Jobs in der Finanzbranche: „Berufliche Niederlagen passen einfach nicht ins Selbstbild“

by Dirk Elsner on 26. Juli 2009

Michael Maisch schrieb in dieser Woche über die psychologischen Auswirkungen der Finanzkrise auf das berufliche Selbstverständnis der erfolgsverwöhnten Aufsteiger in der Finanzbranche und darüber, wie die einest makellosen Lebensläufe vieler Jung-Banker Kratzer bekommen.

“Die Selbstmordrate in der Finanzbranche ist seit jeher hoch, und die Finanzkrise hat die Zahl der tragischen Fälle noch einmal in die Höhe schnellen lassen. Vor allem die Angst vor dem Verlust ihrer prestigeträchtigen und lukrativen Jobs treibt immer mehr Banker in die Verzweiflung. Zum Glück gehen die wenigsten so weit wie der junge Händler der Deutschen Bank. Aber Psychologen und Therapeuten haben so viel Zulauf von Kunden aus der Finanzindustrie wie noch niemals zuvor.

„Viele Banker definieren sich fast ausschließlich über ihre Arbeit, und berufliche Niederlagen passen bei den meisten einfach nicht ins Selbstbild“, sagt eine Therapeutin, die ihre Praxis am Rand der Londoner City betreibt. „Je erfolgreicher die Karriere verläuft und je höher der Bonus ausfällt, desto größer wird in der Krise bei vielen die Angst, plötzlich alles zu verlieren.“ Irgendwann lasse sich die Furcht, dass bei der nächsten Entlassungsrunde auch der eigene Job an der Reihe ist, nicht mehr vertreiben. „Am Ende kann die Existenzangst zu regelrechten Panikattacken mit körperlichen Symptomen wie Schwindel, Atemnot und Schweißausbrüchen führen“, erzählt die Therapeutin.”

Maisch führt zu weiteren Auswirkungen einige Beispiel an. Auch Florian Fügemann Pressetext.de hat sich mit dem Thema unter dem eher reißerischen Titel “Entlassungswelle treibt Londons Banker in den Tod”. Er schreibt u.a. einleitend:

“Die Folgen der globalen Finanzkrise führen dazu, dass in der europäischen Finanzmetropole London immer mehr junge Finanzjongleure Suizid begehen und mit den Anforderungen und unvermeintlichen Rückschlägen am Arbeitsplatz nicht länger zurechtkommen.”

Wissenschaftler Universität Oxford sehen einen direkten Zusammenhang zwischen der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie der Suizidrate (mehr zu der Untersuchung hier). Weiter schreibt Fügemann:

“Da sich viele Banker fast ausschließlich über ihre Arbeit definieren und Niederlagen oft nicht in das Selbstbild passen, steigt die Wahrscheinlichkeit für Suizid. Umfragen verdeutlichen die Dramatik. So leiden 20 Prozent aller 20- bis 30-Jährigen im Finanzsektor unter Depressionen oder Angstzuständen, die einhergehen mit immenser Existenzangst, auf einen Schlag alles zu verlieren.”

Über einen weiteren Beitrag hatte der Blick Log bereits vor einigen Wochen geschrieben. Katharina Slodczyk hatte im Handelsblatt das Befinden der abgestürzten Helden beschrieben und nach Spuren gesucht, die das Finanzdebakel bei vielen Mitarbeitern in Banken in der Psyche hinterlassen hat. So schrieb Slodczyk über Banker, die mittlerweile auf Partys ihren Beruf verleugnen, weil sie Angst vor Häme fürchten. Erhellend der Part über den Besuch bei einem Psychologen in Offenbach, der immer mehr Banker zu seinen Klienten (heißt es nicht Patienten?) zählt:

“Schuld? Schlechtes Gewissen? Bei anderen Fragen denkt der 59-Jährige schon mal kurz nach. Jetzt antwortet er aber sofort: „Nein, meine Klienten erleben sich nicht als die, die an der Misere schuld sind.“ Was treibt sie dann zu einem Psychologen? Die Kunden, denen sie nicht mehr in die Augen schauen können? „Nein, ihr Problem sind auch nicht die Kunden, die durch Falschberatung Geld verloren haben. Es ist eher die egoistische Perspektive, die bei dem Bankmitarbeiter im Vordergrund steht: ,Mir geht es schlecht, und ich schaff’ es nicht allein, aus dieser Situation herauszukommen.”

“Er nennt sie „abgestürzte Helden“, die Menschen, die in seine Praxis kommen – oft Männer, alleinstehend, lange Zeit erfolgreich im Beruf. Plötzlich haben sie allerdings schlaflose Nächte, sind unruhig, reizbar, erschöpft, bringen nicht mehr die Leistung wie noch vor einigen Monaten oder verhalten sich irrational.”

Neben den Informationen über den Seelenzustand der Banker erlaubt Slodczyk Darstellung auch Einblick in die interne “Aufarbeitung” der Finanzkrise:

“Die Debatte über die Folgen der Krise, darüber, welche Lehren die Banken daraus ziehen sollten, rückt in den Hintergrund. Öffentlich üben sich die Manager zwar noch in Demut und geloben Besserung. Intern ist aber alles beim Alten. „Als sei die Krise nur ein kleiner Ausrutscher gewesen“, sagt der Personalrat einer Sparkasse. Die Bankenexperten von Verdi formulieren es dramatischer: „Die Zustände im Vertrieb sind schlimmer als jemals zuvor, Zielvorgaben wurden sogar erhöht.“

Hier geht es zu der Dokumentensammlung des Blick Logs zur Psychologie der Finanzkrise mit vielen Links auf weitere hochinteressante Beiträge. Heute außerdem in Spiegel Online ein Beitrag  zum Geschäfte mit der Krise: Seelsorge für gestresste Mitarbeiter.

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