Ein Jahr nach Robert Enkes Tod ist der aktionistische Pathos der Leistungsgesellschaft verblasst

by Dirk Elsner on 15. November 2010

Heute vor einem Jahr fand in Hannover die bewegende Trauerfeier für Robert Enke statt. Der Torhüter von Hannover 96 hatte sich das Leben genommen. Viele Menschen sprachen auf seiner Trauerfeier große Worte, um Ihre Erschütterung und Trauer auszudrücken. Enke hat diese Anteilnahme verdient. Erst Recht galt dies für seine Witwe Teresa Enke, die in beispielloser Weise die Öffentlichkeit mit ihrem Auftritt beeindruckte. Allein ihres Mutes wegen hätte man sich gewünscht, dass einige der von ihr losgetretenen Gedanken ein längere Halbwertzeit besitzen. Ich war schon im vergangenen Jahr nicht besonders optimistisch, ob sich dieser Geist bewahren lässt.

Zunächst eine kleine Auswahl der damals geäußerten Gedanken

Theo Zwanziger

“Wir sind alle aufgerufen, unser Leben wieder zu gestalten. Kein überbordender Ehrgeiz dabei, sondern Maß.”

“Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Bekenntnis zur Würde des Menschen, das wird Robert gerecht.”

Christian Wulf

“Miteinander reden, statt übereinander.”

“Druck ist extrem im Leistungssport und in anderen Berufen.”

Stephan Weil

“Erfolg im Sport ist nicht das Wichtigste im Leben. Wir haben alle Angst und Furcht. Der eine mehr, der andere weniger. Der eine kann gut damit umgehen, der andere weniger. Dass Robert Enke Angst vor der Öffentlichkeit haben musste, das tut ganz besonders weh. Es wäre gut, wenn sein Tod helfen könnte, dass andere Menschen ihre Angst zeigen und sie nicht verstecken. Wer Angst zeigt, ist stark – nicht schwach.”

Vor einem Jahr kritisierte Zwanziger im Interview mit der FAZ den überhöhten Leistungsanspruch im Spitzenfußball: “Und wer Menschen zu Helden ohne Schwächen erheben will, macht sie damit zu Göttern. Aber das geht nicht”, so Zwanziger und erklärte: “Wir haben das Maß verloren.” Er sei sehr für Leistungsförderung, man benötige Leistung und auch Vorbilder. “Wir müssen zu einer anderen Haltung kommen: Wenn du gut bist, strenge dich an, du kannst besser werden. Aber treibe dich nicht in Höhen, die nicht realistisch sind.”

Überraschende und von den meisten unerwartete Ereignisse, wie der Selbstmord des Nationaltorhüters, führen zu mindestens zwei Reaktionsmustern:

 

  1. Betroffenheit, die meist neben der Frage nach dem Warum mit Fragen danach verbunden ist, ob nicht jemand etwas hätte wissen, erkennen und dagegen tun können.
  2. Pseudoaktionismus, um eine Wiederholung für ähnliche Fälle auszuschließen.

Zur Betroffenheit

Natürlich sind Freunde, Angehörige und große Teile der Bevölkerung betroffen. Aber versucht tatsächlich jemand die Gründe zu verstehen? Ist tatsächlich jemand bereit, wenn er die Gründe verstanden hat, daraus persönliche Konsequenzen zu ziehen? Ich habe daran nicht nur erhebliche Zweifel, sondern beantworte die Frage damit, dass 99,9999% der sich betroffen Fühlenden nicht einen Jota ihres künftigen Verhaltens ändern werden.

Eine These zur Ursache von Enke Suizid ist, dass er mit dem Wettbewerbsdruck nicht fertig werde, dass er Angst davor hat, das zu verlieren, was er am meisten liebt: seine Tochter und seinen Job. Außerdem hasste er offenbar die Häme und Ablehnung, die einem entgegenschlägt, wenn er nicht die erwartete Leistung bringt.

Solche Trauereignisse wühlen auf, machen Massen betroffen, nachdenklich und besinnlich für einen Augenblick. Aber am nächsten Tag dreht sich das Leben weiter. Man würde sich wünschen, dass man nun in unserer Leistungsgesellschaft nun auch einmal Schwäche zeigen darf. Aber dies ist weiterhin nicht angesagt, dies gilt insbesondere für den Profisport. Professionalität heißt das Zauberwort der Leistungsgesellschaft. Gefühle gehören da nicht hin und sind zu verdrängen. Doch immer mehr Menschen leiden darunter.

Hat tatsächlich jemand, Mitarbeitern, Konkurrenten oder andere Personen gegenüber, die in welcher Form auch immer Schwäche zeigen, jetzt sein Verhalten geändert? Ersetzen jetzt Mitgefühl und Einfühlungsvermögen die seit Jahrtausenden dominierende Schadenfreude und Häme, wenn ein “Gegner” oder Promi strauchelt? Sicher nicht? Viele Menschen, die sich damals betroffen zeigten, haben hämisch gegrinst, als sie über Nonnenmachers Rausschmiss lasen.

Oder wird derjenige, der bisher über Missgeschicke von Kollegen oder gar Konkurrenten um einen wichtigen Posten sich innerlich gefreut hat, sich nun zurückhalten, wenn der Kollegen bei einem Projekt patzt? Kaum anzunehmen. Wird der Chef, der einen Mitarbeiter aus dem Job mobben will, morgen neue Wege der Zusammenarbeit versuchen? Bedauerlicherweise nicht, man denke nur daran wie Bundesfinanzminister Schäuble seinen Sprecher öffentlich demütigte. Aus welchen Gründen auch immer (Psychologen können das sicher erklären) neigen viele Menschen (und mit ihnen die Medien) zur Schadenfreude, Häme und anderen Formen der Herabsetzung von Schwächeren oder Strauchelnden.

Zum Pseudoaktionismus

Und auch der Pseudoaktionismus ist typisch für derartige Situationen. Der Schock, das Unerwartete rief danach, so etwas künftig zu verhindern. Man muss Depressionen erkennen und den Menschen auf eine Art helfen, die sie nicht verletzt. Das war ein idealistischer Wunsch, dessen Realisierung ein deutlicher Fortschritt unserer Gesellschaft wäre. Es ist nicht zu erkennen, dass diese Erwartungen erfüllt wurden und sich unsere Gesellschaft auch nur einen Millimeter seit damals weiter bewegt hat. Die Tränen der sehr emotionalen Trauerfeier sind längst vertrocknet.

Immerhin, für einige Tage, vielleicht sogar Wochen war die Öffentlichkeit für das Krankheitsbild Depression und den Umgang mit Schwächeren sensibilisiert. Einige Führungskräfte gingen vielleicht mit Mitarbeitern, die unter Burn-Out-Zuständen leiden (das ist auch eine Form der Depression) etwas anders um. Und vielleicht hatten auch einige Mitmenschen im ganz normalen Umgang mit Menschen einen Blick für den Menschen und nicht nur dafür, ob er uns nützten oder schaden kann. Gleichwohl hat dies eine aktionistische Komponente, weil es sich um ein temporäres Phänomen handelte. Dieser Aktionismus flaut schnell nach Ende der Betroffenheitsphase ab.

Auch wenn es eigentlich nicht wirklich passt, aber mich erinnern Betroffenheit und Pseudoaktionismus verdächtig an den Umgang mit der Finanzkrise. Nach der Pleite von Lehman Brother war die Betroffenheit groß und die Welt stellte sich die gleichen Fragen, wie Deutschland nach dem Tod von Enke. Hätte man das nicht erkennen und verhindern können? Mindestens ebenso große war der Aktionismus vieler berufener und unberufener Personen. Passiert ist bisher schlicht nichts. Mit dem Verblassen der Nahtoderfahrung sind auch die Bemühungen um eine Reform der Finanzmärkte eingeschlafen.

Mein Skepsis im vergangenen Jahr hat sich bestätigt. Ich vermutete, dass Hannovers Mittelfeldspieler Hanno Balitsch, der von Enkes Erkrankung gewusst hat, Recht hat, wenn er sagt:

“Dass nach dem Tod von Enke ein Umdenken bei Tabuthemen wie Depression oder Homosexualität einsetzt, schließt Balitsch aus. “Ich bin da sehr skeptisch. Es geht im Geschäft Bundesliga und auch in anderen Bereichen des Lebens und der Wirtschaft darum, Leistung abzurufen. Da gesteht man wenig Fehler ein. Ich sehe da keinen Ausweg”, sagte Balitsch.”

Michael Horeni gebührt das Schlusswort. In der FAZ schrieb er: Achtung und Fairness gibt es eben nur im rhetorischen Bedarfsfall.

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