Die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft und insbesondere auf die Lieblingsfreizeitbeschäftigung der Europäer ist ein gern genommenes Thema. Verschiedenste Medien haben uns in den vergangenen Tagen und Wochen aufgeklärt. Wie sieht die aktuelle Lage in Europas Topligen aus? Hier eine Zusammenfassung zum Stand der Finanzen in England, Spanien, Italien und Deutschland. In Europa leiden zwar auch die kleineren andere Ligen, wie etwa die belgische Jupiler League mit den Ausfällen von Dexia und Fortis, doch soll es hier um die Ligen gehen, die sportlich vor der Bundesliga stehen.
Englands Premier League
Die Finanzmarktkrise macht vor der Premier League nicht halt, schreibt der Blog „Medien-Sport-Politik“. Die Website Zoomer machte vor knapp einer Woche „Panik in der Premier League“ aus. Die Zeit titelt dazu eher nüchtern „Kein Crash in der Premier League„.
Klar scheint zu sein, die derzeitige Topliga in Europa spürt offenbar die Auswirkungen der Turbulenzen am stärksten, da sich an den Vereinen viele Investoren beteiligt haben, die die Gelder nun nicht mehr für ihr Hobby verwenden wollen.
„Mike Ashley, der finanziell überforderte Besitzer von Newcastle United, findet weiterhin keine Käufer. Der FC Liverpool hat den schon seit Jahren geplanten, 440 Millionen Euro teuren Stadionneubau für unbestimmte Zeit vertagt; „zu riskant und schwierig“ sei dieses Unternehmen im derzeitigen Klima, befindet Geschäftsführer Rick Parry.“(Zeit)
„Und West Hams isländischer Eigentümer Bjorgolfur Gudmundsson hat nach der Verstaatlichung der von ihm geführten Landsbanki 300 Millionen Euro verloren. „Wir werden wahrscheinlich kein Geld für neue Spieler im Januar zur Verfügung haben“, sagte sein Vize Asgeir Fridgeirsson.“ (Zeit)
„Selbst Liga-Krösus FC Chelsea mit dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch als Besitzer ist gegen die Turbulenzen auf dem internationalen Finanzmarkt nicht immun. „Ich glaube, alle Klubs werden den finanziellen Engpass in relativ naher Zukunft spüren“, warnte Chelseas Vorsitzender Bruce Buck.“ (Zoomer)
„Selbst Abramowitsch, der seit 2003 etwa 765 Millionen Euro in den Klub gepumpt hat, wird in Zukunft sparen müssen. Wie die Wirtschaftsagentur Bloomberg vermeldete, hat der Oligarch große Teile seines Geldes im Stahlkonzern Evraz Group S.A. angelegt und durch die Finanzkrise, ohne Berücksichtigung von Immobilienbesitz und liquiden Mitteln, bislang rund 20 Milliarden Dollar verloren.“ (Welt)
„Mit Northern Rock, AIG, Barclays und Nationwide sind eine ganze Reihe von Sponsoren durch die Krise in finanzielle Schwierigkeiten geraten und bringen die reichste Fussballliga der Welt in Bedrängnis.“ (Handelszeitung)
Eine Übersicht über die Betroffenheit dieser und weiterer Clubs der Premier League ist im Telegraph und im Handelsblatt nachzulesen. Interessant dürfte sein, welche Auswirkungen es bei Manchester City gibt. Die großkotzigen Ankündigungen durch die Neueigentümer wurden ja bereits im September relativiert. Und die Finanzkrise geht auch an den Golfstaaten nicht vorbei, wovon man sich im Wirtschaftsresort der lokalen Gulfnews überzeugen kann. Daneben hat sich der Ölpreis seit seinem Hoch fast halbiert mit entsprechenden Auswirkungen.
Spaniens Primera División
In der spanischen Primera División sieht es nicht besser aus. Seit Mitte der 70er Jahre hatte im spanischen Fußball jeder Klub, der etwas auf sich hielt, einen Bauunternehmer zumindest in der Vorstandschaft sitzen, ist bei Spox zu lesen. Nun liegt der Immobilienmarkt auch in Spanien am Boden und spätestens seit eine der größten Baufirmen des Landes, Martinsa-Fadesa, im Sommer seine Aktien an der Börse aussetzte und Insolvenz anmelden musste, geht die Angst um in Spaniens Fußball.
„Die Schicksale ganzer Klubs sollen eng verflochten sein mit denen ihrer zahlungskräftigen Gönner und Sponsoren aus dem Baugewerbe. Von Provinzklubs wie Alaves bis rauf in die Beletage, zu Racing Santander oder dem FC Valencia.“ (Spox)
Nach Einschätzung von Christian Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga, im Gespräch mit der FAZ stehen im spanischen Fußball einige Klubs an der Grenze zur Insolvenz, weil sich dort traditionell immer wieder Bauunternehmer Profiklubs als Hobby gehalten haben und der Immobilienmarkt bekanntlich in der Krise ist. Die Pleite eines großen Clubs, wie etwa Real Madritt oder Barcelona, dürfte dennoch als unwahrscheinlich gelten, denn
„Als Real Madrid vor einigen Jahren in einer brenzligen finanziellen Lage war und den Klub rund 280 Millionen Euro Schulden drückten, kauften die Behörden kurzerhand das Trainingsgelände der Königlichen im Stadtzentrum am Estadio Santiago Bernabeu auf und bebauten das Gebiet mit den höchsten Wolkenkratzern downtown. Real bekam im Gegenzug – neben einem stattlichen Verkauferlös, die Rede war von 400 Millionen Euro – ein Gelände draußen am Flughafen Barajas zugeteilt. Mittlerweile liegt dessen Grundstückspreis weit über dem des alten Geländes in der Stadt.“ Spox)
Gleichwohl dürften auch in Spanien Transferzahlungen und Spielergehälter nun nicht mehr in Richtung Sonne schießen.
Italiens Serie A
In Italien macht man sich ebenfalls intensive Gedanken, wie die folgenden Ausrisse aus zwei Onlinemedien nahe legen.
„Die globale Finanzkrise wird auch unseren Fußball nicht verschonen. Ich bin vor allem wegen der Sponsoren-Verträge und der Abonnenten der Bezahlsender besorgt. Wenn die ganze Welt verarmt, wird es negative Folgen für uns alle haben“, sagte der Vizepräsident von AC Mailand, Adriano Galliani.(Focus)
„Laut einer jüngst veröffentlichten Analyse kassieren die italienischen Erstligisten von ihren Hauptsponsoren im Schnitt 3,9 Millionen Euro pro Jahr. Kürzungen würden die Bilanzen der Vereine schwer belasten. Besonders die Autobranche ist unter den Sponsoren stark vertreten, und hier melden die Hersteller massive Auftragsrückgänge. Auch die Aktienkurse von Hauptaktionären wie Fiat für Juventus oder die Mailänder Mediengesellschaft Mediaset von Premierminister Silvio Berlusconi für Milan befinden sich im Tiefflug.“ Focus)
„Einen Schritt in eine bessere finanzielle Zukunft wollen die Serie A Vereine damit erreichen, dass sie sich von der Serie B abkapseln. Die Klubs der ersten Liga wollen nicht mehr für die Ausgaben der Serie B Vereine aufkommen, und sich haben die Unterstützungszahlung für die laufende Saison bereits von 95 Millionen Euro auf 65 Millionen Euro gekürzt. In Zukunft sollen gar keine Zahlungen mehr erfolgen, stattdessen wollen die Serie A Klubs mit dem Geld ihre Bilanzen sanieren und in neue Stadien investieren. Wenn die Finanzkrise durch finanzielle Einbußen bei den Sponsoren nicht schon vorher dafür sorgt, dass bei manchen hochverschuldeten Vereinen aufgrund von Geldmangel plötzlich die Lichter aus gehen.“ (Goal)
Deutschlands Bundesliga
Der deutsche Fußball gibt sich entspannt. Sie sehen sich zwar betroffen, halten sich aber für gut aufgestellt, wie ‚Christian Seifert der FAZ sagt. Das glaubt auch Felix Magath, Trainer, Manager und Geschäftsführer des VfL Wolfsburg: „Die Bundesliga ist sehr gut aufgestellt. Bei uns wurde seriöser gewirtschaftet als anderswo, wir haben die Regeln streng eingehalten. Das kommt uns jetzt zugute.“ zitiert ihn die Welt. Wittert die deutsche Liga jetzt möglicherweise Morgenluft, weil sie auf eine Verringerung des Finanzvorsprungs zur viel beneideten Premier League hofft?
Dabei kann sich die Bundesliga nicht entspannen. In den kommenden Monaten werden die Fernsehrechte der Bundesligen neu ausgeschrieben. Hier hofft man wieder auf Premiere oder einen anderen Bezahltsender, um mindestens 500 Mill. Euro pro Saison zu erlösen. Hier dürfte aber fraglich sein, ob Premiere, deren Aktie sich rasant der Pennystockgrenze nähert, solche Summen noch aufbringen kann.
In der DFL-Zentrale soll man nach Angaben der Welt bereits auf die widrigen Umstände reagiert haben. Das geplante Ziel, die Rechte für drei Jahre auszuschreiben, wurde bereits relativiert. Jetzt wird angedacht, das kostbare Gut erst einmal nur für ein oder zwei Jahre zu vergeben – und nach überstandener Krise neu zu verhandeln, schreibt die Welt. Die umstrittene 50+1-Regel will zumindest die DFL wohl nicht anpacken.
Besorgt zeigt sich der Manager der Deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff. Er befürchtet Auswirkungen der Finanzkrise auf Ticketverkauf und Erlöse aus dem Pay-TV. Aber die Liga hat ja noch Ideen, wie man sich künftig finanzieren kann. Dazu Christian Seifert in der FAZ:.
„Die richtige Frage ist, wie können wir zusätzlich seriöses Kapital in die Liga bringen? Eine der ersten Antwort hat damals Schalke gegeben, das ausgelacht wurde, weil es sich mit dem Bau seines Stadions verschuldete. In Wahrheit ist das eine Immobilienfonds-Lösung, bei der Gelder aus Pensionsfonds in ein Fußballstadion investiert wurden. Damit war Schalke ein Vorreiter bei der Erschließung neuer Finanzierungsquellen.“
„Wir neigen zwar zu einer punktuellen Betrachtung, doch Themen wie 50+1, die denkbare Aufstockung von 18 auf 20 Klubs, die ins Gespräch gebrachte Einführung eines Ligapokals gehören zusammen. Stockt man die Liga auf, kann es vermutlich keinen großen Ligapokalwettbewerb geben; wenn die Champions League ab 2010 an einem Samstag im Mai den Saisonabschluss darstellen will und auch das DFB-Pokalendspiel weiter samstags stattfinden soll, reicht vielleicht die jetzt ins Auge gefasste Verkürzung der Winterpause um ein, zwei Wochen nicht mehr.“
Reaktionen der UEFA
Die UEFA denkt darüber nach, verschuldete Vereine von internationalen Wettbewerben auszuschließen. Derartige Sanktionen seien möglich, wenn sich die Vereine nicht ernsthaft mit ihren „beträchtlichen Schulden“ beschäftigten, wird UEFA-Generalsekretär David Taylor von der Welt zitiert. HSV-Präsident Bernd Hoffmann rechnet auf kurz oder lang im europäischen Fußball mit einem Prozess der Gesundung, „dem der eine oder andere Klub erliegen wird.“
Fazit
Vorläufig ziehe ich das Fazit, dass der europäische Fußball zwar nicht zweitklassig werden wird, aber er die finanziellen Exzesse der vergangenen Jahre zunächst einmal beendet. Die schlagzeilenträchtige Insolvenz eines englischen, spanischen oder italienschen Vereins ist dabei nicht ausgeschlossen. Darunter wird allerdings, so meine Vermutung, keiner der Top-Vereine sein. Und vielleicht bewahrheitet sich tatsächlich die Hoffnung, dass die Bundesliga nun näher an die europäische Spitze aus Italien, Spanien und England aufrücken kann.
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