen Teil meiner nun verblichenen Ersparnisse, damit ich es Euch über die Abgeltungssteuer zurückzahlen kann.

Ich kann noch nicht versprechen, ob ich mich künftig mit dem Zinssatz für risikofreie Anlagen zufrieden geben kann, möchte aber ernsthaft darüber nachdenken.

Sofern ich überhaupt mal wieder in die Verlegenheit komme sollte, Beteiligungskapital zu suchen, um ein Unternehmen zu retten oder Investitionen zu fördern, werde ich einen großen Bogen um Finanzinvestoren machen und baue auf Unterstützung vom Staat für die Gesamtbelegschaft, wenn der Betrieb Insolvenz anmelden muss. Auf Investitionen für neue Produkte muss dann zwar auch verzichtet werden, aber dies wird helfen, den Konsumstress zu reduzieren.

Bei meinen Gehalts- und Honorarwünschen werde ich künftig Maß halten. Ich hoffe natürlich auf das Entgegenkommen unseres Vermieters und werde im Herbst statt in Ägypten unseren Urlaub am Müritzsee verbringen (wobei ich auf das Verständnis meiner Frau hoffe).

Gern werde ich auch meine Haltung zu liberalisierten Märkten überprüfen und versuchen, den Kapitalismus mit noch kritischeren Augen zu betrachten.

Ich freue mich über die Einsichten, die mir die Finanzkrise beschert hat und über die zusätzliche Zeit für meine Familie. Vielleicht werde ich auch einen Teil meiner Zeit dafür nutzen und mich mit Attac für einen Systemwechsel einzusetzen.

Ich hoffe, jedenfalls, dass ich aus der „paradigmatische Katastrophe“ (Frank Schirrmacher), die richtigen Schlussfolgerungen gezogen habe. Nur wäre es schade, wenn ich der einzige bleibe und alle um mich herum in wenigen Wochen wieder Business as usual betreiben. Ich wäre dann der Looser in einem Gefangendilemma und müsste meine Haltung schnell wieder überdenken.

Aber nun muss ich los, meine verblassten Fonds verkaufen und den Resterlös bei meiner Sparkasse aufs Sparbuch packen.

Herzlichst

Ihr DECoien

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