Warum die schlimmste aller Wirtschaftskrisen auch die merkwürdigste ist

by Gastbeitrag on 11. Februar 2009

Beitrag von Niclas Grabowski, ursprünglich erschienen in der Readers Edition und hier unter CC-Lizenz veröffentlicht.

Noch shoppen die Deutschen. Autohäuser sind voll wie lange nicht, trotz der Tatsache, dass die neue staatliche Förderung für Neuwagen doch nur ein Minimum der wirklichen Kosten eines Autos ausmacht. Und auch die Geschäfte und Restaurants in den Städten können nicht wirklich klagen. Trotz der vielen Berichte über den schon erfolgten oder noch drohenden Einbruch der Konjunktur. Dabei haben die Bürger dieses Landes doch schon im Jahr 2008 laut eigenem Bekunden kein Geld gehabt. In diesem Jahr, das scheinbar vor der Krise lag, in dem aber der Ölpreis in ungeahnte Höhen stieg und die diesem folgenden Gaspreise täglich in der Presse standen. Was ist los in diesem Land? Haben wir nun Krise? Oder doch etwa nicht?

Überraschende Ausnahmen

Richtig ist, dass in den letzten Monaten alle möglichen Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung nach unten korrigiert wurden. Richtig ist auch, dass die Auftragseingänge in bestimmten Industrien – so auch der Automobilindustrie – in einem bisher unbekannten Maße eingebrochen sind. Richtig ist auch, dass einige große prominente Unternehmen in Schwierigkeiten geraten sind. Aber schon im letzten Punkt scheint es überraschende Ausnahmen zu geben. Siemens meldet gute Zahlen und einen soliden Ausblick. Wo Schatten ist, ist auch Licht, möchte man sagen. Aber vielleicht ist da ja noch mehr.

Werfen wir mal einen Blick auf die großen Verluste, die am Kapitalmarkt in den letzten Monaten aufgetreten sind. Es fällt auf, dass es diesmal nicht nur die kleinen Leute getroffen zu haben scheint. Es sind die Schaefflers dieser Welt, die am meisten zu leiden haben. Plötzlich meinen Milliardäre, die Verluste nicht mehr ertragen zu können. Dagegen herrscht im Freundeskreis bemerkenswerte Stille. Aktien? Ich bin seit 2002 schon nicht mehr in Aktien, heißt es. Der Privatanleger scheint aus der letzten Blase gelernt zu haben. Die Bänker dagegen nicht.

Abbau von Jobs, die niemand braucht?

So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Geld, was hier verloren ging, Geld war, das eigentlich niemand braucht. Und gehen wir noch mal etwas weiter. Sind möglicherweise sogar die Jobs, die jetzt verloren gehen, Jobs, die niemand braucht? In den letzten Jahren ist der Handel mit undurchschaubaren Finanzprodukten eine Industrie geworden, die Milliarden an Werten geschaffen hat. Aber hatten diese Werte wirtschaftliche Substanz? Märkte zahlen auch für Scheinwerte viel Geld. Aber selten auf Dauer. Möglicherweise funktioniert die Welt ohne diese Werte genau wie zuvor. Man könnte das auch mit dem Wort “Bereinigung” beschreiben. Eine Bereinigung, wie sie die Immobilienmärkte dieser Welt offenbar auch dringend gebraucht haben. Aber auch eine Bereinigung senkt eben das Bruttosozialprodukt.

Ich würde deshalb gerne mehr darüber nachdenken, ob das, was wir gerade erleben, weniger eine Krise als vielmehr ein stark beschleunigter Anpassungsprozess ist. Große Autos verkaufen sich nicht mehr? Gut so. Darauf haben wir aus anderen Gründen schon lange gewartet. Immobilienfonds, die Gebäude leer stehen lassen, um in der Zukunft höhere Mieten oder Verkaufpreise zu bekommen, erhalten keine Kredite mehr? Gut so, na endlich. Unternehmen gehen Pleite, weil sie Übernahmen über Kredite organisiert haben, die sich durch nachhaltiges Wirtschaften niemals tilgen lassen? Das läuft auch so außerhalb einer Krise. Nur im Hype des Booms läuft das anders, und ein solcher Hype ist zeitlich immer begrenzt.

Und das ist gut so.

Ich will nicht ignorieren, dass dieser Anpassungsprozess auch viele trifft, die nichts dafür können. Existenzen werden ruiniert werden. Schlecht beratende Anleger werden nur eine Minimalrente erhalten. Arbeitslosigkeit wird das Selbstbewusstsein und die Qualifikation vieler Menschen ruinieren. In der Mehrheit wird es aber die treffen, die sich selbst an dem Irrsinn beteiligt haben und für ein paar Prozent im Jahr mehr nicht mehr so genau hingeschaut haben. Und um die tut es dann nicht ganz so viel leid. Viel wichtiger als die Trauer über die Verluste ist aber ohnehin etwas anderes. Man muss sich wieder auf Inhalte besinnen. Gutes Wirtschaften, nachhaltige Ertragskonzepte, solide Business-Pläne, Finanzierungen mit Eigenkapitalanteil und vieles anderes werden wieder in Mode kommen. Und das ist gut so. Vielleicht werden wir sogar feststellen, dass das im Augenblick so gescholtene Sparen ja doch einen Sinn hat.

Gastbeiträge geben die Auffassungen der jeweiligen Autoren wieder und spiegeln nicht die Meinung vom Blick Log.

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