Nahtoderfahrung der Finanzkrise ist verblasst: “Waste of a crisis”?

by Dirk Elsner on 5. November 2009

Ein Lesehinweis auf den Beitrag Wirtschaften auf Sicht im Blog Zeitenwende. Hansruedi Ramsauer macht da eine Feststellung, die ich teile:

“Die grösste Finanzkrise seit 1929 hat nicht dazu geführt, dass man sich grundsätzliche Fragen gestellt hätte. Statt Change erleben wir ein pragmatisches Weiter so im Sinne derer, die die Krise verursacht haben.

Das kurzfristige Denken der Banken spiegelt sich nun auch im Verhalten der Politik. Deutschland fährt jetzt einen Staatshaushalt auf Sicht und ist damit in guter Gesellschaft. Maastricht-Kriterien sind zu Makulatur geworden. Was gestern noch Gültigkeit besaß, wird heute schonungslos über Bord geworfen. Der Grund ist und bleibt der gleiche, die Welt will Wachstum und da will sich niemand ideologisch in den Weg stellen. Egal ob links oder rechts, für das Schulden machen sind sie alle.”

Und er hat Recht. Viele hoch interessante Beiträge und Vorschläge, die vor einem Jahr in der Aufarbeitung des Lehman-Crashs und in den Monaten danach veröffentlicht und ernsthaft diskutiert wurden, sind mittlerweile wieder in den Schubladen verschwunden. Die Finanzkrise wurde stillschweigend für beendet erklärt und es herrscht der Eindruck, wir gehen zur Tagesordnung über.

Kritik an volkswirtschaftlichen Prognosen? Vergessen. Es wird prognostiziert wie eh und je, und die Prognosen werden von den Medien genauso unkritisch begleitet wie in der Vergangenheit. Regulierungen? Es sind kaum nennenswerte Regulierungsmaßnahmen ausgearbeitet, geschweige denn umgesetzt worden (bürokratische Monster wie das Schuldverschreibungsgesetz bestätigen die Regel). Medien? Bejubeln wie in alten Zeiten die Green shoots und haben die z. T. wohltuende Distanz und Selbstkritik (siehe dazu insbesondere Die Zeit “Zwischen Alarmismus und Aufklärung” sowie Artikelübersicht hier) von vor einem Jahr wieder aufgegeben. Selbst die Finanzinstitute, die sich fast ein Jahr so gut wie gar nicht in die Öffentlichkeit getraut haben, melden sich mittlerweile wieder massiv zu Wort und begehren gegen zu strenge Regulierungsvorschläge auf.

Die Mahner selbst sind müde geworden, wie z. B. die niedrigere Beitragsfrequenz von Zeitenwende zeigt, die er wie folgt begründet:

“In den letzten Wochen ist es hier ruhig geworden, sehr ruhig und das hat auch einen Grund. Mir fehlt zunehmend die Motivation über die ewig gleichen Wellen an der Wasseroberfläche zu schreiben, solange sich am Meeresboden nichts ändert.”

Die herrschende Funktionselite hat ein paar Bauernopfer gebracht, ist aber weitestgehend über Wasser und unter sich geblieben. Direkte und indirekte Opfer der Finanzkrise werden langsam vergessen. Business as usual hat die Wirtschaftspraxis längst wieder erfasst. Vermutlich bis zum nächsten Crash. Danach wird wieder die Frage gestellt werden, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass sich nach den Erfahrungen der Lehman-Pleite in den Jahren 2008 und 2009 so wenig geändert hat.

Aber die Blogwelt scheint nicht allein in ihrer Wahrnehmung zu sein, es passiere nichts. So hat der Chef des staatlichen Banken-Rettungsfonds Soffin, Hannes Rehm, vor einer Ausweitung der Finanzkrise auf Gesellschaft und Politik gewarnt. Die FAZ zitierte ihn:

„Wir müssen verhindern, dass die ökonomische Krise zu einer Krise der gesellschaftlichen Institutionen und der politischen Ordnung wird“, sagte Rehm bei einem Vortrag in der Handelskammer Hamburg. „Wenn wir nicht Lehren und Konsequenzen aus der Krise ziehen, dann ist es eine vertane Krise.“ Dazu zählte der Soffin-Chef die Beseitigung regulierungsfreier Bereiche in der Bankwirtschaft, ohne aber eine generell höhere Regulierungsdichte anzustreben.

Trotz dieser Anmerkung, die ja genau genommen nicht aus der Bankwelt stammt, sondern vom Vertreter einer staatlichen Institution, wird immer deutlicher, dass nun das einzutreten scheint, vor dem Obama-Berater Rahm Emanuel frühzeitig davor gewarnt hat: “Don’t waste a crisis.“ (hier zum Video).

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