(K)ein Herz für redliche Banker, die toxische Suppe auslöffeln müssen

by Dirk Elsner on 9. Februar 2009

In diesen Wochen und Monaten der Finanzkrise, deren Ursachen auch (aber nicht ausschließlich) in den Banken zu suchen sind, sehen sich immer mehr Bankangestellte einer hohen persönlichen Belastung ausgesetzt. Und das liegt nicht nur an der Streichung von Bonuszahlungen, wie sie jüngst die HSH-Nordbank beschlossen hat. Immer häufiger hört man auch in Gesprächen von einer bestimmten Art “gesellschaftlicher Ächtung”, der sie ausgesetzt sind. Mittlerweile scheuen sich immer mehr Mitarbeiter von Banken auf Partys ihren Beruf oder gar ihren Arbeitgeber preis zu geben. Viele sind der Häme und teilweise aggressiver Beschimpfungen ausgesetzt. Der Banker, das verabscheute Wesen titelt heute das Handelsblatt. Es scheint, es habe eine Hetzjagd eingesetzt, die meist die falschen Personen trifft.

Denn viele Mitarbeiter schämen sich für das Verhalten ihrer Manager und ihrer Kollegen. In einem Kommentarbeitrag zu einem Artikel in der Wirtschaftswoche schreibt “Ein Bänkerin”:

“Auch ich bin eine Bankangestellte und auch ich habe schon Zielzahlen erfüllen müssen. Dennoch habe ich abends immer mit einem guten Gewissen in den Spiegel gucken können. Wenn man seine Kunden gut kennt und ehrlich berät, kann man auch seine Ziele erreichen ohne jemanden über den Tisch ziehen zu müssen. Mir geht es schrecklich auf die Nerven, das hier alle Bankangestellten in einen Topf geschmissen wären und meine Kollegen und ich schon fast als Betrüger dargestellt werden. Banken sind Wirtschaftsunternehmen, wie jede andere Branche auch. Auch im Einzelhandel, in der Industrie etc. bekommen die Mitarbeiter Zielgrößen vorgegeben. Aber immer werden nur die Bänker an den Pranger gestellt. Natürlich müssen auch die Banken Provisionen verdienen, damit sie Ihre unzähligen Angestellten und auch die Filialen unterhalten können.”

Ein anderer Bankangestellter klagt über die Hetzjagd der Medien, die noch vor wenigen Monaten sehr auskömmlich von den Finanzanzeigen der Banken gelebt haben und häufig selbst die hochriskanten Produkte in ihren redaktionellen Beiträgen beworben haben. Der Kommentator mit dem Nickname Robin Hood schreibt weiter:

“Selbst die redlichen unserer Branche werden nunmehr im Sinne einer Hexenjagd – und als solche möchte ich das inzwischen bezeichnen, was da im deutschen Blätterwald abgeht … quasi unter Generalverdacht gestellt und an die Wand genagelt. Die Anleger, die Geld verloren haben (und zu denen zähle ich mich als Anlageberater leider auch selbst) werden natürlich diese Darstellungen dankend aufgreifen und nun einer ganzen Berufsgruppe namens „Anlegeranwälte“ ihren Lebensabend sichern.”

Ein anderer Kommentator berichtet von psychischen Problemen seiner Freundin, die unter großem Verkaufsdruck gestanden hat. Und in der Tat ist das zumindest ein Kern des Problems. Viele Bankmitarbeiter standen unter enormen Druck, Renditeziele, die auch von staatlichen Anteilseignern ausgegeben worden sind, zu erreichen. Und hier hat längst nicht jeder Mitarbeiter mitgespielt. Viele Berater haben sich offen oder verdeckt gegen Vertriebsvorgaben gestellt, wenn sie diese nicht im Einklang mit den Interessen ihrer Kunden gesehen haben. Über den Preis, den viele dieser Mitarbeiter für ihre Verweigerung zahlten wird nicht berichtet. Sie durften nämlich mit ansehen, wie Kollegen, die ohne Skrupel ihren Kunden hochriskante Anlagen angedreht haben, hohe Bonuszahlungen empfingen und in der Karriereleiter an ihnen vorbeigezogen sind.

Redliche Banker saßen aber nicht nur in der Anlageberatung. Auch in internen Backoffice- und Kontrolleinheiten sitzen viele hochqualifizierte Fachleute, die ihre Vorgesetzten und Vorstände schon vor Jahren vor den Risiken bestimmter Instrumente und Strategien gewarnt haben. Gern gehört hat man sie nicht. Im Gegenteil: Im Zweifel hat man auch hier dafür gesorgt, dass unbequeme Mahner dort hin versetzt wurden, wo sie keinen “Schaden” für die Anhänger hoher Renditeziele anrichten konnten. Öffentlich dokumentiert werden solche Fälle selten. Im Zweifel hat ein Vorstand nämlich stets ein fachliches Argument in der Hand, um einen kritischen Leistungsträger zu entmachten oder gar zu degradieren.

So ist es kein Wunder, dass der Frust vieler Bankmitarbeiter und Führungskräfte hoch ist. Vor allem, weil sie jetzt wegen der Folgen des Absturzes einen Mehrfrontenkampf führen. Mit der “gesellschaftlichen  Ächtung” kommen dabei noch viele erstaunlich gut klar. Aber nun müssen sie dank durchgeführter oder angedachter Fusionen und Kostenkürzungen um ihre Arbeitsplätze fürchten und eine eklig versalzene Suppe mit toxischen Inhalten auslöffeln. Das schmeckt niemanden.

So richtig bitterer aber stößt es vielen Mitarbeitern auf, dass die Köche diese Suppen in den meisten Banken weiterhin die wichtigen Schaltstellen im Management besetzen oder rechtzeitig in Toppositionen in andere Institute gewechselt sind. Auch über diese Zustände breitet die Öffentlichkeit gern den Mantel des Schweigens aus. Von spektakulären Rausschmissen, wie die des Ex-Bosses von Merril Lynch, John Thain, ist in Deutschland nichts zu lesen. Thain musste nach einem Sturm der öffentlichen Entrüstung über seine neue Büroausstattung in Höhe von 1,2 Mio. Dollar seinen Hut nehmen.

Das Verharren der Topbanker, die den Müll verursacht haben, in Spitzenpositionen erklärt aber, warum die Banken selbst zu den Zuständen ihrer Institute in der Öffentlichkeit schweigen. Sie haben Angst, Verantwortung zu zeigen und für eigene Fehler gerade zu stehen. Dabei wäre dies ein wichtiger Schritt, um das Vertrauen in die Branchen wieder herzustellen. Statt dessen setzt man aber auf Schweigen und Vertuschung. Im Zweifel ist ja ohnehin ein anonymes Monster mit dem Namen Finanzkrise Schuld an der Misere.

Meldungen in Blogs und Medien zum Thema Banken in diesen Tagen

HB: Banker sind überbezahlt – wie schon 1929

HB: HSH Nordbank braucht dringend Kapitalspritze

HB: Der Banker, das verabscheute Wesen

HB: WestLB nimmt Kurs auf Helaba

Smava: Anleger verlieren das Vertrauen in Banken

FTD: Should I hand my bonus back to the taxpayer?

HB: Bankenverband BdB vor dem Absturz

Finanz-Journal: Bankerwitze – Witze über Banken, Investmentbänker etc.

HB: Kenneth Lewis – der gefallene Held

Duckhome

FTD: Wir sind Bank

FAZ: Sind private Banken noch zeitgemäß?

HB: US-Banken: Wer die Musik bezahlt …

HB: Sparkassenchef mit Herz für Sparer

HB: LBBW: Siegfrieds wunder Punkt

HB: Sparkassenpräsident sieht Fusionen…

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