Das verlorene Jahrzehnt: Wider dem Bauchgefühl bei Managemententscheidungen

by Dirk Elsner on 11. Februar 2010

In dem Beitrag “Das verlorene Jahrzehnt: Die große Null der Wirtschaft” geht es darum, warum die westliche Wirtschaft im letzten Jahrzehnt so schlecht wie noch nie abgeschnitten hat. Darin habe ich mich insbesondere darüber gewundert, dass gerade in den letzten 10 Jahren so viele Fachleute wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte ihren Rat verbreitet haben, wie alles besser zu machen ist. Noch nie war wissenschaftlich gesichertes Wissen über Organisationen, Methoden und Technologien so einfach und schnell verfügbar wie in der vergangen Dekade. Ohne Beispiel ist es, wie wir durch Informationstechnik weltweit gute und schlechte Erfahrungen über Geschäftsmodelle austauschen konnten. Und dennoch hat die Wirtschaft gemessen an verschiedenen Indikatoren so schlecht wie noch nie abgeschnitten.

In der Mindmap “Das verlorene Jahrzehnt” hat der Blick Log eine Sammlung begonnen über mögliche Ursachen des “Wirtschaftsversagens”. Ein möglicher Grund könnte in zu vielen Bauchentscheidungen gelegen haben. Verschiedene Forscher plädieren nämlich verstärkt für eine evidenzbasiertes Management in der Praxis. Was das ist und über erste Versuche in der Praxis, darüber schreibt Florian Paulus Meyer im Handelsblatt unter dem Titel: “Wenn das Bauchgefühl versagt”:

“Professionelle Entscheidungen in der Wirtschaft seien viel zu lange abhängig gewesen von persönlichen Präferenzen und unsystematischer Erfahrung, lautet der Kerngedanke des evidenzbasierten Managements, kurz EbM. Führungskräfte sollten dem Konzept nach ihre Entscheidungen stärker auf eine feste, wissenschaftliche Basis stellen, als sich an Meinungen zu orientieren oder nach dem Bauchgefühl zu handeln.

Entscheidungen, mit denen Manager aus einer Eingebung heraus Probleme zu lösen wussten, sollen jetzt wissenschaftlich systematisch unterfüttert werden: Führt ein Firmenzusammenschluss wirklich zu den geplanten Einsparungen im Personal? Nach welchen Methoden wählt man die besten Bewerber für eine Führungsposition aus? Und hat die Mitarbeiterschulung wirklich den gewünschten Lernerfolg erzielt? Auf all diese Fragen sollen evidenzgestützte Analysen Antworten liefern, die belast- und beweisbar sind.

EbM ist der bewusste Gebrauch bestmöglicher wissenschaftlicher Methoden und Befunde, um Managemententscheidungen zu treffen, schreibt die renommierte Psychologin und Organisationsforscherin Denise Rousseau von der Carnegie Mellon University im Magazin der Academy of Management. Manager sollten unternehmerische Entscheidungen gewissenhaft und ausdrücklich vernunftgesteuert treffen, und zwar auf Basis von Informationen, die entweder direkt von Firmen oder von „best practices“ aus der Wissenschaft gewonnen werden.

Psychologin und Organisationsforscherin Denise Rousseau von der Carnegie Mellon University im Magazin der Academy of Management. Manager sollten unternehmerische Entscheidungen gewissenhaft und ausdrücklich vernunftgesteuert treffen, und zwar auf Basis von Informationen, die entweder direkt von Firmen oder von „best practices“ aus der Wissenschaft gewonnen werden.”

Ob dieses Verfahren tatsächlich persönliches Wissen, Erfahrungen und Intuition ersetzen kann, zweifele ich persönlich stark an, denn eine zentrale Frage wird sein, welches Wissen angewendet werden soll. Wissenschaftliches Managementwissen hat insbesondere in den letzten Jahren erhebliche Kratzer abbekommen (siehe dazu Managementmoden, Halo-Effekte und Seifenblasen der Management-Ratgeber). Außerdem wird offensichtlich ein mechanischer Zusammenhang zwischen Managementliteratur und Praxisproblem angenommen. Wie beim Arzt, soll nach der Diagnose A die Therapie Z angewendet werden können. Dabei blendet die Managementliteratur zwangsläufig viele spezifische Probleme in der Praxis aus.

Dennoch, vielleicht muss man der Methode eine Chance geben. So erfährt man, dass an der Uni Mainz derzeit eine großangelegte Studie läuft, die herausfinden soll, ob Managemententscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse wirklich besser sind als Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Mit Ergebnissen ist allerdings erst in zwei Jahren zu rechnen.

Nach meiner Erfahrung ist und bleibt es sinnvoll, für manche Managemententscheidungen sich entsprechende Theorieunterstützung zu suchen, jedoch nur als Entscheidungshilfe. Ausschließlich theoriegestützte Entscheidung zu treffen, ist weder ratsam, noch wird das der Verantwortung eines Entscheidungsträgers gerecht.

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