Banker und die Pille für das Vergessen

by Dirk Elsner on 9. April 2009

Manchmal kommen mir die merkwürdigsten Assoziationen, wenn ich Zeitungen oder Zeitschriften lese. Gestern musste ich bei der Lektüre eines Artikels aus der Angstforschung in der aktuellen Ausgabe von Gehirn&Geist an einen Text von Frank Wiebe im Handelsblatt denken.  Wiebe schrieb unter der Überschrift “Banker müssen Vertrauen wiedergewinnen” über die mangelhafte Aufarbeitung der Finanzkrise unter den Bankern.

Wiebe dazu: “Eine Krise, für die niemand die Verantwortung übernimmt, ist eine enorme Belastung für die Zukunft. Woher soll das Vertrauen kommen, dass sich das Desaster nicht wiederholt, wenn keiner dafür geradesteht, dass er den Karren vor die Wand gefahren hat? Aber genau das ist zu beobachten: Niemand will die Verantwortung übernehmen.” Wiebe umreißt in der Folge zwei Debattenstränge zu den Ursachen der weltweiten Wirtschaftskrise.

Die eine Debatte verkürzt die Ursachen auf moralische Verfehlungen einzelner Menschen. Wenn diese These richtig ist, so könne das System im Umkehrschluss vor weiteren Abstürzen gerettet werden, wenn sich jeder am Riemen reißt und nicht zu gierig wird. Der andere Debattenstrang verlaufe eher technisch und drehe sich um die Frage, durch welche Regeln für die Finanzaufsicht, die Kapitalausstattung der Banken und Auflagen für Managervergütungen die richtigen Anreize gesetzt werden könnten, damit die Banken künftig vernünftiger agieren. Beide Debattenstränge greifen in der Summe zu kurz, wenn man sich die vielen Facetten der Finanzkrise mal anschaut (z.B. hier).

Wiebes Gedanken sind gut formuliert. Allein sein Wunsch, die Banken mögen sich zu ihrer Verantwortung bekennen, verhallt schon seit Monaten ungehört. Über das Warum gibt es die unterschiedlichsten Thesen. Eine gängige Erklärung ist die, dass Rechts- und PR-Berater den Bankchefs geraten haben sollen, lieber in Deckung zu bleiben bis der Volkszorn verraucht ist. Es sei einmal dahingestellt, ob diese Empfehlung tatsächlich nützlich ist. Jedenfalls ist einer Feststellung von Rob Cox nichts hinzuzufügen, dass dieser Finanzkrise die Helden fehlen. Im Kommentardienst breakingviews.com schreibt er: “Im Unterschied zu der Krise, die die amerikanische Finanzwelt vor 101 Jahren mit dem Zusammenbruch der Trusts befallen hatte, gab es keinen J.P. Morgan, der gleichzeitig das Kapital, die moralische Überzeugungskraft und die Autorität inne hatte, um die Branche wieder auf die Füße zu zwingen.”

Dann gäbe es noch als weiter hergeholte Erklärung für das Schweigen, dass die Banker neuronal gehemmt sein könnten. Es hat nämlich den Anschein, und nun wechsel ich zu Gehirn&Geist, als seien Banker mit dem Betablocker Propranolol geimpft, der “Pille gegen das Vergessen”.  Das Medikament hemmt die Wirkung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin und blockiert Rezeptoren im Angstzentrum des Gehirns. So jedenfalls hat es in einem Artikel von Nature Neuroscience im Februar gestanden (Zusammenfassung hier).

Ob damit negative Erinnerungen gelöscht werden oder nur ihr Abruf gehemmt wird, haben Forscher allerdings noch nicht herausgefunden. Nun müssen die Verantwortlichen nicht tatsächlich dieses Medikament eingeworfen haben, aber vielleicht schützt sich ihr Gehirn gegen übermäßigen Stress durch die Ausschüttung von Stoffen, die den Stress reduzieren und die Erinnerung hemmen. Das jedenfalls wäre eine neurologische Erklärung für das Schweigen, denn herkömmliche Theorien zum Vergessen scheinen hier nicht plausibel zu sein.

Wenn die Banken den “Gesellschaftsvertrag”, den sie lt. Hugo Bänziger, übrigens Risikovorstand der Deutschen Bank, gebrochen haben, also wieder erneuern wollen, dann sollten sie das Vergessen vergessen. Die Finanzkrise hat sich bereits wie der 11. September in das globale kollektive Gedächtnis eingebrannt und wird dort sehr lange verharren. Reagieren die Banken nicht mit einer intelligenten Aufarbeitung und ziehen endlich den richtigen Schlussfolgerungen aus den Krisenursachen, dann geben sie die Deutungshoheit ab und dürften sich nicht beschweren, wenn Ursachenanalysen und daraus abgeleitete Maßnahmen ihr Geschäft erschweren.

Immerhin gibt es erste zaghafte Ansätze in der Banking Comunity. So geht der Boss von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, scharf ins Gericht mit der eigenen Branche und spricht sich für eine grundlegende Reform der Managerbezahlung und eine breite Finanzaufsicht aus. Ihm ist das Problem ähnlich bewusst, wie der Deutschen Bank: “Es werde Jahre dauern das öffentliche Vertrauen in die Finanzbranche wieder aufzubauen, sagte Blankfein. "Wir haben uns als Experten hochgehalten", doch dieser Anspruch sei nicht erfüllt worden,“ zitiert ihn das Handelsblatt

Auch in Deutschland gibt es nur eine hörbare Stimme unter den Bankern und das ist die von Josef Ackermann, der sich bereits mehrfach zu der Verantwortung der Banken geäußert hat (zuletzt hier). Trotz der Kritik, der er ausgesetzt ist, wagt er sich immer wieder aus der Deckung. Das nötigt mir auch dann Respekt ab, wenn ich für diesen Satz böse Kommentare erhalte. Sein CEO-Kollegen räuspern sich nur gelegentlich in internen Zirkeln oder auf geschlossenen Veranstaltungen. Öffentlich wahrgenommen werden sie indes nicht. Vertrauen kann so nicht zurück gewonnen werden.

Viele Banker verharren in ihren traditionellen Denkschemata und mögen auf das Vergessen und einen schleichenden Neuanfang hoffen. Mag sein, dass diese Strategie aufgeht, wenn sich alle Banken so verhalten. Die Bank aber, die jetzt neue Wege in ihrer Außenkommunikation versucht, die einen qualitativen Dialog mit ihren (potentiellen) Kunden sucht (wie z.B. Fidor) und die auch ihr Handeln und ihre Geschäftspolitik auf die neuen Erfordernisse konsequent einstellt, die wird sich dadurch erhebliche Wettbewerbsvorteile sichern können. Dies ist vergleichsweise einfach inhaltlich umzusetzen, verlangt aber von Banken, sich von vielen traditionellen Gewohnheiten zu verabschieden.

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