Blasenbildung und Herdenverhalten beim Gold?

by Dirk Elsner on 25. November 2009

Gold

Foto: Flickr/Daniel Brunner

Mir geht der Hype um den Goldpreis auf mein Bergwerk. Täglich werden neue Rekordhochs in US$ vermeldet. Und es war klar, dass nun Prognosen auftauchen, die weitere Rekorde versprechen. Ausgerechnet der sonst seriöse Dienst Breaking View argumentiert und rechnet vor, wie der Goldpreis 5.000 US$ erreichen könnte (Artikel als paid content hier). Der britische Telegraph und Alphaville zitieren aus einer Prognose der Société Générale, die 6.300 US$ bietet. Da muten die 1.500 US$, die die Bank Of America bietet (siehe dazu Zero Hedge), sehr bescheiden an. Meist weisen die euphorischen Prognosen keine langen Halbwertzeiten auf, sorgen aber für jede Menge Aufmerksamkeit.

Ich will hier aber weder die Argumentation der “Analysten” widerlegen noch bestätigen. Ein kleines Plädoyer für die Blasentheorie bei Gold hält ein Gastbeitrag in Weissgarnix: Goldige Zeiten!. Skeptisch auch Zero Hedge in Gold – The Other View.

Mich erinnert der Hype um das Gold wieder an das typische Herdenverhalten. Viele Investoren haben scheinbar gleichzeitig einen Anreiz, in einen bestimmten Markt zu investieren und schaukeln sich gegenseitig hoch. Verstärkt wird dies durch eine ausgeprägte Berichterstattung (z.B. gestern auf der Homepage der FTD: Inflationsangst lässt Hedge-Fonds Gold horten) und Analysen (Argumente hier bei Zeitenwende und egghat), die die Investoren bestätigen. Beim Herdenverhalten kommt es zu starken Preisschwankungen, weil die Investoren, gleich einer Herde, einander folgen und dann alle in eine Anlagemöglichkeit hinein oder aus ihr heraus gehen. Christian Hott schreibt in seiner Dissertation (pdf) zum Herdenverhalten: “Hier richten die Anleger ihre Entscheidungen nach den Entscheidungen der anderen Anleger.” So kann der einzige Grund für Käufe einer Finanzanlage darin liegen, dass ihr Preis steigt.

Meines Wissens gibt es keine allgemein akzeptierte “Blasentheorie”, man kann sich aber behelfen mit Robert Shillers “Irrationalem Überschwang”:

Informationsmedien als Verstärker

Shiller nennt als eine Zutat für die Blasenbildung die Informationsmedien, die mit ihrer ausgeweiteten Berichterstattung wie ein Blasebalg eine Kursblase weiter nähren. Konkret schreibt er (S.89 f.):

“Die Informationsmedien stehen in ständigem Wettbewerb, sie müssen, um zu überleben, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen. Überleben heißt interessante Neuigkeiten finden und definieren, Nachrichten inszenieren, die sich die Menschen untereinander weitererzählen (um das Publikum zu erweitern), und wo immer möglich über fortlaufende Ereignisse berichteten, um die Leser (Hörer, Zuschauer) bei der Stange zu halten.”

Shiller macht außerdem psychologische Faktoren für die Blasenbildung aus und bedient sich dabei der Ideen der “Behavioral Finance”, einer vergleichsweisen jungen ökonomischen Disziplin, die Anleger nicht allein als rational handelnde Menschen betrachtet, sondern als anfällig für vielfältige psychologischer Fallen sieht. Neue Technologien, Selbstüberschätzung, Herdentrieb, die Anfälligkeit der Menschen für gut erzählte, plausible Geschichten wie die der Neuen Ökonomie – das alles führe in Zusammenhang mit strukturellen und kulturellen Faktoren zu einer sich selbst verstärkenden Hausse. Gute Geschichte zum Gold werden auch jetzt erzählt (siehe den Artikel von Breaking Views).

Rationalisierung des Überschwangs

Viele werden sich noch an die Internetblase Ende der 90er Jahre des letzten Jahrtausends erinnern. Damals wurden dot.com-Aktien zu aberwitzigen Kursen gehandelt. Noch aberwitziger waren die Begründungen, die damals geliefert wurden. Ich erinnere mich noch, wie viele “Experten” ihrem Publikum damals weismachen wollten, dass man jetzt auf andere Bewertungsfaktoren schauen sollte, wie den Marktwert pro Kunde.

Die damaligen Erklärungen dienten allein der Rechtfertigung des hohen Preisniveaus, rational erklärt haben sie die 2000 geplatzte Hausse genau so wenig, wie diejenigen, die den starken Anstieg der Immobilienpreise in den USA bis vor zwei Jahren plausibel darstellen wollten.

Was macht man nun mit diesen Aussagen? Was sagt Robert Shiller selbst? In einem Interview mit dem Handelsblatt äußerte er sich wie folgt:

“Gold hat das Zeug zur besten oder schlechtesten Anlage. Es wird auf jeden Fall volatil sein.”

Und was nun tun?

Der Zufallsanarchist Nassim Nikolas Taleb würde wahrscheinlich sagen, er wisse nicht, wie Gold sich entwickele. Aber wenn man mit einem Schwarzen Schwan beim Goldpreis rechnet, dann sollte man Puts kaufen, die weit aus dem Geld sind. Mal schauen, ich habe jetzt mal vergleichsweise willkürlich einen Put der Commerzbank herausgesucht (ISIN DE000CB73VR6), Basispreis 600 USD, Fälligkeit 4.12.2012. Preis gestern an der EUWAX 1,22. Bitte dies nicht als Anlageempfehlung missverstehen. Wer Taleb gelesen hat, der weiß, dass Taleb oft über Jahre solche Strategien verfolgt bis sie irgendwann einen hohen Gewinn versprechen. Bis dahin kumulieren sich viele Verluste.

Aktuelle Marktberichte zum Goldhype und den Rohstoffmärkten

Focus: Gold bricht immer neue Rekorde

HB: Lithium-Fieber: Kampf um den Rohstoff der Zukunft

Wiwo: Wie die Rohstoffklemme zehntausende Jobs gefährdet

HB: Rohstoffe und Edelmetalle: Goldpreis setzt seine Rally fort

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