Was Finanzkrise und Wetterchaos bei Bahn und Fluggesellschaften gemeinsamen haben: Das Schweigen 2.0

by Dirk Elsner on 28. Dezember 2010

Es war schon bemerkenswert, wie das Wetterchaos in der Woche vor Weihnachten selbst die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse (siehe unten) bestimmte. Immerhin scheint weitgehend Einigkeit darin zu bestehen, dass die Ursachen für das die Ausfälle und Verspätungen vorwiegend hausgemacht sind. Bahn und Fluggesellschaften sind längst nicht so auf die Witterungsverhältnisse eingestellt, wie sie es im optimalen Fall sein könnten (siehe dazu “Wir müssen zu Hause bleiben”). Länder, für die solche Witterungslagen normal sind, kennen offenbar die europäischen und insbesondere deutschen “Chaosprobleme” nicht.

Können wir uns darüber eigentlich wirklich so empören, wie wir es gemeinsam mit den Medien in diesen Tagen getan haben? Es wird kaum bestritten, dass die Fahr- und Fluggäste letztlich unter den betriebswirtschaftlichen Einsparungen der Verkehrsmittelkonzerne zu leiden haben. Diese Einsparungen sorgen bei uns für Freude über niedrige Fahrpreise und bei den Aktionären über eine üppige Dividende.

Um das zu erreichen optimieren sich Unternehmen immer häufiger hin zum Mittelwert und um die Ereignisse rund um diesen Mittelwerte. Sie richten sich also nur auf das ein, was sie auf Basis von Erfahrungen und Statistiken der letzten Jahre für wahrscheinlich halten. Natürlich können sie sich ebenfalls auf alle möglichen unwahrscheinlichen Ereignisse vorbereiten, nur kostet dies Geld, was letztlich wir Kunden in Form höherer Preise und Aktionäre in Form niedriger Dividenden bezahlen müssten. Und mal ehrlich, welcher Luftverkehrsgesellschaft hätte vor einem Jahr die Preise erhöhen können mit der Begründung, macht man wolle sich auf Flugausfälle durch Vulkanasche einstellen.

Aufgefallen ist aber einmal mehr in äußerst unangenehmer Weise, wie Unternehmen und Institutionen in schwierigen Situation kommunizieren, nämlich ausgesprochen schlecht bis gar nicht. Bahn, Lufthansa und andere Verkehrsmittelunternehmen unterscheiden sich hier in keinster Weise vom Kommunikationsverhalten von Banken und Staaten während der heißen Phase der Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise.

Kurzfristige Informationen sind Fehlanzeige und die Kunden und Staatsbürger werden lieber im Unklaren über die tatsächlichen Zustände und Risiken gelassen. Lieber wird über Zusammenhänge geschwiegen oder sie werden verschleiert, als offen eigene Unzulänglichkeiten einzuräumen. Ursachen für Missstände werden stets woanders, nur nicht im eigenen Haus gesucht. Das insbesondere die eigene Optimierungspolitik bei Lufthansa und Bahn, wie die Risikopolitik bei Finanzhäuser oder das Ausgabeverhalten bei Staaten einen relevanten Anteil an den Schieflagen haben, wird gern übersehen.

Klar ist, dass Unternehmen und Staaten, übrigens genau so ungern, wie wir Menschen, über unangenehme uns selbst betreffende Dinge reden. Insbesondere fällt es unglaublich schwer, eigene Fehleinschätzungen der Lage einzuräumen. Unternehmen und insbesondere ihre Manager lassen sich dagegen gern öffentlich feiern, wenn die Geschäfte gut laufen und es Erfolge zu vermelden gibt. Ausgesprochen schmallippig wird man dagegen, wenn die Fehleinschätzungen in der Geschäftspolitik zu massiven Wirkungen auf Kunden und Dritte führt.

Dieses Verhalten findet man freilich auch sonst in der Wirtschaft. Vergangene Woche etwa berichtete das Handelsblatt von enormen Problemen des IT-Outsourcing-Dienstleister T-Systems mit einigen Großkunden. So hatte sich T-Systems öffentlich gern dafür feiern lassen, dass man den Betrieb der IT des Öl-Multi Shells übernommen hatte. Die versprochenen Einsparungen sollen aber nun ausgeblieben sein und die Unzufriedenheit bei Shell sei groß. Auf Anfrage des Handelsblatts wollten sich weder Shell noch T-Systems zu den Problemen äußern. Auch hier wird nach dem Motto agiert, kommuniziere ich nicht über Probleme, dann gibt es sie auch nicht.

Handelt es sich nun also bei den Unzulänglichkeiten um Managementfehler, wie die Süddeutsche fragt? Hier gibt es eigentlich nur ein klare Antwort und die lautet “Nein”. Die Wetterprobleme sind das Ergebnis einer Optimierungspolitik, die für Kunden günstige Preise und für die Eigentümer eine auskömmliche Verzinsung sicherstellen soll. Um diesen Spagat zu ermöglichen, kann man nicht auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Allerdings könnte man dies den Kunden und Eigentümern so auch sagen und sie nicht mit PR-Floskeln abspeisen

Die Wetterschlagzeilen der letzten Tage

SZ: Verkehrs-Chaos im Winter: Bloß Management-Fehler (26.12.10)?

Welt: Wenn der Schaffner nicht mehr weiß, wie es weitergeht (26.12.10): Züge, die überfüllt, verspätet oder festgefahren sind, machen den Reisenden das Leben schwer. So ist die Bahn zum Fest geschlichen.

HB: Schneechaos: Bahn kämpft weiter mit Problemen (24.12.10): Stop and Go bei der Bahn: Immer wieder mussten ICE-Fernzüge wegen vereister Oberleitungen vorübergehend stehenbleiben, obwohl die Strecke Berlin-Hannover inzwischen wieder in beide Richtungen freigegeben wurde. Knapp sechs Stunden lang saßen rund 700 Bahnreisende in der Nacht zu Heiligabend auf freier Strecke fest. Extremes Winterwetter legte auch den Autoverkehr teilweise lahm.

FAZ: Vereiste OberleitungenBahnverkehr im Norden erheblich gestört (24.12.10): Die in der Nacht gesperrte Bahnstrecke zwischen Berlin und Hannover ist in beide Richtungen wieder befahrbar, teilte die Bahn am Freitag mit. Gegen Mitternacht waren fünf Schnellzüge wegen vereister Oberleitungen auf der Strecke liegengeblieben. Auch die Strecke zwischen Hannover und Hamburg war vorübergehend gesperrt.

HB: Flugausfall: Tausende Passagiere sitzen in Paris fest (24.12.10): Weihnachtschaos auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle: Weil Enteisungsmittel für die Flugzeuge fehlt, sitzen Tausende Passagiere in der französischen Hauptstadt fest. Hundert Flüge wurden bereits gestrichen. Nun soll das Enteisungsmittel aus Deutschland und den USA importiert werden.

Spon: Verkehrs-Chaos vor Weihnachten – Karambolage auf der A9, Mega-Stau auf der A2 (23.12.10): Spiegelglatte Straßen haben den Vorweihnachts-Reiseverkehr vielerorts erheblich behindert. Auf der wichtigsten Ost-West-Verbindung, der A2, stauten sich die Autos auf hundert Kilometer Länge. Bei einer Massenkarambolage auf der A9 kam ein Mann ums Leben, zehn Menschen wurden verletzt.

HB: Chaos auf Straßen und Schienen: Schnee und Eis legen den Feiertagsverkehr lahm (23.12.10): Die gute Nachricht: An den Luftverkehrsdrehkreuzen Frankfurt und London-Heathrow läuft die Abfertigung fast wieder normal. Dagegen bricht der Reiseverkehr mit Bahn und Auto fast zusammen. Die A2 ist unpassierbar, die Polizei rät von Autofahrten ab. Auch für Heiligabend sieht es frostig aus.

FTD: Eisregen und Blitzeis legen Verkehr lahm (23.12.10): Deutschland feiert weiße Weihnacht. Bei Reisenden hält sich die Freude über die Schneepracht in Grenzen – auf der der A2 staut sich der Verkehr in beiden Richtungen auf 100 Kilometern. Fluggäste können hingegen aufatmen.

Spon: Teurer Räum- und Streudienst – Winter teilt Deutschland in Schwarz und Weiß (23.12.10): Es schneit und schneit – in vielen Städten kommen die Winterdienste mit dem Räumen der Straßen kaum noch nach. Müssen sich deutsche Autofahrer auf dauerhaft vereiste Fahrbahnen einstellen? Alles eine Frage des Geldes. Deshalb haben Münchner weniger Probleme als Hamburger oder Berliner.

HB: Sonderzüge bei der Bahn: Lage an Flughäfen Frankfurt und Heathrow entspannt sich (22.12.10): Nach dem Schneechaos läuft der Verkehr langsam wieder in geordneteren Bahnen. Die Deutsche Bahn richtete einen Sonderfahrplan für Fernzüge ein, um möglichst alle Reisenden an ihr Ziel zu bringen. Am Frankfurter Flughafen hat sich der Betrieb wieder normalisiert, auch am Londoner Airport Heathrow beginnt sich die Lage zu entspannen.

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