Die fünf menthalen Sterbephasen der Wirtschaftkrise (Teil 1)

by Dirk Elsner on 15. Dezember 2008

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Hier lässt sich der Tod nicht mehr leugnen

Vor einigen Wochen erschien in der Basler Zeitung eine Artikelserie über die „Die fünf Brücken der Rezession„. Darin beleuchtet der Publizist Philipp Löpfe in fünf Artikeln verschiedene Phasen, wie Menschen mit Krisensituationen umgehen. Mich erinnerte diese Serie an betriebliche Change Management Prozesse, die in ähnlicher Weise ablaufen.

Die Phasen sind von Elisabeth Kübler-Ross, die berühmte Sterbeforscherin, entliehen, die fünf Phasen des Sterbens beschrieben hat. Sie lauten: Nichtwahrhaben, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Menschen verdrängen nicht nur den Tod, sondern alles, was ihnen unangenehm ist. Die Rezession gehört dazu, und die fünf Phasen von Kübler-Ross wiederholen sich regelmässig in wirtschaftlich schweren Zeiten.

Sterphasenmodell nach Kübler Ross

Sterphasenmodel

In diesem Blog werde ich die fünf Phasen nicht in fünf, sondern in zwei Beiträgen behandeln.

Phase 1: Verdrängen

Eine Krise beginnt mit dem grossen Verdrängen. Der Betroffene will die Diagnose des bevorstehenden Todes nicht wahrhaben. Er verdrängt sie und erlebt einen Schock. Er glaubt an Verwechslungen und Irrtümer, schiebt alles auf die Unfähigkeit der Ärzte und Pfleger.

Obwohl es  genügend Warnungen vor den Übertreibungen auf den Finanzmärkten gab (siehe z. B. 2006 dieses Interview mit Nouriel Roubini) und von vielen Fachleuten auf die Immobilienblase hingewiesen wurde, wurden diese Warnungen nicht erst genommen. Weiter schreibt Löpfe:

„In der aktuellen Krise hat sich die ganze Bandbreite des Nichtwahrhabenwollens einer Rezession gezeigt: Zuerst wurde die US-Immobilienblase verleugnet. Als sie platzte, wurde sie als lokales Ereignis dargestellt, und die Wahrscheinlichkeit, dass Amerika in eine Rezession abgleiten könnte, als sehr klein bezeichnet. Als die Krise sich trotzdem verschärfte, schlug die Stunde des Abkoppelungs-Mythos: Die Weltwirtschaft sei inzwischen so stark, dass sie auch einen Schwächeeinbruch der USA – nach wie vor die weitaus grösste Volkswirtschaft –, wegstecken könne.“

Warum aber hat niemand auf Roubini und Shiller gehört? Nobelpreisträger Gary Becker gibt eine Antwort, die so einfach wie einleuchtend ist: Die Menschen hatten andere Sorgen. 2004 hatte die Welt Angst vor der Vogelgrippe, bald darauf kamen der Ölpreisschock und die horrende Inflation – alles waren Dinge, die den Ökonomen Sorgen machten. Doch laute Warnungen gab es auch, wohin man auch horchte. Einige mahnten, die chinesische Währung sei zu schwach, das könne die Weltwirtschaft ins Wanken bringen. Auf so viele unterschiedliche Risiken konnte keiner achten, und so drangen Roubinis Rufe nicht durch den vielstimmigen Chor hindurch. Nun hatte eine Finanzkrise in dieser Form auch wenig Chancen, in der Sorgen-Rangliste der Menschen nach vorne zu kommen. Das können Psychologen gut erklären, wenn sie fragen: Wer hätte sie erkennen sollen?

Die meisten Menschen waren für diese Krise nämlich ziemlich schlecht gerüstet. Denn Angst bekommen die Menschen vor dem, was sie sich vorstellen können, erzählt die Psychologin Katharina Sachse von der Technischen Universität Berlin. Die Vogelgrippe zum Beispiel macht den Menschen leicht Angst, schließlich zeigt das Fernsehen Menschen in Plastik-Overalls und tote Vögel. Die Finanzkrise dagegen lässt sich bis heute kaum sehen. Und was sie für Auswirkungen haben sollte, konnte sich sowieso kaum jemand vorstellen: Banken, die der Reihe nach umfallen wie Dominosteine? Das gab es zum letzten Mal in der Weltwirtschaftskrise von 1929.

Phase 2: Zorn auf die Sündenböcke

In der zweiten Phase folgt auf das Nichtwahrhabenwollen meist Zorn, Groll, Wut, Neid. Denn der Betroffene stellt sich die Frage: „Warum denn gerade ich?“ Der Sterbende richtet seinen Zorn gegen diejenigen, die leben dürfen, also Angehörige, Pflegepersonal usw., da er den Tod nicht direkt angreifen kann.

Wenn die Verdrängung nicht mehr hilft, dann werden die Menschen wütend. Das ist verständlich, denn Rezession bedeutet Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Karriereknicks, Lohnkürzungen, Verlust an der Börse; direkt, wenn man in Aktien investiert hat und indirekt, weil dort Pensionsgelder angelegt sind. Dieser Zorn macht sich z.B. durch die Suche nach Sündenböcken bemerkbar, die Schuld an der Rezession haben. Aktuell werden Banker und Manager an den Pranger gestellt und die Rückzahlung der zu Unrecht einkassierten Boni verlangt.

Morgen geht es weiter mit Teil 2 der Serie.

Quellen dieses Artikels und weitere Literatur

FAZ: Die Welt hört nie auf die Untergangspropheten

Dossier: Die fünf Brücken der Rezession

Eine detaillierte Beschreibung der Sterbephasen

Sterbephasen nach Kübler Ross

Wirtschaftskrise Die Angst entscheidet

Interview Roubini„Die Börsianer sind zu optimistisch“

Die Unwetterwarnung

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