Neuausrichtung der Banken bleibt im Dunkeln: Schüsse gegen 2.0-Aufsteiger

by Dirk Elsner on 15. März 2010

Seit Monaten fragen sich auch banknahe Beobachter sowie Anleger, wie sich Finanzinstitute auf die durch die Finanzkrise gestellten Herausforderungen ausrichten wollen (siehe dazu z.B. Auf der Suche nach neuen Wertschöpfungsstrukturen). Zur Neuausrichtung der ING-DiBa hat das Online Magazin Telepolis in der vergangenen Woche eines interessantes Interview mit dem Vorstandsvorsitzender Ben Tellings veröffentlicht. Die Aussagen Tellings bestätigen die gefühlte Skepsis, dass von einem echten Neuanfang nicht die Rede sein kann:

“Ankündigungen, transparentere Produkte und bessere Beratung anzubieten, hört man derzeit von vielen Banken. Ob den Worten Taten folgen werden, bleibt abzuwarten. Ich bin da skeptisch. Sollte die Branche keine Konsequenzen ziehen, helfen wohl nur gesetzliche Regelungen.”

Auch dem Banking 2.0 erklärt Telling eine deutliche Absage:

“Wenn Sie wollen, können Sie bei Facebook Fan der ING-DiBa werden. Ansonsten haben Sie aber Recht, dass wir im Web 2.0 nur sehr zurückhaltend agieren. Zum einen, weil abzuwarten bleibt, was wirklich von Dauer ist. Zum anderen, weil ein Großteil der Kunden in sozialen Netzwerken zwar ihre Freundschaften, nicht aber ihre Finanzen pflegen will. Was wir ganz klar beobachten ist, dass immer mehr Kunden immer mehr Aufträge über das Internet erteilen.”

Ohne Not und überraschend schießt Tellings dann aber auf die Institute, die sich einen Neuanfang trauen, wie Smava oder Fidor:

“Die Privatkredit-Börsen werden in ihrer Nische sicherlich Erfolg haben, aber eine Randerscheinung bleiben. Denn wer in diesem Markt als Anleger aktiv werden will, muss sich über den spekulativen Charakter des Investments im Klaren sein. Wer bereit ist, über Online-Kreditplattformen 15 Prozent oder noch mehr Jahreszins zu bezahlen, wird nicht selten von seiner Hausbank mangels Kreditwürdigkeit schon eine Ablehnung seines Kreditantrags erhalten haben.”

Nun ist heute tatsächlich nicht klar, wie sich die neuen Institute auf Dauer entwickeln werden. Dennoch spricht aus solchen Aussagen große Unkenntnis und eine gehörige Portion Arroganz des Establishments. Lothar Lochmaier, der das Interview führte, holte in seinem Blog ergänzende Aussagen von Matthias Kröner, Geschäftsführer der Fidor Bank AG, sowie von Alexander Artopé, Geschäftsführer von Smava ein:

Artope: Klar ist, dass smava gegenwärtig hinsichtlich der Volumina noch nicht mit einer größeren Bank gleichzusetzen ist. Dennoch sind wir zuversichtlich, dass smava für jeden Kreditnehmer in Deutschland eine Alternative zum klassischen Bankkredit sein wird. Zwei Dinge sprechen dafür: immer mehr Menschen nehmen online einen Kredit auf. Und immer mehr Menschen interessieren sich dafür, mit WEM und WIE sie ihre Geldgeschäfte tätigen. Dabei gewinnen Angebote wie smava oder Fidor, weil sie Selbstbestimmung und Transparenz ermöglichen.

Sind soziale Kreditbörsen (Zinswucher) bzw. Community Banking (spekulative Investments) tatsächlich nur was für Kunden, die woanders wie bei der Hausbank nicht zum Zuge kommen, also letztlich für unseriöse Leute?

Artope: smava wird auf den ersten Blick manchmal mit einer Plattform verwechselt, die nur Kreditnehmern schlechter Bonität ein Angebot bietet. Das ist mitnichten der Fall. Wer ist denn bei smava? Erstens alle Personen mit guter und mittlerer Bonität, die einen einfachen Online-Kredit wollen. Zweitens Kreditnehmer, die bei Banken häufig durch die klassischen Zielgruppenraster fallen. Hier sind insbesondere Selbständige zu nennen. Drittens Leute, die Geldgeschäfte gerne direkt, transparent und selbstbestimmt tätigen. Die Fakten bestätigen dies: im Februar 2010 war der effektive Durchschnittszins bei smava rund 9,1%, d.h. 7,8% nominal (60 Monate Laufzeit).

Oder anders gefragt: Verändert sich auch die Welt des Online- und Mobile Bankings durch Community Banking und Social Lending?

Artope: Ja, mit Sicherheit.Social Lending wird häufig auf Anbieter wie Kiva, smava oder ZOPA bezogen, obwohl diese sehr unterschiedlich sind. Was sind die Gemeinsamkeiten? Transparenz und Selbstbestimmung. Konkret: in beiden Modellen treten Kreditnehmern nicht als Bittsteller auf, sondern sind gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe. Ebenso können Anleger selbst transparent entscheiden, wem sie ihr Geld geben und wofür. Was sind die Unterschiede? Kiva ist non-profit, smava und ZOPA sind for-profit. „Sozial“ nennt man for-Profit Modelle wie smava aber auch, weil sie zusätzlich zur finanziellen Rendite eine soziale Rendite bieten. Konkret unterstützt man andere Menschen bei der Umsetzung eines Projektes. Häufig sogar Themen, die einem selbst wichtig sind. Teilweise gibt es dazu noch ein persönliches Dankeschön vom Kreditnehmer. Da dies immer mehr Menschen wichtig ist, wird selbst im for-profit Bereich Social Lending eine immer größere Rolle spielen.

Kroener: Es mag ein Teil der Wahrheit sein, dass diese spezifischen Kunden bei einer Bank kein Geld bekommen. Manches mal aus nachvollziehbaren Gründen. Manches Mal aus weniger nachvollziehbaren Gründen – was wiederum eine Diskussion für sich wäre. Es wird der Sache jedoch nicht gerecht, eine derartige Innovation rein auf das Produkt-faktische und die Diskussion der Kreditwürdigkeit zu reduzieren.

Vielmehr steckt auch eine Verhaltensveränderung dahinter. Es gibt Menschen in unserem Land, die einfach nicht mehr mit einer Bank reden wollen, aus vielerlei Gründen. Man braucht hierzu nur einen Blick in die Medien werfen.

Die Aufgabe von Finanzdienstleistern ist es, das Vertrauen der Bürger wieder zurück zu gewinnen. Über welchen Weg dies nun geht, ist ja jedem Konzept selbst überlassen. Manche Konzepte, wie eben SMAVA und FIDOR haben sich für Transparenz und Kundenintegration entschieden.

Abgesehen davon wage ich folgende These aufzustellen: Ich sehe es eigentlich in der Verantwortung eines Finanzdienstleisters, sich Gedanken zu Produkten und Dienstleistungen zu machen, die auch und vor allen Dingen finanzschwächere Kundengruppen ansprechen, Da wäre mal Innovation gefragt -. Statt nur zu sagen: Ist nichts, machen wir nicht, haben wir noch nie gemacht.

Sind soziale Kreditbörsen (Zinswucher) bzw. Community Banking (spekulative Investments) tatsächlich nur was für Kunden, die woanders wie bei der Hausbank nicht zum Zuge kommen, also letztlich für unseriöse Leute?

Kroener: Das ist natürlich eine starke Verkürzung des faktisch Geschehenden und läßt ahnen, wie weit die Banken vom web 2.0 und damit vom Kunden weg sind. Es erinnert mich sehr stark an die Aussagen eines Frankfurer Privatkundenvorstands, als wir 1994 die DAB gegründet haben: „Dafür ist der deutsche Kunde nicht reif“. Ich denke, das sollte man auch den Kunden selbst überlassen. Und dann sollte man uns z.b. die Zeit geben, die Vision, die Idee erst einmal vernünftig umzusetzen und in den Markt zu bringen.

Aus Sicht der FIDOR BANK kann ich sagen, dass gegenwärtig vielleicht 10% von dem sichtbar sind, was wir uns als „finales“ Bild einer FIDOR BANK selbst skizziert haben. Und diese Skizze wird immer größer, denn nun diskutieren unsere User und Kunden mit! Und diese Leute haben Lust darauf, Finanzdienstleistung mitzugestalten. Ob das ein Zeichnen einer schlechten Kreditwürdigkeit ist, wage ich zu bezweifeln.

Rollt jetzt eine neue Innovationswelle auch über die reinen Internet-Dienstleister (Online Banking) hinweg, die keinen Mehrwert in der interaktiven Kundenkommunikation und -betreuung bieten?

Kroener: Nein auf keinen Fall. Ich kann allen Entscheidungsträgern nur empfehlen, unbedingt bei den bisherigen Ansätzen zu bleiben.

Oder anders gefragt: Verändert sich auch die Welt des Online- und Mobile Bankings durch Community Banking und Social Lending?

Kroener: Nun, mir wurde einmal mitgeteilt, dass 2/3 des Internet Contents mittlerweile user created sind –  auf das gesamte Internet bezogen. Im Rahmen der Finanzdienstleistung sind es keine 5%. Was fällt uns daran auf? Nachdem Amazon-Kunden auch Bankkunden sind, nachdem Holiday-Check-User auch Bankkunden sind, nachdem Ebay-Nutzer auch (noch) Bankkunden sind, nachdem Facebook User auch (noch) Bankkunden sind, nachdem wir das alles wissen, was macht uns als Banker so hoffnungsfroh, dass web 2.0 und all seine Konsequenzen die Finanzdienstleistung „verschonen“ wird? Was läßt uns glauben, dass der User, der auf allen anderen Internet-Angeboten und Seiten gewisse (web 2.0) Verhaltensweisen ausübt, diese Verhaltensweisen an der Tür zu seiner Bank ablegt und sich ausgerechnet dort ad infinitum mit einem „gestrigen“ Kommunikationsansatz zufrieden gibt?

Die Aussagen Tellings bestätigen im Prinzip das, was der Blick Log bereits zum “schwerfälligen Weg der Banken in das 2.0-Zeitalter” zusammengefasst hatte (Teil 1, Teil 2). Darin hatte ich auch ausgeführt, warum die Unbeweglichkeit vieler Institute nicht überraschend ist. Gleichwohl bleiben mir die Worte des für das Privatkundengeschäft zuständige Vorstandsmitglied der Sparkasse Hannover, Axel Dankert, in Erinnerung. Er hatte den anwesenden Vertretern der Sparkassen einen Tipp gebe: “Gehen Sie hier einmal durch die Hallen der CeBIT und lassen sich ein wenig treiben. Bleiben Sie dann dort stehen, wo es voll ist und sich viele junge Leute aufhalten. Schauen Sie, wofür die sich interessieren und überlegen dann, was das für Ihr Geschäft bedeutet.”

Nachtrag

Boris Janek kommentiert auf Finance 2.0 ebenfalls das Interview mit Tellings und stellt eine Liste interessanter Gedanken auf, die ihm bei Lektüre des Interview gekommen sind.

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