Absicherung fördert Lust am Risiko

by Dirk Elsner on 6. März 2009

In der Fachzeitschrift „Geist und Gehirn“ gab es in der letzten Ausgabe einen interessanten Artikel unter der Überschrift “Lust am Risiko”. Eine zentrale Botschaft dieses Artikels: Je mehr Menschen versuchen, Gefahren durch welche Maßnahmen auch immer zu verringern, desto risikobereiter werden sie. Im Ergebnis führt die Absicherung sogar dazu, dass wir das zunächst eingeschränkte Risiko überkompensieren durch neues Wagnisse.

Nach Auffassung von Verhaltensforschern sind es zwei Gründe: zum einen die evolutionär bedingte Neugier – sie treibt uns dazu an, die Grenzen unseres Handelns immer weiter zu verschieben. Zum andern das unerschütterliche Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, ist in dem Beitrag zu lesen. Doch offenbar wächst das Vertrauen ins eigene Können schneller als unser tatsächliches Leistungsvermögen. So setzen die meisten von uns mehr Sicherheit aufs Spiel, als sie zum Beispiel durch Erfahrung gewinnen. Laut dem Arbeits- und Organisationspsychologen Rüdiger konnte die Risikokompensation in Hunderten von Studien belegt werden – in der Praxis und im Labor.

So unsinnig diese Reaktion auf den ersten Blick aussieht – evolutionär gesehen ist die Risikokompensation wohl sogar notwendig. Denn der Mensch müsse bereit sein, Risiken einzugehen und mit Unsicherheiten fertig werden können, sonst verharre er in ständiger Angst, glaubt ein Psychologe. Hinzu komme, dass zwischen lang- und kurzfristigem Nutzen einer Handlung unterschieden werden muss: Manches ökonomische oder sicherheitstechnische Wagnis zahle sich auf lange Sicht eben  doch aus.

Autor Nikolas Westerhoff kommt zu folgender Schlussfolgerung: “Klar ist jedoch: Ohne gefühlte Sicherheiten riskieren Menschen weniger. Und ohne Risiken entsteht nichts Neues. Hätten Unternehmer kein finanzielles Polster, würden sie keine Wagnisse eingehen. Wären Ärzte nicht versichert, würden sie keine spektakulären Operationen durchführen.”

Irgendwie scheinen wir in diesen Zeiten allerdings unsere Lust am Risiko verloren zu haben. Trotz enormer staatlicher Absicherung, ist niemand mehr bereit, neue Risiken einzugehen. Vielleicht kann das ja auch mal jemand erklären. Ich verstehe es nämlich nicht und habe den Eindruck, statt Lust am Risiko haben wir Lust am Untergang.

ketzerisch März 10, 2009 um 00:31 Uhr

Zum Artikel passend habe ich noch eine Studie gelesen, dass psychisch gesunde Menschen die Erfolgswahrscheinlichkeiten ihrer Vorhaben systematisch zu hoch einschätzen. Leicht depressive Menschen habe deutlich realistischere Trefferquoten. Fragt sich nur noch was die Ursache ist: Sind die Trefferquoten besser, weil die Leute einen Depressionsabschlag auf die sonst ebenfalls zu hohen Chancen vornehmen oder sind die Leute depressiv, weil sie von der Mehrheit der Permabullen wegen ihrer vergleichsweise pessimistischeren Einstellung ausgegrenzt werden?

Ulf Hamster März 7, 2009 um 17:42 Uhr

Beipiel Geldillusion. Angenommen Sie antizipieren die (erwartete) Inflation in ihrer Asset Allocation Entscheidung, um die Kaufkraft ihres Geldvermögens zumindest zu erhalten, dann erliegen Sie zwar nicht der Geldillusion, aber würden zu Anlagemöglichkeiten mit höherer Rendite- und auch Volatilitätserwartung tendieren, was im Markowitz’schen mu-var Framework garnicht so effizient wäre – Es wird eher eine relative Portfoliooptimierung zur Inflationsrate (nicht zu einem Benchmark) durchgeführt. Der Grund für die risikoreicher Anlagemöglichkeit seitens des Nicht-Geldillusionorischen Anlegers wird mit den höheren Referenzpunkt bezüglich der Verlustaversion begründet (Propect Theorie).

(Siehe Shafir et al, 1997, „Money Illusion“, URL: http://www.jstor.org/stable/2951239 )

Das alles kann auch zur Begründung herangezogen werden, warum Anleger dieser Tage weniger zu risikoreichen Anlagemöglichkeiten tendieren: Der Referenzpunkt ist vergleichsweise niedrig, weil die (erwartete) Inflation am Boden ist. Es besteht kein Grund risikoreichere Anlagemöglichkeiten in Erwägung zu ziehen, um die Kaufkraft des Geldvermögens aufrechtzuerhalten.

Bisher wurde angenommen, dass Kapitalmarktengagements das Gleiche wie Engagements zur Aufrechterhaltung des Wohlstandsniveaus im Allgemeinen wären (Big Picture des Einzelnen). Jedoch kann angenommen werden, dass Menschen ein individuelles Präferenzniveau haben, was sie für alle Arten von Engagements für die Änderung ihres Wohlstand anwenden, sodass sich Masse i.d.R. den Kapitalanlagen eh nicht einen großen Anteil ihres Engagements widmen. Zum Beispiel, die Wahrscheinlichkeit eines Verlust aus Kapitalanlagen x1<r (r:Referenzpunkt) beträgt in der normalverteilten Welt ca. p1=50% wohingegen Verluste aufgrund von Einkommensänderungen x2<r im Beruf wesentlich kleiner sind (Das hängt vom Verhältnis ab), d.h. p2<<p1. Hinzukommt, die o.g. Verlustaversion, d.h. platt Verluste xr (Nicht mit den Wahrscheinlichkeiten verwechseln, das ist nochmal extra).
Was haben den die Fondgesellschaften in letzter Zeit erlebt? Die Anleger sind geflüchtet. Da der „Einommensmixeffekt“ (das nenne ich einfach mal so) durch Einkommensstruktur ungefähr gegeben ist (=Konstante), die individuelle „Verlustaversion“ als eine Wertevorstellung ebenfalls als gegeben angenommen werden kann (=Konstante), bleibt zunächst die o.g. erwartete Inflation übrig.
Was ist aber mit p2? Durch die Maßnahmen der Regierung kann angenommen werden, dass die Menschen p2 (subjektiv) nicht wirklich schlechter einstufen, d.g. p_{2,t} approx p_{2,t-1}. Daher wird das Abflachen der Risikobereitschaft durch die niedriger erwartete Inflation nicht ausgeglichen ==> Die Risikobereitschaft, bezüglich des Allgemeinen individuellen Wohlstandsniveaus, sinkt noch tiefer als gedacht.

Man muss sich aber insb. hinsichtlich der Regierungs- als auch Geldpolitik Gedanken machen, was besser ist: Mehr Menschen, die ein höheres Risiko eingehen bezüglich (x2, p2), oder bezüglich (x1,p1). Das ist eine rhetorische Huhn-Ei-Frage:
– Natürlich ist ein höheres berufliches/unternehmerische Risiko mit mehr langfristigen Effekt für die Volkswirtschaft verknüpft, aber das mögen viele Menschen nicht.
– Eine Erhöhung der Inflationsrate, z.B. durch Gelddrucken und Anbieten weiterer Anlagemöglichkeiten mit Quasi-Nullverlust-Eigenschaften, als alleiniges Allheilmittel kann nicht funktionieren, weil es dann noch immer nicht der Kapitalversorgung der existierenden Unternehmen hilft (Ganz im Gegenteil: crowding out), noch dafür sorgt dass sich eine Volkswirtschaft mit neuen innovativen Absatzideen aus der Krise rauszieht (Siehe p2), und Staaten in einen Schuldenfallenteufelskreis schicken (Da hilft auch keine Fake-Inflation mehr) – Es wäre nur der Beweis, dass Regierung tatsächlich nicht wissen wo ihre Frühstückseier herkommen.

Ulf Hamster März 7, 2009 um 17:44 Uhr

Hoppla,

das mit der „normalverteilten Welt“ gilt nur wenn r=0

Ulf Hamster März 7, 2009 um 17:47 Uhr

Irgendwas ist hier schief gelaufen

Ansatt „…d.h. platt Verluste xr …“

…d.h. platt Verluste x0…

Ulf Hamster März 7, 2009 um 17:48 Uhr

Schon wieder !!!!

… d.h. Verluste werden höher gewichtet als Gewinne…

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