Stauforschung und Wirtschaftsverhalten: Verständigung und Kooperation schaffen Fortschritt, wenn sich alle daran halten würden

by Dirk Elsner on 16. Juli 2009

Am vergangenen Wochenende hatte die FAS einen interessanten Artikel, in dem es u.a darum ging, wie Verständigung und Kooperation dafür sorgen, dass eine Gesellschaft schneller ihre Ziele erreicht. Dabei ging es um einen Vergleich mit dem Verhalten von Verkehrsteilnehmern. Diese Gedanken lassen sich aber auch gut auf die Wirtschaft übertragen.

Verständigung und Kooperation sind Eigenschaften, die menschlichen Verkehrsteilnehmern weitgehend abgehen, „behauptet der amerikanische Autor Tom Vanderbilt. Weiter heißt es in dem Artikel:

“Vanderbilt belegt das mit Beispielen verschiedener Forschungsfelder von der Ameisenbiologie bis zur Verkehrspsychologie. Und kommt zu dem traurigen Schluss: Gerade hinter dem Steuer eines Kraftfahrzeugs verhält sich der Mensch besonders egoistisch, eitel und auch noch unaufmerksam.

Leichtsinn beim Autofahren aber rächt sich doppelt, sagt Vanderbilt, schließlich handele es sich dabei um die wahrscheinlich komplexeste Alltagstätigkeit unseres Lebens, bestehend aus rund 1500 Untertätigkeiten. Nur seien wir uns dessen überhaupt nicht bewusst. Vielmehr klinken sich Autofahrer wie selbstverständlich aus dem Dialog mit dem Fahrzeug und dem restlichen Verkehr aus. Rund 50.000 Videoaufzeichnungen der amerikanischen Firma DriveCam belegen das Monat für Monat. Da werden auf der täglichen Strecke zur Arbeit rasch noch ein paar Telefonate erledigt, die Haare gekämmt, ein paar Happen gegessen oder vielleicht mit dem Laptop auf dem Schoß noch Arbeiten erledigt. Schwere, auch tödliche Unfälle sind die zwangsläufige Folge.

… Studien weisen darauf hin, dass der Einzelne eher eigenen Regeln folgt“, sagt Thüring. Das heißt zum Beispiel, dass ein Autofahrer zwischen persönlichem Nutzen und dem Risiko, erwischt zu werden, abwägt, um dann das Tempolimit für sich selbst um zehn Kilometer pro Stunde zu erhöhen. Aufklärungskampagnen, die auf die fatalen Folgen solcher Eigenmächtigkeiten hinweisen, sind nach Thürings Auffassung wenig wirkungsvoll. Er glaubt, dass Manipulationen am Straßenbild, wie zum Beispiel eng stehende Leitpfosten an Gefahrenstellen, weit größere Effekte zeigen, weil sie den Fahrer zur gewünschten Reaktion zwingen statt sie in den Rahmen seines persönlichen Ermessens zu stellen.

Überhaupt tun sich Menschen hinterm Steuer ziemlich schwer, die Folgen ihres Handelns und das Maß ihrer Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. … Manche Verkehrspsychologen sehen die Wurzel der Selbstüberschätzung im wachsenden Narzissmus unserer Gesellschaft. Andere, wie Manfred Thüring, bevorzugen den Begriff Egozentrik. Doch wie man es auch nennen will: Den meisten Autofahrern geht es auf der Straße eben nicht um den kollektiven Fahrerfolg. Sondern darum, wie sie sich selbst am besten durchsetzen können.”

Eine Lösung haben Wissenschaftler auch für das Problem:

“Physiker haben vorgerechnet, wie gut dem Superorganismus Verkehr ein bisschen Ameisenverhalten täte. „Würden wir uns nicht mehr egoistisch verhalten, ginge es einigen wenigen schlechter, aber den meisten sehr viel besser“, sagt Andreas Schadschneider von der Universität Köln. Schadschneider hat nomadisch umher vagabundierende Ameisen der Spezies Leptongenys processionalis in Indien untersucht und beobachtet, wie wirkungsvoll kooperatives Verhalten für den Verkehrsfluss ist. Den höchsten Durchsatz an Individuen pro Streckenabschnitt erzielen die Insekten, wenn sie alle im gleichen Tempo und in kleinen Trupps unterwegs sind, berichteten Schadschneider und seine Koautoren kürzlich in den Physical Review Letters.”

Tatsächlich sind die Erkenntnisse zum Verhalten der Verkehrsteilnehmer nicht neu, sondern bestätigen Experimente der Spieltheorie, die sich auch mit dem Verhalten von Personen in der Wirtschafts befasst. Konkret eine Situationen im “Gefangenendilemma”, in der die Akteure eigentlich ein gemeinsames Interesse zur Zusammenarbeit haben sollten. Allerdings gibt es aufgrund der Anreizbedingungen in diesem Spiel, das Wissenschaftler auf viele reale Situation übertragen, einen grundlegender Interessenkonflikt. Dieser verhindert die gemeinesame Besserstellung, weil sich ein Individuum durch nicht kooperatives Verhalten einen Vorteil verschaffen kann (siehe im Detail auch Spieltheorie und das Gefangenendilemma).

Ein bloßer Appell an das Wohlverhalten hilft übrigens nach Auffassung des Wirtschaftsethiker Andreas Suchanek in seinem Buch “Ökonomische Ethik”* wenig. Er schreibt (S. 56 f.):

“Die Bewältigung einer Dilemmastruktur ist nicht dadurch möglich, dass man an den einzelnen appelliert und von ihm verlangt, er solle jetzt kooperieren und sich ,solidarisch‘ zeigen statt seinen Vorteil zu verfolgen. Wenn er, und nur er, das tut, stellt er sich selbst am schlechtesten, und auch das gewünschte Ergebnis wird nicht erreicht. Der bloße Appell bleibt in Dilemmastrukturen deshalb wirkungslos und kann sogar kontraproduktiv wirken, weil er nicht die beiden interdependenten Probleme löst, das Anreiz- und das Informationsproblem:

Das Anreizproblem liegt darin, dass in einer solchen Dilemmastruktur der einzelne einen massiven Anreiz hat, sein Eigeninteresse in einer Weise zu verfolgen, die der Kooperation zuwiderläuft. Das Informationsproblem liegt darin, dass er, selbst wenn er kooperationswillig sein sollte – z.B. weil er sich sagt, wenn wir beide kooperieren, stellen wir uns beide besser –, er aufgrund der Situationsbedingungen doch befürchten muss, dass seine Kooperationsbereitschaft vom anderen ausgebeutet wird und er im zweiten Quadranten landet. Es fehlt also die verlässliche, glaubwürdige Information darüber, dass auch der andere bereit ist zu kooperieren, und ohne diese Information scheitert die Kooperation.

Das Konzept der Dilemmastrukturen ist für die ökonomische Ethik grundlegend. Dies gilt nicht deshalb, weil Kooperation so selten beobachtbar wäre; offensichtlich ist das Gegenteil der Fall. Jedoch geht es darum, das Grundproblem jeder Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil so klar und einfach wie möglich darzustellen, um besser zu verstehen, wie und unter welchen Bedingungen diese Zusammenarbeit gelingen kann. Es wäre verfehlt, diese Probleme einfach zu ignorieren oder durch moralische Appelle weg zu definieren; allerdings wäre es auch verfehlt, mit Verweis auf solche Probleme jeden eigenen Beitrag zur Zusammenarbeit zu verweigern − dann kommt sie sicher nicht zustande; die Goldene Regel selbst gilt unbedingt.”

Suchanek bemüht später in seinem Buch Mancur Olson, der ein sehr einflussreiches Buch zum kollektiven Verhalten geschrieben hat:

OLSON zeigte, dass die folgende, zunächst plausible Meinung falsch ist: Wenn sehr viele Akteure ein gemeinsames Interesse haben, müsste sich dieses doch leicht realisieren lassen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall; oft genug wird gerade in (sehr) großen Gruppen ein gemeinsames Interesse aller Beteiligten keineswegs realisiert. Der Grund hierfür ist die folgende Anreizproblematik: Jeder Akteur spürt selbst und unmittelbar die Kosten seines Beitrags, während der Nutzendes Beitrags oft kaum wahrnehmbar ist bzw. anderen Akteuren zugutekommt. Es lassen sich viele Beispiele für diese „Logik“ finden: Frieden, Abrüstung, Umweltschutz, Bekämpfung von Korruption und Steuerhinterziehung, Vollbeschäftigung, Beseitigung von Armut, Entwicklungshilfe und Schuldenerlaß u.a.m. – all diese an sich von sehr vielen Menschen gewünschten Ziele sind deshalb so sehr schwer zu realisieren,weil der einzelne den Eindruck hat, dass sein Beitrag sowieso keine Rolle spielt, so dass er sich die Kost en dieses Beitrags ersparen kann;und da jeder so denkt, finden sich alle in einer Dilemmastruktur wieder.

In einem weiteren Abschnitt geht Suchanek dann auf die Probleme der Informationsasymmetrie ein, die ja bekanntlich auch im Mindset zu den Ursachen der Finanzkrise eine wichtige Determinante des Verhaltens der Finanzmarktakteure ist:

“In fast allen Situationen, in denen Menschen miteinander zu tun haben, hat einer gegenüber den anderen in bestimmten Dingen Informationsvorsprünge; man spricht dann von Informationsasymmetrien. Das ist meistens unproblematisch und oft auch für alle Beteiligten vorteilhaft; schließlich wäre es ausgesprochen mühsam, sich vor jedem Einkauf die Kenntnisse anzueignen, die der jeweilige Anbieter über das Produkt besitzt. Und wenn man all das wüsste, was auch der Arzt weiß, bräuchte man nicht zu ihm zu gehen.

Es gibt jedoch häufiger auch Situationen, in denen jemand seinen Informationsvorsprung gegenüber seinen Interaktionspartnern zu deren Nachteil ausnutzen kann. Das betrifft keineswegs nur den Verkauf von Gebrauchtwagen oder die Behauptung des Werkstattmechanikers hinsichtlich der Notwendigkeit teurer Reparaturen, auch Versicherungen stehen beim Abschluss von Policen oder dem Eintritt von Schadensfällen oft vor dem Problem fehlender Information, die für sie u. U.mit erheblichen (Mehr-)Kosten verbunden sein können; Banken haben die Schwierigkeit, die Kreditwürdigkeit einschätzen zu können; der Personalchef kann nicht sicher wissen, ob der Bewerber tatsächlich so erfahren ist, wie er behauptet usw.”

Zu der Übertragung der Erkenntnisse der Spieltheorie auf die Finanzkrise, bitte den unten stehenden Literaturhinweisen folgen.

* Andreas Suchanek, “Ökonomische Ethik”, UTB für Wissenschaft 2007

Weitere Artikel zum Thema

Martin Schottenloher, Das Trittbrettfahrerproblem im Kontext von Einsatzbereitschaft  und Vertrauen in einer Kooperation (Arbeitspapier 2004)

NZZ: Die Erkenntnisse der Spieltheorie liefern eine gute Erklärung für die derzeitigen Probleme am Interbankenmarkt

Science Daily: Cooperative Behavior Meshes With Evolutionary Theory

qualiboxx: Kooperatives Verhalten ist ansteckend

Arbeitspapier der Europa-Universität Viadrina: Altruismus in der Spieltheorie

Cenandu: Spieltheorie und Finanzkrise

Arbeitspapier Uni München: Herdenverhalten – Lernen vom Verhalten anderer

Sehr viel weitere Literatur sind auf dieser Seite mit “Artikel-Berichte-Abhandlungen” rund um die Spieltheorie zu finden

Rheinische Post: Europa will seine Banken retten

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