Selbstkritik der Banken nimmt zu: Spitzenbanker stellen eigener Branche schlechte Noten aus

by Dirk Elsner on 17. November 2010

Der Blick Log schaut häufig gerade deswegen kritisch auf die Finanzdienstleistungsbranche, weil sie sich die Vertreter der Banken zu selten selbst aus der Deckung wagen und lieber schweigend auf Stimmungsbesserung hoffen. In den letzten Wochen häufen sich immerhin die selbstkritischen Stimmen von Spitzenbankern.

Nicht das erste Mal geht dabei Josef Ackermann voran in dem Baumwallgespräch mit stern-Chefredakteur Andreas Petzold. Darin fiel u.a. der Satz „Mein Gehalt ist nicht zu begründen“:

Ackermanns Vorstandskollegen, Anshu Jain,  ist der oberste Investmentbanker der Deutschen Bank und äußerte sich gestern auf der Euro Finance Week:  „Investmentbanken müssen wie Regulatoren und Regierungen eingestehen, dass einige ihrer Aktivitäten zur Krise beigetragen haben. Fast jede Investmentbank war zu groß geworden. Fast jede Investmentbank driftete von ihren Kernaufgaben ab und lud sich zu viel Risiko auf. Die Notoperationen von Staaten und Notenbanken aben Schlimmeres verhindert. Ohne dieses Eingreifen wären die Auswirkungen sowohl für Banken als auch für die Gesamtwirtschaft noch schlimmer gewesen – das darf nicht vergessen werden“, zitiert ihn das Handelsblatt.

Der Chef der größten deutschen Direktbank ING Diba, Ben Tellings:  „Kunden werden dumm gehalten. Die Banken haben einen Mythos aufgebaut. Dabei brauchen viele Kunden doch nichts anderes als ein Girokonto, ein Sparbuch, vielleicht noch eine Baufinanzierung, einen Konsumentenkredit und einen Investmentfonds für die Altersvorsorge.“: Der Chef der größten deutschen Direktbank ING Diba geht. Ben Tellings soll die Olympischen Spiele in die Niederlande holen. Vorher teilt er noch einmal verbal aus, spricht aber auch über eigene Irrungen.

Christian Olearius, Chef von MM-Warburg auf die Frage, ob man das wirtschaftliches Risiko überhaupt mathematisch messen kann: “Nein, das ist in meinen Augen unmöglich. Das ist eine der falschen Grundannahmen in der Finanzbranche. Und der Irrtum setzt sich bei den neuen Vorgaben der Staaten und ihrer Regulierungsbehörden fort. Das Vertrauen auf eine zahlenbasierte Steuerung wird nicht in Frage gestellt. Immer wieder wird die mathematische Machbarkeit propagiert. Dabei sind Erfahrungen und persönliche Einschätzungen mindestens genauso wichtig. … Man wird zwar die Globalisierung nicht zurückdrehen können, und das Investmentbanking wird seinen Platz in der Finanzwelt behalten. Aber der stürmische Geist und die starke Gier nach Profiten sollten sich legen. Das schadet mehr, als es nützt.”

Der Ex-Chef der Schweizer UBS, Peter Wuffli, hat sich deutlich im Interview mit der FTD geäußert: „Wir hielten uns für besser, als wir es waren.“

Mutig der Satz vom Aufsichtsratschef der HSH-Nordbank, Hilmar Kopper, zu der gescheiterten Fusion zwischen WestLB und BayernLB: „Abwickeln, keiner braucht die WestLB mehr. Ich sage das deswegen, weil ich bei der WestLB bis heute kein Geschäftsmodell sehe, nicht mal den Ansatz dazu.“

Der Präsident des deutschen Bankverbandes, Andreas Schmitz, wird im Handelsblatt zitiert mit: „Wir haben die stärkste Industrie in Europa, aber eines der schwächsten Bankensysteme.“

Der Goldman-Sachs-Deutschlandchef Alexander Dibelius schrieb in einem Gastbeitrag im Handelsblatt ungewohnt selbstkritisch: “Die Investmentbanken haben sich in den Boom-Jahren vor der Krise vom „normalen“ Leben entfernt. Sie haben sich eine Art Paralleluniversum geschaffen. Das hat unsere ganze Branche in Misskredit gebracht.”

Abschließend noch einmal Josef Ackermann, der auf einer Banking-Konferenz sagte: „Wir haben eine Industrie, die Weltklasse ist. Wir haben einen Bankenplatz, der im internationalen Rahmen nicht Weltklasse ist.“

Nun mögen Beobachter angesichts der massiven öffentlichen Kritik an den Banken all diese Sätze nicht für besonders mutig halten. Für Kapitäne von Kreditinstituten sind solche öffentlichen Ansagen freilich schon fast revolutionär, denn normalerweise halten sich Banker in der Öffentlichkeit dezent mit Aussagen gegen die eigene Branche und besonders mit direkten Seitenhieben gegen einzelnene Institute zurück.

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