Enkes Tod und der aktionistische Pathos der Leistungsgesellschaft

by Dirk Elsner on 16. November 2009

Gestern fand die bewegende Traufeier für den verstorbenen Torhüter Robert Enke statt. Viele Menschen sprachen gestern und in den letzten Tagen große Worte, um Erschütterung und Trauer auszudrücken. Robert Enke hat dies verdient. Noch mehr verdient hat dies seine Witwe Teresa Enke, die in beispielloser Weise die Öffentlichkeit mit ihrem Auftritt am vergangenen Mittwoch beeindruckte. Allein ihres Mutes wegen würde ich mir wünschen, dass einige der gerade von ihr losgetretenen Gedanken, die gestern konzentrierten Niederschlag in den Trauerreden fanden, den gestrigen Tag überstehen würden. Ich bin da aber leider nicht besonders optimistisch, wie etwa Steffen Dobbert in der Zeit.

Nur eine kleine Auswahl der Gedanken

Theo Zwanziger

“Wir sind alle aufgerufen, unser Leben wieder zu gestalten. Kein überbordender Ehrgeiz dabei, sondern Maß.“

„Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Bekenntnis zur Würde des Menschen, das wird Robert gerecht.“

Christian Wulf

„Miteinander reden, statt übereinander.“

„Druck ist extrem im Leistungssport und in anderen Berufen.“

Stephan Weil

„Erfolg im Sport ist nicht das Wichtigste im Leben. Wir haben alle Angst und Furcht. Der eine mehr, der andere weniger. Der eine kann gut damit umgehen, der andere weniger. Dass Robert Enke Angst vor der Öffentlichkeit haben musste, das tut ganz besonders weh. Es wäre gut, wenn sein Tod helfen könnte, dass andere Menschen ihre Angst zeigen und sie nicht verstecken. Wer Angst zeigt, ist stark – nicht schwach.“

Überraschende und von den meisten unerwartete Ereignisse, wie der Selbstmord des Nationaltorhüters, führen zu mindestens zwei Reaktionsmustern:

  1. Betroffenheit, die meist neben der Frage nach dem Warum mit Fragen danach verbunden ist, ob nicht jemand etwas hätte wissen, erkennen und dagegen tun können.
  2. Pseudoaktionismus, um eine Wiederholung für ähnliche Fälle auszuschließen.

Zur Betroffenheit

Natürlich sind Freunde, Angehörige und große Teile der Bevölkerung betroffen. Aber versucht tatsächlich jemand die Gründe zu verstehen. Ist tatsächlich jemand bereit, wenn er die Gründe verstanden hat, daraus persönliche Konsequenzen zu ziehen? Ich habe daran nicht nur erhebliche Zweifel, sondern beantworte die Frage damit, dass 99,9999% der sich betroffen Fühlenden nicht einen Jota ihres künftigen Verhaltens ändern werden.

Eine These zur Ursache von Enke Suizid ist, dass er mit dem Wettbewerbsdruck nicht fertig werde, dass er Angst davor hat, das zu verlieren, was er am meisten liebt: seine Tochter und seinen Job. Außerdem hasste er offenbar die Häme und Ablehnung, die einem entgegenschlägt, wenn er nicht die erwartete Leistung bringt.

Solche Trauereignisse wühlen auf, machen Massen betroffen, nachdenklich und besinnlich für einen Augenblick. Aber am nächsten Tag dreht sich das Leben weiter. Man würde sich wünschen, dass man nun in unserer Leistungsgesellschaft nun auch einmal Schwäche zeigen darf. Aber dies ist weiterhin nicht angesagt. Professionalität heißt das Zauberwort der Leistungsgesellschaft. Gefühle gehören da nicht hin und sind zu verdrängen. Doch immer mehr Menschen leider darunter, übrigens auch in den Chefetagen. Hier kostet Schwäche aber erst Recht den Job.

Ändert tatsächlich jemand, Mitarbeitern, Konkurrenten oder andere Personen gegenüber, die in welcher Form auch immer Schwäche zeigen, jetzt sein Verhalten. Ersetzen jetzt Mitgefühl und Eifühlungsvermögen die seit Jahrtausenden dominierende Schadenfreude und Häme, wenn ein “Gegner” oder Promi strauchelt? Sicher nicht? Viele Menschen, die sich in diesen Tagen betroffen zeigen, werden nächste Woche hämisch grinsen, falls z.B. der Bayern Trainer Louis van Gaal seinen Job verlieren sollte. Oder wird derjenige, der bisher über Missgeschicke von Kollegen oder gar Konkurrenten um einen wichtigen Posten sich innerlich gefreut hat, sich nun zurückhalten, wenn der Kollegen bei einem Projekt patzt? Kaum anzunehmen. Wird der Chef, der einen Mitarbeiter aus dem Job mobben will, morgen neue Wege der Zusammenarbeit versuchen? Bedauerlicherweise nicht.

Aus welchen Gründen auch immer (Psychologen können das erklären) neigen viele Menschen (und mit ihnen die Medien) zur Schadenfreude, Häme und anderen Formen der Herabsetzung von Schwächeren oder Strauchelnden. Oder hat etwa jemand vorher darüber nachgedacht, wie sich die öffentliche Häme auf Adolph Merckle oder Susanne Klatten auswirken kann?

Zum Pseudoaktionismus

Und auch der Pseudoaktionismus ist typisch für derartige Situationen. Der Schock, das Unerwartete ruft danach, so etwas künftig zu verhindern. Man muss  Depressionen erkennen und den Menschen auf eine Art helfen, die sie nicht verletzt. Das ist ein idealistischer Wunsch, dessen Realisierung ein deutlicher Fortschritt unserer Gesellschaft wäre. Unwahrscheinlich, dass diese Erwartungen erfüllt werden, selbst wenn die gestrige Trauerfeier sehr emotionale Bilder geliefert hat.

Für einige Tage, mit Glück sogar Wochen wird die Öffentlichkeit für das Krankheitsbild Depression und den Umgang mit Schwächeren sensibilisiert sein. Einige Führungskräfte werden mit Mitarbeitern, die unter Burn-Out-Zuständen leiden (das ist auch eine Form der Depression) vielleicht etwas vorsichtiger umgehen. Und vielleicht haben wir auch im ganz normalen Umgang mit Menschen einen Blick für den Menschen und nicht nur dafür, ob er uns nützten oder schaden kann. Das wäre sehr begrüßenswert. Gleichwohl nenne ich dies aktionistisch, weil es sich um ein temporäres Phänomen handeln wird. Dieser Aktionismus wird wie immer in solchen Fällen schnell abflauen. Nun sollen die vorgenannten Zeilen nicht vollkommen kulturpessimistisch klingen, denn es bleibt ein Fünkchen Hoffnung, dass zumindest etwas Hängen bleibt von Enkes Vermächtnis, mit Sicherheit aber längst nicht so viel, wie das die großen Worte dieser Tage vermuten lassen.

Auch wenn es eigentlich nicht wirklich passt, aber mich erinnern Betroffenheit und Pseudoaktionismus verdächtig an den Umgang mit der Finanzkrise. Nach der Pleite von Lehman Brother war die Betroffenheit groß und die Welt stellte sich die gleichen Fragen, wie Deutschland nach dem Tod von Enke. Hätte man das nicht erkennen und verhindern können? Mindestens ebenso große war der Aktionismus vieler berufener und unberufener Personen. Passiert ist bisher schlicht nichts. Mit dem Verblassen der Nahtoderfahrung ist auch der Aktionismus eingeschlafen.

Nachtrag

Anzuerkennen sind immerhin die Bemühungen von DFB-Präsident Theo Zwanziger, der das Tabu-Thema Depression mit einem Benefiz-Spiel für Enke am Kochen halten will. Außerdem kritisierte Zwanziger im Interview mit der FAZ erneut den überhöhten Leistungsanspruch im Spitzenfußball: „Und wer Menschen zu Helden ohne Schwächen erheben will, macht sie damit zu Göttern. Aber das geht nicht“, so Zwanziger und erklärte: „Wir haben das Maß verloren.“ Er sei sehr für Leistungsförderung, man benötige Leistung und auch Vorbilder. „Wir müssen zu einer anderen Haltung kommen: Wenn du gut bist, strenge dich an, du kannst besser werden. Aber treibe dich nicht in Höhen, die nicht realistisch sind.“

Mein Skepsis teilt aber Hannovers Mittelfeldspieler Hanno Balitsch, der von Enkes Erkrankung gewußt hat. Spiegel Online schreibt:

„Dass nach dem Tod von Enke ein Umdenken bei Tabuthemen wie Depression oder Homosexualität einsetzt, schließt Balitsch aus. „Ich bin da sehr skeptisch. Es geht im Geschäft Bundesliga und auch in anderen Bereichen des Lebens und der Wirtschaft darum, Leistung abzurufen. Da gesteht man wenig Fehler ein. Ich sehe da keinen Ausweg“, sagte Balitsch.“

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