Wider dem Stigma des Risikos

by Dirk Elsner on 19. Juli 2009

In dem aktuellen Zeitalter der Finanz- und Wirtschaftskrise wird ein Schlagwort mit besonderer Abscheu verwendet: Risiko. Das Eingehen großer Risiken habe erst zu der Finanzkrise geführt. Goldman Sachs wird vorgeworfen, sie haben erst durch die Inkaufnahme hoher Risiken wieder einen so großen Gewinn erzielen können. Ich denke, wir machen einen Fehler, wenn wir das Wort Risiko mit einem Stigma belegen. Passend dazu hat sich Susanne Kutter in der Wirtschaftswoche mit dem Thema auseinandergesetzt und schreibt unter dem Titel “Warum wir uns ohne Mut nicht weiterentwickeln” u.a.:

„Die Weltwirtschaftskrise hat nicht nur ganze Volkswirtschaften ruiniert, sie hat sich tief in die Psyche der Menschen gefressen. Irgendwo zwischen Subprime-Krise und verzweifelten Bankenrettungen muss uns die Lust auf das Risiko abhanden gekommen sein. Jobwechsel, Innovationen und Wachstum: Alles steht still. Die Gesellschaft ist wie gelähmt, die Menschen klammern sich ans Erreichte und hoffen, dass das Unwetter da draußen bald vorüberzieht. Was für den Einzelnen sogar sinnvoll sein kann, ist für eine Volkswirtschaft schädlich: Motor aller Entwicklung ist die Bereitschaft, sich auf Wagnisse einzulassen.

Nur wenn Menschen sich wieder trauen, neue Herausforderungen anzunehmen – sei es bei einem neuen Arbeitgeber, oder ihre Ideen und Erfindungen auf den Markt zu bringen –, kann es Wachstum, Innovationen und Fortschritt geben. Ex-Bundespräsident Walter Scheel brachte das einmal auf eine einprägsame Formel: „Nichts geschieht ohne Risiko, aber ohne Risiko geschieht nichts.“

Dabei ist es sogar lebensnotwendig, Risiken einzugehen, schon von frühster Kindheit an. Wenn etwa ein Krabbelkind die ersten Schritte wagt, fällt es laufend auf die Nase. Doch die Evolution hat uns darauf getrimmt, uns davon „nicht entmutigen zu lassen“, sagt die Psychologin Britta Renner von der Universität Konstanz: „Menschen sind von Natur aus Neugierwesen, sie können gar nicht anders, als ihre Umgebung zu erkunden und ständig neue, mitunter gefährliche Dinge auszuprobieren.“

Gerade am Anfang des Lebens sind Menschen mit gewaltiger Neugier ausgestattet. Dennoch gibt es große, angeborene Unterschiede: Während sich ein Kind nur vorsichtig an den abschüssigen Rand des Ententeichs wagt, traut sich ein anderes im selben Alter gefährlich weit auf steilste Klippen vor. Forscher würden es als „Sensation Seeker“ bezeichnen.”

Die größte Herausforderung ist jedoch, Risiken realistisch einzuschätzen. „Die Welt wird komplexer, und wir können immer weniger im Detail verstehen“, sagt Psychologin Renner. Wer durchsteigt schon das Kleingedruckte im Versicherungsvertrag? Wer weiß, ob die Handystrahlung schädlich ist oder nicht? Wer kann sicher vorhersagen, ob uns nun Inflation oder Deflation droht?

Deshalb lassen wir uns bei den meisten Entscheidungen von Menschen beraten, die mehr von dem Thema verstehen als wir selbst. Das machen wir umso lieber, je größer das Risiko ist, mit unserer Entscheidung falsch zu liegen. Die zunehmende Komplexität spiegelt sich zugleich in der großen Nachfrage nach Ratgeber-Literatur jeglicher Couleur wider.”

Ich fürchte, ich habe das Zitatrecht schon etwas überstrapaziert, dabei hätte ich gern den gesamten Artikel als Gastbeitrag übernommen.

Abschließen möchte ich mit zwei Mahnern vor dem Zusammenbruch der Finanzmärkte, nämlich Robert Shiller und Nassim Taleb. Beide haben bekanntlich deutliche Kritik am Finanzwesen in der bisherigen Prägung geübt. Aber auch sie plädieren keineswegs für die Risikovermeidung. Das Gegenteil ist der Fall. Beide sagen, wir als Menschen und Gesellschaft können uns nur weiterentwickeln, wenn wir weiter bereit sind, Risiken einzugehen. Wir müssen dabei die positiven Risiken suchen (Taleb) und uns gegen negative Risiken absichern können (Shiller). Während Taleb dafür plädiert, durch Herumprobieren bewusst nach positiven Schwarzen Schwänen zu suchen, empfiehlt Schiller die Förderung persönlicher auch exotischer Neigungen und deren Absicherung gegen wirtschaftliche Risiken durch neu zu schaffende Derivate.

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