Bilanzierung in “Zitronenmärkten” zwischen Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit

by Dirk Elsner on 27. Mai 2009

Einen solchen Beitrag über die Fair-Value-Debatte im Zusammenhang mit der Finanzkrise hätte ich gern früher schon einmal gelesen. Zwei Autoren einer Wirtschaftsberatungsgesellschaft bemühen sich im Artikel “Anhaltende Debatte über die Rechnungslegung in Finanzkrisen” in einer auch für nicht Bilanzierungsfetischisten verständlicher Sprache um eine wie ich finde zutreffende Darstellung des Dilemmas um die Fair-Value-Bilanzierung. In dem Beitrag heißt es u.a.:

“Der Vorwurf, Bilanzierungsvorschriften nach dem Fair-Value-Prinzip hätten die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise beschleunigt und verschlimmert, ist verbreitet. Eine Debatte über die Stichhaltigkeit dieses Vorwurfs muss von der Frage ausgehen, warum Bilanzen überhaupt erstellt werden müssen. Obwohl die moderne Rechnungslegung komplex geworden ist, dürften die Ziele seit vielen Jahrzehnten identisch sein: Es geht darum, interessierten Kreisen wie Investoren, Geschäftspartnern und Mitarbeitern «Rechenschaft abzulegen». Dies ist im Kern unbestritten und somit ohne Alternative.

In der Absicht, möglichst relevante Informationen zur Verfügung zu stellen, gelangen vermehrt Fair-Value-Ansätze bei der Bilanzierung zur Anwendung. Der Fair Value wird als Transaktionspreis verstanden, der sich in einem «normalen» liquiden Markt mit unabhängigen Marktteilnehmern ergibt. Illiquide Märkte und vor allem Situationen mit «Fire Sales», also hastigem Verkaufen von Aktiven aufgrund von Notsituationen, sind von dieser Definition ausgeschlossen.”

Diese Definition zum Fair-Value-Konzept finde ich deswegen interessant, weil sich gerade an den Bewertungen toxischer “Wertpapiere” in den Bankbilanzen zeigt, zu welchen Problemen es führt, wenn kein Marktpreise mehr vorliegen. Die Autoren betrachten daher die Situation, in der Marktpreise keinen “zuverlässigen” Wert mehr liefern.

“Dabei stellt sich jedoch die Frage, weshalb nicht andere Investoren auftreten, um billige Aktiven zu kaufen, sobald die Preise ins Rutschen kommen. Offensichtlich will in solchen Situationen aber niemand mehr kaufen. Eine weitere Erklärung für das Zusammenbrechen des Handels findet sich in der Theorie des Nobelpreisträgers George Akerlof, «The Market for Lemons: Quality Uncertainty and the Market Mechanism», die auch auf gewisse Bankaktiven angewandt werden kann: Laut Akerlof kann unter bestimmten Umständen ein Handel in einem Markt zusammenbrechen, wenn die Käufer die Qualität der angebotenen Produkte beim Kauf nicht einschätzen können und wenn sie wissen, dass auch Produkte mit sehr schlechter Qualität angeboten werden.“

Genau dies sei im Falle der Interbankenmärkte für diverse Vermögenspositionen der Fall gewesen:

“Die Marktteilnehmer vermuteten, dass einige Aktiven von schlechter Qualität waren («toxic assets») und konnten gleichzeitig nicht zwischen den guten und den schlechten angebotenen Forderungen unterscheiden. Dies erklärt auch, warum Marktpreise in Fällen mit niedrigen Handelsvolumina nicht die Preise qualitativ hochstehender, nichttoxischer Assets darstellen, sondern eher den Wert von vermuteten «toxic assets» spiegeln.”

In der Folge erörtern die Autoren verschiedene Alternativen zum Fair-Value-Konzept auf Basis von Marktbewerten, stoßen allerdings auch hier stets an Grenzen, so dass sie zu der Empfehlung kommen:

“Märkte sind offensichtlich nicht immer effizient, so etwa, wenn Marktvolumen zusammenbrechen. Die Effizienz kann aber nach heutigem Wissensstand für viele «normale» Situationen nicht einfach widerlegt werden, und Marktpreise stellen in solchen Situationen den Preis dar, den die Anleger als richtig empfinden. Abgesehen von genau definierten Extremsituationen sollte daher eine Abkehr von vorhandenen Marktpreisen zumindest genau begründet werden müssen. All dies liefert die Erkenntnis, dass vorhandene Marktpreise nicht ignoriert werden sollten, umgekehrt aber leider auch kein alleiniges Bewertungskonzept für alle Situationen darstellen.”

Der Artikel macht damit einmal mehr deutlich, dass es einfache und lineare Lösungen für die durch die Finanzkrise deutliche gewordenen Probleme der betrieblichen Praxis zumindest derzeit nicht gibt. Wie z.B. auch bei der Regulierung sind situative Konzepte gefragt.

 

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