Wir täuschen uns über die Geschwindigkeit des Aufschwungs, weil wir den Schwarzen Schwan nicht sehen (wollen)

by Dirk Elsner on 12. Mai 2009

In diesen Tagen reibe ich mir mal wieder die Augen. Vor allem, wenn ich auf aktuelle Schlagzeilen zur Wirtschaftslage schaue. Das Handelsblatt titelte gestern Wirtschaftliche Talfahrt geht dem Ende zu. In der FAZ konnten wir vor drei Tagen lesen Die Rezession scheint schwächer zu werden. Die FTD titelte gestern auf ihrer Website US-Investor Soros ruft Ende der Krise aus. Das klingt nett und möchte geglaubt werden. Allerdings ist es gerade einmal drei Wochen her, dass man noch Schlagzeilen wie Ökonomen erwarten noch Jahre im Jammertal (FAZ am 23.4.09) lesen konnte.

Bei aller Neigung dieses Blogs, die Gläser eher halbvoll zu sehen, das geht mir zu fix. Aus dem Nichts heraus wird nun die Trendwende beschworen.  Zwar hat der Blick Log bereits Anfang Februar auf ein Papier von drei Forschern der Uni Stanford gesetzt, dennoch könnte etwas mehr kritische Distanz zu der konjunkturellen Wende nicht schaden. In dem Papier hatten die Ökonomen Hoffnung gemacht, dass die hohe Unsicherheit die Konjunktur nur kurz bremse. Schon nach wenigen Monaten lichte sich der Nebel wieder. Und dann kämen viele Firmen gar nicht darum herum, wieder zu investieren und neues Personal einzustellen, weil in der Zeit, in der sie die Luft angehalten haben, Nachholbedarf entstanden sei. Mag sein, dass wir diesen Zustand jetzt erreicht haben.

Das US-Magazin Time warnt aber in “Why the Economic Recovery May Be Disappointing”. So ist z.B. derzeit vollkommen offen, wie eigentlich der neue Normalzustand der Wirtschaft aussehen könnte.  Die Welt dagegen will bereits jetzt wissen, warum die Krise 2009 anders verläuft als 1929.

Mich erinnert diese Diskussion an den Prolog im Buch “Der Schwarze Schwan“ von Nassim N. Taleb (hier im Interview mit der FAZ), ehemaliger Börsenhändler und Professor für Risikoforschung in New York. Im Abschnitt “Experten und „leere Anzüge“ schreibt Taleb, dass wir Ausreißer beim Auftreten eines Schwarzen Schwans angesichts ihres großen Anteils an der Dynamik der Ereignisse nicht vorhersagen können. Taleb schreibt weiter:

“Wir verhalten uns aber so, als könnten wir geschichtliche Ereignisse vor­hersagen oder, was noch schlimmer ist, als könnten wir den Lauf der Ge­schichte ändern. Wir produzieren Projektionen für die Ölpreise und die Defi­zite bei der Sozialversicherung, die sich über 30 Jahre erstrecken, ohne zu erkennen, dass wir nicht mal die Entwicklung im nächsten Sommer vorher­sagen können. Die Summe unserer Fehler bei der Vorhersage politischer und wirtschaftlicher Ereignisse ist so gigantisch, dass ich mich beim Blick darauf immer kneifen muss, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume. Das Überraschende ist nicht das Ausmaß unserer Fehler bei den Vorhersagen, sondern dass wir uns dessen überhaupt nicht bewusst sind. Wenn es um töd­liche Konflikte geht, ist das noch viel beunruhigender: Kriege sind völlig un­vorhersehbar (und wir wissen das nicht). Da wir die Kausalketten zwischen Politik und Handlungen nicht verstehen, können wir aufgrund unserer ag­gressiven Ignoranz leicht Schwarze Schwäne auslösen – wie Kinder, die mit einem Chemiebaukasten spielen.

Dass wir in Umgebungen, in denen es zu Schwarzen Schwänen kommen kann, keine Vorhersagen machen können und das nicht einmal erkennen, bedeutet, dass gewisse „Experten“ in Wirklichkeit gar keine Experten sind, auch wenn sie das glauben. Wenn man sich ihre Ergebnisse ansieht, kann man nur den Schluss ziehen, dass sie auch nicht mehr über ihr Fachgebiet wissen als die Gesamtbevölkerung, sondern nur viel bessere Erzähler sind -oder, was noch schlimmer ist, uns meisterlich mit komplizierten mathema­tischen Modellen einnebeln. Außerdem tragen sie mit größerer Wahrschein­lichkeit Krawatten.”

Man fährt also möglicherweise besser damit, den aktuellen Trend “Die Krise ist zu Ende” genauso wenig zum Nennwert zu nehmen, wie die noch vor einigen Wochen vorherrschenden Doomsday-Szenarien. Taleb selbst dagegen ist allerdings radikaler in seinen Ansichten, wie er es jüngst auf einer Konferenz dargestellt hat. Seine Vorschläge orientieren sich daran, das ökonomische Leben enger an der biologischen Umwelt zu orientieren, um es so mehr gegen Schwarze Schwäne abzusichern. 10 Vorschläge dazu von Taleb waren Anfang April in der Financial Times zu lesen.

Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag. Einen Überblick über Meldungen zu Wirtschaftsprognosen der letzten fünf Monate gibt diese Seite.

Weitere Meldungen zur Wirtschaftslage

HB: Trichet sieht Wendepunkt in der Krise

Welt: Die beste Zeit des Wirtschaftswachstums ist vorbei

Wiwo: Konjunktur Talfahrt der Wirtschaft abgebremst

Central Banks Call Turn In Economy

Guardian: Britain may be over worst of recession, OECD predicts

CR: OECD: Global Economy at „inflection point“, U.S. Still in „strong slowdown“


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