John Paulson: Der Schlüssel zu den Schieflagen von AIG, IKB und mehr?

by Dirk Elsner on 21. April 2010

image Die Berichterstattung um die Betrugsanzeige der SEC gegen Goldman Sachs legt (wie schon der Valukas-Bericht über Lehman) interessante Details zur Mikropolitik auf den Finanzmärkten und zur Erklärung einiger Ereignisse offen. Und diese Details führen über John Paulson und seiner Investmentfirma Paulson & Co. Inc.

Paulson steht nicht das erste Mal im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Bereits im November 2008 trug er in einem US-Untersuchungsausschuss gemeinsam mit vier weiteren Hedge-Fonds-“Legenden” seine Sichtweise der Finanzkrise vor (siehe dazu den damaligen Bericht im Blick Log incl. Video). Die New Yorker Firma Paulson & Co. Inc. investiert in sogenannte “event-driven strategies”, setzt also auf bestimmte Marktereignisse und versucht von der richtigen Vorhersage zu profitieren.

Zu den Kapitalanlegern gehören Pensionsfonds, Stiftungen, Banken, Versicherungsgesellschaften, Family-Offices und sehr vermögenden Einzelpersonen in den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt. Die Gesellschaft achtet dabei darauf, dass nur „qualifizierte Käufer“ investieren mit mindestens 5 Mio. US$ investierbarem Vermögen (Institutionen mit mindestens 25 Mio.$). Diese und viele weitere Details (auch zu den Provisionsvereinbarungen) sind dem Statement von John Paulson vor dem oben erwähnten Untersuchungsausschuss zu entnehmen (hier als pdf downloadbar).

Diesem Papier ist ebenfalls zu entnehmen, dass Paulson ab 2005 besorgt war wegen der Entwicklung am Markt für Immobilienfinanzierungen. Um damit Geld zu verdienen setzt er auf die Strategie “nackte” Credit Default Swaps zu erwerben, die an Wert gewinnen, wenn die damit normalerweise abzusichernden Kredite an Wert verlieren. Grundsätzlich sollen sie dem Kreditgeber als Absicherungsinstrument gegen Kreditausfälle bzw. verschlechterte Bonität dienen. Paulson setzte sie quasi als Short-Strategie ein, um gegen die Übertreibungen des Kreditmarktes zu spekulieren, eine wie wir heute wissen sehr weise Entscheidung. Die weiteren Details beschreibt das Handelsblatt:

“Paulson aber setzt einen Hedge-Fonds namens Credit Opportunities Fund auf, der ausschließlich auf einen bevorstehenden Kollaps im Häusermarkt wettet. Als seine ersten Investments im Minus liegen, erhöht er den Einsatz. Ein zweiter Fonds wird aufgelegt. Die ersten Probleme im Immobiliensektor werden bekannt, der Subprime-Spezialist New Century Financial weist einen Quartalsverlust aus und muss frühere Ergebnisse nach unten korrigieren. Paulsons Durchbruch kommt, als Mitte 2007 zwei Bear Stearns-Fonds kollabieren – ausgerechnet in jenem Wall Street-Haus, in dem die Karriere des heute 54-jährigen Harvard-Absolventen begann. Die New Yorker Investmentbank hat sich im Häuser-Boom zu viele riskante Subprime-Hypotheken aufgeladen und löst mit ihrem Debakel eine Welle der Angst unter Investoren aus. Die Herde ändert ihre Richtung und steigt plötzlich da ein, wo sich Paulson längst billig eingekauft hat: in Wertpapieren, die im Falle eines Immobilien-Crashs profitieren. Paulson hat „Hase und Igel“ gespielt und das Spiel gewonnen: 2007 kommt der Credit Opportunities Fund auf ein Plus von 590 Prozent, der zweite Fonds macht seine Investoren um 350 Prozent reicher. Für Paulson persönlich springen 3,7 Mrd. Dollar in 2007 und weitere zwei Mrd. Dollar in 2008 heraus – Weltrekord.”

Den “Versicherungsschutz” für Paulsons naked-CDS lieferte u.a. AIG (jedoch nicht für den speziell von der SEC betrachteten Abacus-Fall), die bekanntlich im September 2008 ebenfalls mit Steuergeldern gerettet werden mussten. Offenbar reichten Paulson aber die anfänglichen CDS-Wetten nicht, mit denen er zudem 2005 auch noch Verluste erzielte, und beauftragte Goldman Sachs künstliche CDOs zu kreieren, auf deren Wertverfall Paulson dann wetten konnte. Goldman Sachs hat das intellektuelle Know how und vor allem die Geschäftsverbindungen, um solche komplexen Instrumente zusammen zu stellen und zu vertreiben. So entstand u.a. auch der mittlerweile berühmte Abacus 2007-AC1 (Funktionsweise hier und die Vertriebsdetails hier).

Übrigens hat nicht nur Goldman Sachs mit Paulson solche Geschäfte zusammen erarbeitet, sondern auch die Deutsche Bank, wie das Wall Street Journal berichtete, was auch den starken Kurverfall der Aktie am vergangenen Freitag erklärt. Zwischen 2004 und 2007 arrangierte Goldman ungefähr zwei Dutzend ähnlicher Geschäfte, berichtet das WSJ unter Bezug auf Rating-Daten. AIG soll für 6 Mrd. US$ Credit Default Swaps zur Absicherung geschrieben haben.

Für Goldman Sachs und Paulson war es zur Vollendung des Geschäfts notwendig, dass der Abacus-CDO an Investoren weitergereicht werden kann. Einer dieser Investoren war bekanntlich die IKB, die bereits im Spätsommer 2007 durch den Staat gerettet werden musste. Ein anderer großer Verlierer war ACA Capital Ltd., ein Bondversicherer, der Ende 2007 implodierte und für deren Risiken die ABN Amro Bank NV eintrat. ABN Amro wiederum wurde später von der Royal Bank of Scottland übernommen, die wiederum 840,9 Mio. US$ an Goldman zahlten, um den Vertrag abzuwickeln. Goldman zahlte den größten Teil dieses Geldes an Paulson für die naked-CDS, die nun fällig waren. Auch von den Steuergeldern, mit denen die AIG-Verpflichtungen erfüllt wurden, floss bekanntlich ein nennenswerter Betrag (2 Mrd. US$) an Goldman, die davon wiederum Paulson bezahlten.

Paulson war damit indirekt einer der Nutznießer der staatlichen Rettungsmaßnahmen. Gleichwohl darf man ihm aus seiner Strategie keinen Vorwurf machen. Er hat frühzeitig vor den Übertreibungen gewarnt und mit einer intelligenten “Shortposition” davon profitieren wollen, dass seine Markterwartung eintrifft. Auch wenn das einigen Marktbeobachtern nicht schmecken wird, das ist vollkommen legitim und gehört zum Tagesgeschäft der Finanzmärkte und unserer Wirtschaftsordnung (übrigens auch der Realwirtschaft). Paulson hat gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Paolo Pellegrini einen Big Point gemacht.

So ist zwar Paulson ein Schlüssel zu den Schieflagen bei der IKB und AIG. Der Grund für deren Beinahepleiten liegt aber darin, dass sie auf eine falsche Marktentwicklung gesetzt und ihr Risiko nicht angemessen begrenzt haben. Ob sie sich anders verhalten hätten, wenn sie gewusst hätten, dass Paulson in welcher Form auch immer an der Gestaltung des Abacus-CDO beteiligt gewesen war, darf durchaus bezweifelt werden.

Und Paulson war nicht der einzige “Gewinner”. In dem Buch: „The Big Short“ erzählt Michael Lewis die Geschichte von Steve Eisman. Eismann hat ab 2004 einen Hedgefonds für Morgan Stanley verantwortet und setzte ebenfalls darauf, dass der Immobilienmarkt den Bach runtergehen würde. Als die Blase 2007 platzte, wurden aus 700 Mio. US$ Einsatz 1,5 Mrd. US$ (siehe Welt: Eine Handvoll Banker sah die Krise vor Jahren kommen). Pikanterweise managte Morgan Stanley auch den Immobilienfonds MSREF VI, der vergangenen Woche durch Buchverluste in Höhe von 5,4 Mrd. US$ Schlagzeilen machte.

Die Aktivitäten von Paulson hat Gregory Zuckerman übrigens in seinem Buch “The Greatest Trade Ever: The Behind-The-Scenes Story of How John Paulson Defied Wall Street and Made Financial History” beschrieben. Einen Auszug hat das Wall Street Journal am vergangenen Freitag hier auf seine Webseite gestellt.

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