Auf die Nase für uns Wirtschaftsblogger wegen des 55-Mrd.-Rechenfehler der Hypo Real Estate

by Dirk Elsner on 21. November 2011

Nach der Lektüre des ganz ausgezeichneten Beitrags von Rüdiger Jungbluth auf ZEIT–Online über den “spektakulären” 55-Milliarden-Rechenfehler bei der Hypo Real Estate (HRE) bzw. ihrer Bad Bank der FMS Wertmanagement (FMS) müssen wir Wirtschaftsblogger uns einmal an die eigene Nase fassen. Damals schwappte durch Medien und Blogs eine Welle der Empörung und Häme über die HRE, die FMS und die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PWC). Bekanntlich soll die FMS ja bis zur Jahresmitte 2011 falsch bilanziert und erst jetzt diesen Fehler korrigiert haben. Das führte in der Konsequenz zu einer Verkürzung der Bilanzsumme um 55 Mrd. Euro. Politiker, Medien, Blogs griffen diesen Fehlgriff begierig auf. Und nur ein Journalist grub sich tiefer in die komplexe Materie ein.

Mit Ausnahme des Beitrags von Jungbluth habe ich keinen Artikel gefunden, der die neue und eigentlich viel intransparentere Bilanzierung der FMS, für die wir als Steuerzahler ja gemeinsam haften, in Frage gestellt hat. Ich selbst habe zwar etwas daran herum gekaut, bin aber nicht tief genug eingestiegen. Ich schrieb in: “Intransparenz über Risiken der Bad Bank der Hypo Real Estate ist das Problem, nicht der “Buchungsfehler” zwar:

“Die FMS hatte gegenüber denselben Geschäftspartnern Forderungen aus Sicherheiten und Verbindlichkeiten aus Sicherheiten nicht miteinander aufgerechnet. Das Normale wäre gewesen, so die FAZ, die Bad Bank hätte Verbindlichkeiten und Forderungen gegenüber demselben Geschäftspartner schlicht gegeneinander aufgerechnet. Ich sehe das anders, denn 1. werden in der internen Finanzbuchhaltung die Positionen natürlich ebenfalls getrennt und dürften gerade nicht aufgerechnet werden und 2. stellt sich gerade bei der FMS sofort die Frage, ob hier nicht eher Risiken verschleiert werden.”

Jungbluth hat sich die Zeit genommen und tiefer recherchiert. Er hat Bilanzexperten gefragt, die auf das Verrechnungsverbot des §246 HBG hinwiesen und denen die neue Praxis der HRE nicht bekannt war. Jungbluth hat weiter bei der FMS nachgebohrt und festgestellt, dass die FMSW außerstande ist, die rechtlichen Grundlagen ihrer neuen Bilanzierungsweise zu benennen. PWC erklärte damals, die neue Bilanzierungsmethode sei “sachlich gerechtfertigt”, wollen sie nun aber nicht mehr dazu äußern. Der ZEIT teilte die FMS nun auf Anfrage mit:

 

»Alternativ kann unter HGB auch eine sogenannte Bruttobilanzierung durchgeführt werden. Im Bruttoausweis werden dann Verbindlichkeiten und Forderungen aus Sicherheitsleistungen der Einzelgeschäfte auch bei Vorliegen einer Netting-Vereinbarung unter einem Kontrahenten nicht verrechnet.«

Die alte Bilanz, so Jungbluth, war also gar nicht falsch. Nur anders.

Hier hätten wir Wirtschaftsblogs viel stärker die öffentliche Berichterstattung in Frage hätten stellen können, wenn wir uns die Grundlagen etwas tiefer angeschaut hätten. Ich bin selbst natürlich auch nicht auf die Idee gekommen, einfach mal ins HGB nebst Kommentar zu schauen oder einen Bilanzexperten zu fragen. Leider hat nach meinem Wissen auch sonst niemand das herausgearbeitet, was Rüdiger Jungbluth von der ZEIT hier geleistet hat. Für mich ist das ein Beispiel für extrem guten Wirtschaftsjournalismus.

Ich glaube, die Blogs haben hier eine gute Chance verpasst, einmal besondere Flagge zu zeigen. Zwar kann nicht jeder Blogger Experte für Alles sein. Aber unter den 204 Wirtschaftsblogs, die ich in meiner Mindmap verzeichnet habe, dürfte sicherlich jemand sein, der sich mit dem Thema gut ausgekannt hätte. Das Beispiel zeigt leider auch, dass Medien und Blogs viel zu schnell den derzeit modernen Banking-Bashing-Reflexen folgen.

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