Aktien – Zeit zum Einstieg?

by Gastbeitrag on 14. März 2009

Zahlreiche konservative Anleger fragen sich zunehmend, wie sie ihr Geld anlegen sollen. Tagesgeldzinsen sind rückläufig, die Umlaufrendite deutscher Staatsanleihen beträgt gerade einmal 2,92 %, Anleihen solider Unternehmen im kurzfristigen Bereich kaum liquide. Da fragt sich der eine oder andere, ob Aktien bereits wieder ein Kauf sind. Die Mainstream Presse spricht bereits von Bodenbildung, selbst Crash Propheten wie Prof. Max Otte raten zum Einstieg in ausgewählte Aktien.

Zur Beantwortung dieser Frage sollte man sich über die Ursachen der anlaufenden Weltwirtschaftskrise klar werden. Erstsemester Volkswirtschaftslehre lernen bereits, dass Inflation = Geldmenge M3 – Wirtschaftswachstum ist. Die gewaltige Ausweitung der Geldmenge durch Kreditausweitung ohne entsprechendes Wachstum führt seit Jahren zu Fehlallokationen deren Konsequenzen durch eine noch stärkere Ausweitung von Kredit und Geld hinausgeschoben wurden. Es entstanden Blasen (Asset Inflation), die alle platzten, nur um eine neue entstehen zu lassen. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass gerade Alan Greenspan, der Magier der Geldmengenausweitung vor der irrational excuberance warnte. Nun scheint jedoch der Zeitpunkt gekommen zu sein, in dem das Kettenbriefgeschäft mit Krediten zusammenbricht. Es erscheint schwer vorstellbar, wenngleich nicht ganz unmöglich, dass es den Regierungen der wichtigsten Volkswirtschaften gelingt, das Spiel durch neue Kredite wenn auch nur zeitlich begrenzt fortzusetzen. Erste Stimmen, z.B. Thorsten Polleit, sprechen sogar davon, das Papiergeldsystem sei gescheitert.

Es erscheint schwer vorstellbar, dass es gelingt das Spiel fortzusetzen, weil einer der Hauptakteure des Spiels, nämlich der amerikanische Verbraucher kollabiert ist. Über Jahre hat man Joe Doe erzählt, man könne auch anders als durch harte Arbeit Geld machen, nämlich durch Finanztransaktionen. Konsequenz dieses Handels war, dass der private Konsum heute 66% des amerikanischen BIP ausmacht, Versicherungen und Finanzdienstleistungen dominieren. Beispielsweise ist der US Kapitalmarkt viermal so groß wie das US BIP. Im Vertrauen auf immer höher steigende Aktien- und Immobilienpreise wurden Kredite aufgenommen und in den privaten Konsum gesteckt. Die Sparquote lag bei Null. Innovative Finanzprodukte wurden entwickelt. Bereits heute beträgt die Summe aller Derivate das zehnfache des Welt BIP. Die produzierende Industrie wurde mitleidig als ein Relikt aus vergangenen Zeiten angesehen, auf welches man auch verzichten kann.

Welche Auswirkungen hat das Ganze nun auf Aktien? Monatelang wurde von Politikern aller Couleur zunächst bestritten, dass die Krise in den USA überhaupt Auswirkungen auf Deutschland habe, nachdem die ersten Probleme auch in Deutschland sichtbar wurden, wurde bestritten, dass die Krise Auswirkungen auf die Realwirtschaft habe, nun nachdem sich auch dieses als Unrichtig herausgestellt hat, wird bereits das Ende der Krise ausgerufen. Das Gegenteil ist richtig. Es sind weder die Ursachen der derzeitigen Krise abgestellt, noch sind die Folgen der Exzesse der Vergangenheit bereinigt. Es kommen neue Probleme hinzu, die die Lage verkomplizieren.

Die Exzesse der Vergangenheit werden uns in den USA noch eine ganze Zeit durch Abschreibungen auf Verbraucherkredite in Form von Kreditkartenschulden, Autokrediten etc. und auch auf Immobilienkrediten und Private Equity Übernahmefinanzierungen etc. begleiten. Firmenwertabschreibungen auf überteuerte Übernahmen werden nur durch eine Änderung der Bilanzierungsregeln unnötig gemacht. Die USA sind weiterhin der wichtigste Binnenmarkt der Welt. Die USA und Kanada machen immerhin ca. 31 % des Welt BIP aus. Auswirkungen der Krise sind bereits in Asien und Europa drastisch spürbar. China kann die USA als wichtigsten Absatzmarkt mangels Binnennachfrage nicht ersetzen. Es erscheint auch zunehmend naiv, anzunehmen, dass es dauerhaft möglich ist, dass einzelne Volkswirtschaften wie Japan, China und Deutschland ein hohes Außenhandelsplus erzielen, da diese Überschüsse durch andere Volkswirtschaften finanziert werden müssen. Die USA können diese Rolle jedenfalls nicht länger spielen. Die Exporte Japans sind infolge dessen bereits im Januar 2009 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 46 % zurückgegangen, China büßte im Februar 2009 26 % ein, Deutschland ca. 20 %.

Die Lage in den USA spitzt sich zu. Die Automobilindustrie steht am Abgrund, Ikonen der amerikanischen Industrie wie GE werden durch ihre Finanztöchter, mit denen völlig überzogenen Wachstumserwartungen der Anleger befriedigt werden sollten, herabgezogen. Jack Walsh, der legendäre Chairman von GE sprach diese Woche davon, der Shareholder Value Gedanke sei der größte Unsinn der letzten Jahrzehnte gewesen. Selbst die Bonität Warren Buffets Berkshire Hathaway wurde herabgestuft. Wenn dann die Citibank meldet, sie habe in den ersten zwei Monaten des Jahres 2009 den Weg zur Profitabilität zurück gefunden, sei empfohlen das Kleingedruckte zu lesen. Profitabel war die Citibank nur vor Steuern und Abschreibungen. Überhaupt kann man den Amerikanern Kreativität im Umgang mit Statistiken nicht abstreiten, wie die Berechnung des BIP und der Arbeitslosenzahlen um nur zwei Kenngrößen zu nennen, belegt.

Zu den wirtschaftlichen Problemen kommen zunehmend die sozialen Folgen des wirtschaftlichen Abschwungs. Diese stellen die große Unbekannte dar, weil schwer vorhersagbar. Erste Unruhen in hart getroffenen Ländern Osteuropas waren bereits zu verzeichnen. Großbritannien bereitet sich auf einen heißen Sommer vor, Frankreich war immer gut für soziale Aufstände. Auch glaube ich nicht daran, dass die nächsten Wahlen in Deutschland bereits entschieden sind. In den USA gehen Bilder von Zeltstädten Obdachloser durch die Presse. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Lage eskaliert.

Verschlimmert wird die Situation dadurch, dass es die Politik nicht schafft, Lösungsansätze zu entwickeln. Stattdessen setzt gerade ein kompetitiver Abwertungswettlauf von Währungen ein, wie das Beispiel einiger asiatischer Länder und zuletzt sogar der Schweiz belegt. Offensichtlich herrscht immer noch der Glaube vor, Probleme auf dem Rücken anderer Mitspieler lösen zu können und so den Export anzukurbeln. Es erscheint angesichts der Komplexität der Probleme nahezu ausgeschlossen, dass es gelingt, den erforderlichen globalen Lösungsansatz zu entwickeln und umzusetzen.

Dieses ganze Szenario ist denkbar ungünstig für Aktien. Der DAX ist am Ende der Tech Bubble bis auf ca. 2300 Punkte gefallen. Damals hatten wir ein stagnierendes Wirtschaftswachstum, heute ein stark fallendes. Auch darf nicht vergessen werden, dass der DAX ein Performance Index ist, d.h. alle seitdem ausgeschütteten Dividenden im DAX enthalten sind. Die Börse honoriert aber bekanntlich nur die Zukunft. Auch wer heute in den Aktienmarkt einsteigt mit dem Vorsatz Aktien auch einmal 10 Jahre liegen zu lassen und Verluste auszusitzen sei gewarnt. Japan hat bereits ein verlorenes Jahrzehnt aufgrund verfehlter Wirtschaftspolitik hinter sich. Der Rest der Welt macht es Japan gerade nach. Alleine mit Liquiditätsspritzen ist dem Problem nicht beizukommen. Keynes sagte bekanntlich einmal, Liquidität ist wie ein Seil, man kann damit ziehen aber nicht schieben. Damit ist gemeint, dass die Bereitstellung von Liquidität nicht dazu führt, dass sie ausgegeben wird. Dem Rest der Welt droht ein ähnliches Schicksal wie Japan Dies bedeutet jedoch nicht, dass mit Aktien generell kein Geld zu verdienen sein wird. Die Erfahrung lehrt, dass auch in lang andauernden Bärenmärkten steile Anstiege der Indices zu verzeichnen sind. Kostolanis Schlaftablette kann man jedenfalls vergessen. Aktives Handeln und auch einmal Gewinne mitnehmen ist gefragt.

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