Wikileaks enttäuscht die erzeugten Erwartungen und zögert weitere Veröffentlichungen hinaus – Warten auf OpenLeaks

by mnockerl on 3. Februar 2011

imageSo richtig schlau werde ich nicht aus Wikileaks. Gefeiert wurde die Whistleblower-Plattform Ende vergangenen Jahres für die Veröffentlichungen von diplomatischen Feststellungen aus konspirativ zugespielten US-Depeschen. Anschließend weckte der Initiator der Plattform, Julian Assange, hohe Erwartungen an weitere Veröffentlichungen insbesondere aus dem US-Finanzbereich. Bisher ist aber zu einem Showdown, der eine “Bank in die Tiefe reißen” sollte (Assange), nicht gekommen. Stattdessen sollen jetzt jetzt Dokumente ins Netz gestellt werden, die ein ehemaliger Mitarbeiter der Bank Julius Bär Assange vor kurzem übergeben hat. Darin soll es vor allem um Steuerhinterziehung gehen.

Überhaupt verstärkt sich der Eindruck, die Plattform agiere vollkommen anders als ihre Name und Anspruch dies erwarten lassen. Allein die Bezeichnung Wiki (hawaiisch für „schnell“) suggeriert, dass von jedermann brisante Dokumente hochgeladen werden und von der Plattform zeitnah veröffentlicht werden. Unter Submissions fordert die Wikileaks ausdrücklich dazu auf und nennt Bedingungen unter denen Material das akzeptiert wird. Nach dem weltweiten Medienrummel der letzten Monate muss die Plattform eigentlich in neuem Material ertrinken. Veröffentlicht ist davon freilich nichts.

Assange bedient unterdessen das Klischee, Wikileaks diene nur seinem persönlichen Ego. Anders kann ich mir solche Schlagzeilen wie “WikiLeaks-Gründer freut sich über Nervosität in Bankbranche” nicht erklären. Mich enttäuschen solche Aussagen, denn sie werden dem Konzept einer solchen Leaking-Plattform, die angetreten ist um den Journalismus zu verändern, überhaupt nicht gerecht. Sie verstärken vielmehr den Eindruck, hier wolle jemand persönlich abrechnen.

Wikileaks gibt an, es wolle denen zur Seite stehen, „die unethisches Verhalten in ihren eigenen Regierungen und Unternehmen enthüllen wollen.“ Vermutlich warten derzeit aber tausende von Personen darauf, wann denn tatsächlich das von ihnen hochgeladene Material veröffentlicht wird. Tatsächlich wartet man vergebens. Die Aufstellung der bisherigen Veröffentlichungen ist weiter recht übersichtlich. Und es ist überhaupt nicht klar, nach welchen Kriterien eigentlich welche Dokumente ausgewertet und veröffentlicht werden. Warum Wikileaks für diese Form der sehr selektiven Transparenz für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, bleibt wohl ein Geheimnis. Derzeit jedenfalls ist die Plattform meilenweit davon entfernt, in der Breite und Tiefe einen wichtigen Beitrag zu Meinungsfreiheit und Transparenz zu leisten.

Gespannt darf man daher sein, ob die sich derzeit in der Testphase befindenden Alternative des ehemaligen Wikileaks-Sprechers, Daniel Domscheit-Berg, es besser machen wird. OpenLeaks will Tools zur Verfügung stellen, die es ermöglichen, Missstände schneller und leichter öffentlich zu machen. Hochgeladene Dokumente werden hier zunächst von den Mitgliedern der OpenLeaks-Community gesichtet. Die entscheidet zusammen mit dem Bereitsteller der Information, ob und in welchem Umfang geleakte Dokumente veröffentlicht werden (siehe dazu hier das Konzept von OpenLeaks oder Zusammenfassung auf Wikipedia).

Nachtrag vom 6.2.11

Offenbar mehren sich auch in den Medien die Stimmen, die auf Distanz zu Wikileaks gehen, schreibt die Zeit auf ihrer Webseite. Dort ist u.a. zu lesen:

„Während die Botschaftsdepeschen Ende des Jahres mit großem Rummel veröffentlicht werden, verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Assange, der New York Times und dem Guardian bis hin zu öffentlichen Twitter-Beschimpfungen vonseiten des Australiers. Mit der Veröffentlichung der Bücher dürfte die Zusammenarbeit wohl endgültig vorbei sein. Vielleicht war das sogar ein Grund dafür: Die Zeitungen wollten sich von Julian Assange distanzieren.

Ernüchtert resümiert der Chefredakteur der New York Times, Bill Keller: »Ehrlich gesagt, glaube ich, dass der Einfluss von WikiLeaks auf unsere Kultur wahrscheinlich übertrieben war.« Auch sein Kollege vom Guardian kommt zu dem Schluss, dass WikiLeaks die Welt nicht grundlegend verändert hat: »Bemerkenswerterweise ist der Himmel nicht heruntergefallen, obwohl so viele Informationen veröffentlicht worden sind.« Muss man sich wundern, dass Julian Assange seinerseits die Bücher, die seine Bedeutung so wenig würdigen, scharf kritisiert? Das Buch der Amerikaner sei »eine weitere Schmierkampagne«, der Guardian ist für ihn »die schleimigste Medienorganisation von Großbritannien«.“

Nachtrag v. 9.2.11

Heute wurde bekannt, dass ausgeschiedene Mitarbeiter von Wikileaks einen großen Teil der an WikiLeaks übermittelten, bisher unveröffentlichten Dokumente „sichergestellt“ hätten. Das sagte laut Spiegel Online Domscheit-Berg in einem Interview mit dem „Stern“. Der Deutsche hatte die Seite im August 2010 im Streit mit Assange über die künftige Ausrichtung verlassen.

Sehenswert die Dokumentation der ARD zu Wikileaks: Mediathek Doku “Weltmacht Wikileaks”

Nachtrag v.10.2.11

Heute fragt Spiegel Online, ob die bisher unveröffentlichten WikiLeaks-Dokumente über die US-Großbank Bank of America wertlos sind? Nach Angaben von Spon zweifelt Enthüllungsplattform-Chef Julian Assange selbst an ihrer Brisanz. Er sei unfähig, darin einen größeren Sinn zu erkennen.

Diese Aussage erstaunt und nagt weiter an der Glaubwürdigkeit der Ankündigungen (siehe oben). Auch egghat zeigt sich in dem Beitrag Wikileaks: Bank of America Unterlagen sinnlos? enttäuscht und schließt seinen Text: „Also irgendwie hatte ich den Crowdsourcing Ansatz von Wikileaks anders verstanden … “

Eine Besprechung des Buchs von Daniel Domscheit-Berg „Inside Wikileaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt.“ findet sich heute ebenfalls bei Spiegel Online.

Nachtrag vom 16.2.11

Heute habe ich bei Carta einen hoch interessanten Beitrag über die Zusammenarbeit von WikiLeaks mit den Medienpartnern gelesen. Christiane Schulzki-Haddouti beleuchtet in „(Alp-)Traum WikiLeaks: Was ist eigentlich aus den vielen Geheimdokumenten geworden?“ die Medienökonomie zu den veröffentlichten Botschaftsdeppeschen. Nach der Lektüre wird klar, warum nur ausgewählte Dokumente veröffentlicht bzw. von den Medien heraus gestellt werden. Die erzeugte Erwartung, WikiLeaks diene als Plattform für Whistleblower, ist falsch. Vielmehr dient WikiLeaks als Plattform für Medien aus dem Material von  Whistleblowern das heraus zu suchen, was sich medial gut verkaufen lässt.

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