Nach dem USA-Ratingschock: Weshalb des amerikanische Managementmodell gescheitert ist

by Dirk Elsner on 27. April 2011

Anfang vergangener Woche “schockierte” die US-Rating-Agentur Standard & Poors die Finanzmärkte mit einem negativen Ausblick auf die Kreditwürdigkeit der USA, die unter einem Schuldenberg von 14 Billionen Dollar (das sind freilich nur die US-Staatsanleihen und nicht die Gesamtverbindlichkeiten) ächzen.

Die USA sind also auch aus Sicht einer US-Agentur nicht mehr uneingeschränkt kreditwürdig. Standard & Poor’s (S&P) gab der höchsten Bonitätsnote „AAA“ einen negativen Ausblick. Damit ist sie freilich noch längst nicht so weit, wie die chinesische Ratingagentur Dagong Global Credit Rating. Sie äußerte im November, von den Finanzmärkten übrigens belächelt, Zweifel an der Bonität der USA (hier die Stellungnahme der Agentur). Und auch sonst stellt diese Beurteilung keine bahnbrechende Erkenntnis dar (siehe dazu etwa Christof Schürmann in der Wiwo)

Die Debatte um die Ausrichtung der US-Wirtschaftspolitik jedenfalls bekommt derzeit einen mächtigen Schub. So fragt die FAZ bereits “Wie griechisch ist Amerika?” und das Handelsblatt schürrt die „Angst vor dem amerikanischen Infarkt

Immer häufiger wird daneben das amerikanische Managementmodell in Frage gestellt. Burkhard Schwenker, der frühere Chef und jetzige Aufsichtsratsvorsitzende von Roland Berger, tat dies jüngst in seinem von der Wirtschaftswoche herausgegebenen Buch “Europa führt! Plädoyer für ein erfolgreiches Managementmodell” (Rezension hier von Markus Väth). In dem an einem Nachmittag schnell zu lesendem Büchlein rechnet Schwenker mit der bisher ausgerechnet von den großen Strategieberatungen hochgehaltene Managementpraxis der USA ab und hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die europäische Denke in der Unternehmensführung.

Seine Kritik am US-Modell leiht er sich zunächst aus einem Beitrag der Zeit von Helmut Schmidt:

“Vor allem in New York und in London haben wir es zu tun mit einer Kombination von hoher Intelligenz samt mathematischer Begabung, extremer Selbstsucht und Selbstbereicherung bei Abwesenheit von ausreichender Urteilskraft und von Verantwortungsbewusstsein.”

Schade, dass er Schmidt nicht weiter zitiert, denn der ergänzt noch im Original:

“Man kann dieser Krankheit einen Namen geben: hemmungslose Habgier. Zugleich ist aber eine nonchalante Ignoranz der Regierungen und Behörden in Erscheinung getreten, eine unerhörte Fahrlässigkeit der politischen Klasse insgesamt, die sich leichtfertig auf die Illusion einer selbsttätigen Heilungskraft der Finanzmärkte verlassen hat, statt rechtzeitig einzugreifen. Das gilt vornehmlich für die USA und für Großbritannien. Die Regierungen und die Aufsichtsbehörden – und die Parlamente! – haben eine ausreichende Prophylaxe versäumt. Man kann diese politische Krankheit benennen und vom Irrglauben des Marktradikalismus sprechen.”

Schwenker konzentriert sich mit seiner Kritik nicht nur auf die Finanzmärkte, sondern greift die Managementdenke direkt an. Diese Denke zeichne sich nach seiner Auffassung durch ihre Kurzfristigkeit und die persönliche Selbstüberschätzung aus. Als Resultat dieser Faktoren sieht er den “Verlust der Fähigkeit oder Bereitschaft, Dinge kritisch zu hinterfragen – geschweige denn Zweifel offen zu äußern und dem Herdentrieb zu widerstehen. In einem späteren Kapital fasst er verschiedene Erklärungsversuche für das Scheitern des amerikanischen Modells zusammen (für das folgende Langzitat liegt eine Genehmigung vor, Links durch Blick Log):

“Eine erste Orientierung bieten die Eindrücke aus den Arbeiten des „Globe Projects“ zu Leadership in den großen Weltregionen, nach denen sich (vereinfacht ausgedrückt) amerikanische Manager traditionell dadurch auszeichnen,

  • dass sie kurzfristig orientiert und an schnellen Ergeb­nissen interessiert sind.
  • dass sie Aktion gegenüber Reflexion favorisieren und Probleme durch „trial and error“, also durch experi­mentelle Herangehensweise und durch Fallstudien zu lösen versuchen.
  • dass sie bei der Entscheidungsfindung stark auf Zah­len und quantitative Ergebnisse vertrauen.
  • dass sie ihren Erfolg als wichtigstes Ziel sehen
  • dass sie Leadership als individuelle Aufgabe missverstehen und nicht als etwas, das in Zusammenarbeit mit anderen entsteht.

Zu diesen Ergebnissen passt sehr schön eine Bemer­kung, die Henry Mintzberg und Jonathan Gosling be­reits 2003 in der Harvard Business Review gemacht haben: „Die meisten von uns sind so verliebt in Lea­dership, dass Management weit in den Hintergrund gerückt worden ist. Niemand strebt mehr danach, ein guter Manager zu sein; dafür will jeder ein toller Führer sein. Aber die Trennung von Leadership und Manage­ment ist gefährlich. Genauso wie Management ohne Leadership einen trockenen, uninspirierten Stil fördert, der jedes Engagement absterben lässt, so ermutigt Lea­dership ohne Management zu einem abgehobenen Stil, der die Hybris fördert.“

Rückschlüsse auf die auslösenden und „treibenden“ Faktoren der Krise sind evident: Die Kurzfristigkeit (und die damit verbundene Hintanstellung von Nach­haltigkeit) haben wir schon diskutiert, und auch den Verlust der Fähigkeit, Dinge kritisch hinterfragen zu wollen. Jedenfalls solange sie den persönlichen Reich­tum mehren. Hinzu kommt der Glaube an die Ergeb­nisse quantitativer Berechnungen, gepaart mit dem gelernten Denken in vergangenheitsbezogenen Erfolgs­mustern – denn nichts anderes ist die bevorzugte Bear­beitung von Case Studies an den amerikanischen Busi­ness Schools.

Hinzu kommt ein weiteres: Ulrike Reisach kommt in ihrer vergleichenden Untersuchung amerikanischer und europäischer Führungsstile zu dem Ergebnis, dass das Europa am ehesten mit einer „Handwerkskultur“ zu beschreiben wäre, während Amerika für eine „Kaufmannskultur“ stehe:

  • Das „europäisch handwerkliche“ steht für Bodenhaf­tung, soziale Einbindung, Wertarbeit und langfristige Orientierung, während
  • das „amerikanisch kaufmännische“ Effizienz, Pro­zesse, Schnelligkeit und – als Konsequenz – hohe Ren­dite repräsentiert.

Ich halte diese Kategorien zur Einordnung für sehr an­schaulich, obwohl ich den Begriff „Händler-Mentalität“ noch treffender finde als „Kaufmannskultur“ – nicht zuletzt mit Blick auf die von (Finanz-) Händlern an­getriebene Finanzkrise. Mit der Unterscheidung zwischen Handwerker- und Händlerkultur erklären sich auch die unterschiedlichen Ziele der europäischen und amerikanischen Manager. So stellt Ulrike Reisach fest, dass Macht, Wachstum, Gewinn und – unvermeidbar – persönlicher Reichtum in Amerika die dominante Rolle spielen, während in Europa Verantwortung (gegenüber Mitarbeitern und dem Umfeld), Kontinuität und „etwas Bleibendes zu schaffen“ eine stärkere Rolle spielen.

Diese Einschätzungen decken sich sehr gut mit den Ergebnissen einer transatlantischen Befragung von uns aus dem Jahr 2009, an der mehr als 260 europäische und amerikanische Top-Führungskräfte der jeweils größten Unternehmen teilgenommen haben. In Bezug auf Füh­rung und Management zeigen sich zwei bemerkens­werte Unterschiede:

  • Auf die Frage, ob Personalmanagement „sehr wichtig ist“, antworten 23% der Europäer mit „ja“, aber nur 12% der Amerikaner, die wiederum Marketing- oder Verkaufsfähigkeiten für deutlich wichtiger halten.
  • Dasselbe Bild zeigt sich auch bei der Frage, ob „sozi­ale Kompetenz in Zukunft wichtiger wird“, denn 22 % der Europäer antworten mit „ja“, aber wiederum nur 13 % der Amerikaner, für die funktionale Fähigkeiten an erster Stelle stehen.

Wir können also festhalten, dass neben der Kurzfristig­keit, der Zahlengläubigkeit und einer übertriebenen Ka­pitalmarkt- und Finanzorientierung als Kennzeichen des „American Way of Management“ auch das Werte­gerüst im Hinblick auf erstrebenswerte Ziele und die Selbstsicht der Manager eine wichtige Rolle spielen. Un­verblümt formuliert werden die Unterschiede zwischen Amerika und Europa und damit die Charakteristika der amerikanischen Unternehmensführung überdeutlich:

  • Händler- vs. Handwerkerkultur,
  • Gewinn und persönlicher Reichtum vs. das Streben, etwas Bleibendes zu schaffen,
  • Shareholder return und „profit per share“ vs. langfri­stige Strategien,
  • Leadership und persönliche Hybris vs. Management und soziale Kompetenz.

Die Reihe ließe sich fortsetzen, damit wird deutlich, wo­ran und warum der „American Way of Management“ gerade jetzt gescheitert ist und abgelöst werden sollte. Nicht an der Finanzkrise, die die enormen Gefahren dieses Managementsystems nur auf den Punkt gebracht hat, sondern an der massiv gestiegenen Komplexität, die gute Unternehmensführung heute beherrschen muss – durch die Globalisierung mit ihren vielen regionalen Unterschieden, durch zu viele Zahlen, die per Internet auf Tastendruck verfügbar (aber nicht immer valide) sind, durch Trends, die nicht mehr verlässlich sind und sich schnell drehen. Schließlich durch die Komplexität, die große Unternehmen per se in sich tragen, und die Komplexität, die dadurch entsteht, dass sich alle vorge­nannten Komplexitäten überlagern und vermischen.”

Schwenker stellt dem US-Entwurf dann das europäische Modell gegenüber und zeichnet ein erfrischend positives Bild unseres Kontinents. Das überrascht allein deswegen, weil ja gerade die großen Strategieberatungen die amerikanische Denke mit den auf kurzfristige Wirkungen bedachten Empfehlungen hier erst salonfähig gemacht haben. Leider mangelt es dem Buch an Tiefe, die Schwenker mit seinem Hintergrund leicht hätte liefern können.

Wer es in der Analyse deutlich tiefer mag, dem empfehle ich Norbert Härings ausgezeichnetes Buch “Mark und Macht” (Leseprobe hier). Für mich ist es das Wirtschaftsbuch des Jahres 2010, weil Häring vor allem am Beispiel US-amerikanischer Studien zeigt, wie sehr die praktische Ökonomie in den USA (und sicher nicht nur dort) von dem abweicht, was wir als ökonomische und vor allem moralische Vernunft bezeichnen.

Berichte zur US-Wirtschafts- und Schuldenlage

HB: Schuldenrekord: Investoren misstrauen USA: Die Investoren haben lange stillgehalten. Sie haben den USA immer wieder Kredit eingeräumt. Doch angesichts der Neuverschuldung in Billionenhöhe verlieren sie langsam die Geduld.

FAZ: Vereinigte Staaten – Bernanke hält an expansiver Geldpolitik fest: Es war die erste reguläre Pressekonferenz der amerikanischen Zentralbank: Ben Bernanke gab bekannt, die Federal Reserve werde den Leitzins auf niedrigem Niveau halten. Der im November beschlossene Ankauf von amerikanischen Staatsanleihen für 600 Milliarden Dollar soll beendet werden.

FTD:  Kenneth Rogoff – Von der Liebe zu den Schulden: Ich will nicht ins frühe Mittelalter zurück, als die Wuchergesetze der Kirche Zinsen auf Kredite verboten. Aber wie es heute läuft, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Leider wird es nicht einfach sein, die tief verwurzelte Schuldentendenz der Industrieländer zu überwinden.

HB: Schwaches Wachstum: Steigende Preise bremsen das US-Wachstum: Der harte Winter und höhere Preise für Lebensmittel und Kraftstoffe haben die US-Wirtschaft im ersten Quartal belastet. Die Wachstumszahlen fallen schwächer aus als von Analysten erwartet.

FTD: Konjunkturkrise US-Wirtschaft lahmt : Die Verbraucher zwischen New York und Los Angeles ächzen unter hohen Preisen für Lebensmittel und Kraftstoff. Das Wachstum der weltgrößten Volkswirtschaft fällt deutlich zurück. Nicht einmal die erwartete Zwei-Prozent-Marke wird erreicht.

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