Premiere? Kritik eines Manager an Bonipraxis

by Dirk Elsner on 21. November 2009

Es ist so selten, dass sich ein deutscher Manager kritisch zu Vergütungspraxis für Manager äußert, dass dies hier einmal herausgehoben werden soll. In einem Interview des Handelsblatts sagte Klaus-Peter Müller, der Ex-Chef der Commerzbank und Vorsitzende der Regierungskommission Corporate Governance Kodex, räumt Müller u.a. selbstkritisch ein,

“dass das Schweigen deutscher Manager zu Fehlentwicklungen im eigenen Lande "den Eindruck schweigender Zustimmung" erweckt haben könnte. Abwerbeprämien oder Goldene Fallschirme für gefeuerte Manager zeugten von Söldnermentalität. Auch den Ex-Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick kritisiert Müller. "Die Garantie eines Vorstandsgehalts durch einen Großaktionär ist nicht akzeptabel", sagte Müller weiter. Die Gefahr, dass dieser Manager dann in eine zu große Abhängigkeit von einem Aktionär gerate, sei hoch.”

Freilich stellt er dieser Kritik zunächst den Schutz für die deutsche Top-Etagen voran. Angesprochen auf die wahrgenommene Handlungsmaximen von Managern antwortet er:

“Ein erschütterndes Ergebnis vor allem deshalb, weil dieses Bild von Managern nicht der Wirklichkeit entspricht. Es gibt etwa 1 500 Top-Führungskräfte in der deutschen Wirtschaft. Das sind doch nicht plötzlich alles verantwortungslose Gesellen. Deshalb stelle ich die Frage, wie es zu einem so verzerrten Meinungsbild kommen kann?”

Man möchte Herrn Müller auf seine Frage zum verzerrten Meinungsbild antworten, weil alle außer dem Topmanagement nicht intellektuell in der Lage sind, die “herausragenden Leistungen” vieler Manager wirklich zu würdigen und uns die Medien mit einseitigen Informationen versorgen. Weil Medien und das gemeine Volk die wirkliche Leistungsfähigkeit ohnehin nicht einschätzen können, wird auch möglichst wenig informiert über die Aktivitäten in Vorständen und Aufsichtsräten.

Immerhin, Müller verlangt von den Vorständen und Aufsichtsräten, zu beweisen, dass die pauschalen Urteil falsch sind.

Frank Wiebe hat übrigens im Handelsblatt die Frage gestellt, Wieso ist es eigentlich so schlimm, wenn ein Bankmanager einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr verdient? Seine Antwort:

“Wenn einzelne Leute mehr Geld einstreichen, als mit normalen Maßstäben nachvollziehbar ist, dann machen sie das System unglaubwürdig, dem sie dieses Geld verdanken. … Jede Gesellschaft braucht ein doppeltes Fundament. Einmal muss sie funktionieren. Und zum anderen muss sie zumindest den Eindruck erwecken, dass es einigermaßen gerecht zugeht. ….

Aber was verbürgt in diesem System die – reale oder scheinbare – Gerechtigkeit? Diesen Part übernimmt das Leistungsprinzip: Wer viel leistet, verdient viel, und wer viel verdient, hat irgendwann ein Vermögen (die Erben haben einfach Glück gehabt, sei es ihnen gegönnt). Jeder weiß, dass es viele Beispiele gibt, wo Leistung und Verdienst zusammenfallen, aber auch fast genauso viele, wo das nicht der Fall ist. Doch so lange wir gut leben und die Gegenbeispiele nicht zu sehr ins Auge stechen, löst das nur gelegentliches Gegrummel aus: Man beklagt zwar Gerechtigkeitslücken, stellt aber die Grundlagen der Gesellschaft nicht infrage.

Exzessive Bezüge einzelner Manager und eine immer weiter auseinanderklaffende Gehaltsschere sprechen aber dem Leistungsprinzip hohn – und unterhöhlen damit eines der beiden Fundamente des Kapitalismus. Diejenigen, die am meisten von dem System profitieren, sollten hin und wieder darüber nachdenken, statt nur auf die Kurse zu starren.

Und Hans Nagle fordert ebenfalls im Handelsblatt eine staatliche Regulierung der Bonus-Exzesse. Er schreibt dazu u.a.:

“Die Top-Banken befinden sich in einem Gefangenen-Dilemma. Alle wissen, dass die Gehaltsexzesse jeglicher Legitimation entbehren. Doch keiner traut sich, das einseitig zu ändern – zu groß ist die Angst, die "Regenmacher" im Investment-Banking an die Konkurrenz zu verlieren. Unter dem Strich entstehen Umverteilungsmaschinen zugunsten eines kleinen Zirkels Privilegierter. Es wird Zeit, dass die Gesetzgeber weltweit dem Ganzen ein Ende bereiten.”

Auf Spiegel Online hat der Philosoph Klaus Kornwachs unter dem Titel “Die Krux der Belohnungssysteme” ein sehr lesenswertes Essay verfasst. Die ist der nach meiner Auffassung bisher beste Beitrag zur Bonusdebatte. Ich reiße mal ein paar Sätze aus dem Text:

“Ein Belohnungssystem bringt die Antworten auf die Frage: "Wer wird durch wen mit was wofür belohnt?" in eine Beziehung zueinander. Diese Beziehungen scheinen verschoben. …

Die Diskussion um die Boni in der Finanzwirtschaft hat zwar schlagartig die seltsamen und undurchsichtigen Usancen dieser Branche zum öffentlichen Thema gemacht. Die Boni sind aber nicht die Ursache der Krise, sondern lediglich ihr Geschwindigkeitsanzeiger. Die Gehälter und Boni der Manager und Banker eignen sich zwar zum wohlfeilen neidischen Diskurs, aber sie stellen als monetäre Seite unserer Belohnungssysteme lediglich die sichtbare Materie der wirtschaftlichen Welt dar.

Wer belohnen kann, hat massiven Einfluss auf den Empfänger der Belohnung. Wenn aber Lohn, Gehalt und Prämien nicht alles sind – was dann? Ein kleiner Ausflug in die Psychologie der Belohnung lehrt, dass das Ich und seine Weisen der Belohnung anders strukturiert sind als die Idee des geldlichen Ausgleichs – Anerkennung, Selbstwert und Selbstachtung schlagen Geldangebote um Längen. Solche Belohnungen sind affektbeladen – das wusste schon Spinoza in seiner Ethik und benannte bereits 48 solcher Affekte.”

Kornwachs bietet noch viel mehr zitierenswürdige Sätze. Ich fürchte nur, ich würde das Kurzzitatrecht damit überstrapazieren.

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