Das japanisches Beben, der Tsunami der Aufmerksamkeit oder wie man die Katastrophe bei uns verhindert

by delsn on 12. März 2011

Noch kennt niemand die genauen Folgen der Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan. Die japanische Regierung selbst spricht mittlerweile von einer „nie dagewesenen Katastrophe“ und versucht gleichzeitig die Dramatik des Unglücks im Kernkraftwerke zu nehmen. Auf Basis der verwirrenden Informationslage (siehe dazu Twitter-Ticker zu den Erdbebenfolgen und der Nuklearkatastrophe in Japan), verbietet sich hier eine Bewertung oder Einordnung. Außerdem gehört dies ohnehin nicht zu den Kernkompetenzen dieses Blogs.

Wie stets aber können wir nach solchen Katastrophen die üblichen Betroffenheitsreflexe und Reaktionsrituale in den Medien sowie von Politikern und Fachleuten studieren. Der Eintritt eines dramatischen Ereignisses erzeugt stets massive öffentliche Reaktionen, vorausgesetzt wir empfinden eine gewisse Bindung zu den Betroffenen und die Öffentlichkeit wird mit spektakulären Bildern bedient. Dies ist bei dem japanischen “Jahrhundertbeben” der Fall. Die Öffentlichkeit ist überrascht vom Ausmaß der Katastrophe, suggerieren doch die Schlagzeilen und Bilder, dass ganz Japan in Schutt und Asche liegt und demnächst radioaktiv verseucht sein wird.

Während die Medien mit einer intensiven und vor allem bildstarken Berichterstattung reagieren, versucht die Politik zu beruhigen. Unvermeidlich ist offenbar, dass Politiker und “Experten” quasi in Echtzeit und noch während die Katastrophe läuft, Beruhigungen (“Keine Gefahr für Deutschland), Erklärungen (Radioaktive Strahlung: Wie gefährdet sind wir in Deutschland?) und vor allem Lösungen anbieten („Deutsche Uraltkraftwerke sofort vom Netz nehmen“). Mit mühsamen und komplizierten Details einer Analyse will man sich dabei gar nicht erst befassen. Die Öffentlichkeit erwartet Erklärungen in 1:30 Minuten und will die Handlungsfähigkeit der eigenen Entscheidungsträger bestätigt sehen.

Vorhersagen lässt sich somit, dass es eine oberflächliche Debatte um die Sicherheit von Kernreaktoren in Deutschland geben wird. Die japanische Katastrophe beweist, dass Kernkraftwerke trotz gegenteilige Beteuerungen der Betreiber und vieler “Fachleute” gerade nicht gegen Extremsituationen geschützt sind. Dies ist in Deutschland nicht anders.

Menschen wollen aber nach solchen Ereignissen beruhigt werden, obwohl es eigentlich nichts zu beruhigen gibt. Da macht es sich gut, dass die Kanzlerin, die deutschen Kraftwerke checken lassen will. Das signalisiert Entschlossenheit. Und wir wollen natürlich bestätigt bekommen, dass solche Ereignisse weit weg sind und bei uns so etwa nicht passieren kann. Diese Bedürfnisse werden jetzt wieder bedient werden.

In den Talkshows der kommenden Woche werden uns die Fachleute nicht erspart bleiben, die im Nachhinein vorher alles besser gemacht haben und wissen wie man eine japanische Katastrophe bei uns verhindert. Und spätestens in einer Woche, wenn die Menschen in den betroffenen Regionen Japans erst anfangen, mit den Folgen der Katastrophe zu leben, ist das Wasser des Aufmerksamkeitstsunamis wieder abgeflossen, abgesehen von einer neuen Debatte um die Kernenergie.

Nach meiner Wahrnehmung arbeiten die weltweiten Medien auch diesmal die Katastrophe so auf, wie das einst Christian Brauner auf einer Tagung zum Umgang der Medien mit Katastrophen diagnostiziert hatte. Brauner schrieb:

“Die meisten Medien arbeiten mit simplen Klischees. Für sie gibt es bei Katastrophen Opfer und Helfer, von denen manche zu Helden gestempelt werden, sowie die Suche nach dem Schuldigen erfolgreich war. Diese Betrachtungsweise suggeriert, Probleme wie zum Beispiel der Hochwasserschutz, ob am Rhein oder Jangtse, seien einfach lösbar, wenn man es nur richtig mache. Die Medien repräsentieren im Durchschnitt rein lineares Denken; weder zeigen sie Komplexitäten auf, noch helfen sie, diese zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Typisches Beispiel: Die meisten Medien reduzieren das komplexe Thema Klimawandel auf die simple Frage, ob es um so mehr Extremwetterkatastrophen geben wird, je mehr Autos fahren. Die tieferen Zusammenhänge, zum Beispiel dass der gesamte Extremwetterschutz wissenschaftsgeschichtlich betrachtet auf der falschen Annahme eines natürlicherweise konstanten Klimas beruht, werden nicht aufgegriffen, obwohl dies ein – auch nach journalistischen Kriterien – ergiebiges Thema wäre.

Medien lamentieren über Katastrophen und deren Bewältigung – sie üben keine fundierte Kritik. Sie bemäkeln, was offensichtlich nicht funktioniert, erkennen aber zum Beispiel nicht, was im Hintergrund und im Detail falsch gemacht wird. Diese nur oberflächliche Kritik ist nutzlos, weil sie die Kritisierten lediglich verärgert, sie aber nicht anhält, ihre Arbeit zu hinterfragen. Typisches Beispiel ist der Standard-satz in Katastrophen-Berichten. „Im Katastrophengebiet herrschten chaotische Verhältnisse.“ Dieser Satz ist so sinnvoll wie der „Auf dem Fußball-Spielfeld befanden sich 22 Spieler und ein Schiedsrichter“. In Katastrophengebieten herrschen immer chaotische Verhältnisse, weil das Chaos ein wesentliches Merkmal von Katastrophen ist.”

 

Zu Betroffenheitsritualen und Medienreaktionen

Beckmesser: Betroffenheit als öffentliche Tugend

Medienheft: Medien im Ausnahmezustand – Was das Fernsehen in Krisenzeiten alles (nicht) leisten kann

Medienheft: Die Selbstüberbietungsspirale – Krisenberichterstattung im Angesicht des Terrors

Dirk Maxeiner: Warum machen nur Katastrophen Quoten und Auflagen?

Deutsches Komitee für Katastrophenvorsorge e.V.: Naturkatastrophen und die Medien Herausforderungen an die öffentliche Risiko- und Krisenkommunikation (pdf)

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