Ein Blick durch die Wirtschaftsprognosen: So wird 2012 nicht

by Dirk Elsner on 2. Januar 2012

OK, das Jahr ist schon im zweiten Tag und eigentlich sind Jahresvorschauen heute schon out, wo doch bald bereits die ersten Jahresrückblicke beginnen. Aber mit dem Jahreswechsel folge ich meinem Reflexen, in die Zukunft zu schauen. Ich sammele dazu gern zum Jahresanfang mal so ein paar Prognosen über die Wirtschaftsentwicklung ein, um im Laufe des Jahres über die Vorhersagen lästern zu können. Ich glaube, dass war selten einfacher als in den vergangenen Jahren, in denen das Gro der professionellen Orakel verkehrt lag. So war die Vorschau für 2011 mit What a Optimismus überschrieben. In einer Rückschau auf 2011 stellte das Handelsblatt dann fest, dass die Vorhersagen so verlässlich wie das Horoskop einer Fernsehzeitschrift sind und für 2011 besonders weit daneben lagen.

Für dieses Jahr wird es allerdings schwerer, weil die gefühlte Spanne der Aussichten viel breiter ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit lässt sich also jetzt schon sagen, dass irgend jemand richtig liegen wird. Aber browsen wir doch mal so durch die Websites.

Die Konjunktur steht auf des Messers Schneide” ist scharfsinnig auf Wiwo zu lesen. Der Beitrag von Malte Fischer bringt das aktuelle Dilemma schon gut auf den Punkt. In den Betrieben fühlen sich alle wohl bei vollen Auftragsbüchern, in den Abendnachrichten gruseln sich dann die Manager wenn sie die Wasserstandsmeldungen aus der Schulden- und Bankenkrisenfront sehen.

“Euro-Krise, nervöse Finanzmärkte, stotternde Weltkonjunktur – für viele Unternehmen scheint das kein Thema zu sein. In einer Umfrage, die das Münchner ifo Institut exklusiv für die Wirtschaftswoche unter knapp 600 Unternehmen durchgeführt hat, rechnen zwar 76 Prozent der Befragten 2012 mit einem langsameren Wirtschaftswachstum. Doch nur zwölf Prozent fürchten eine Rezession. So hat sich denn auch das Geschäftsklima im Dezember zum zweiten Mal in Folge aufgehellt. Der Grund für den Optimismus: Die Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren fit gemacht, ihre Kernkompetenzen gestärkt, ihre Produkte verbessert und sich auf die schnell wachsenden Märkte in Schwellenländern wie China und Brasilien fokussiert. Aufträge, Produktion und Beschäftigung sind häufig schon wieder so hoch wie vor der Lehman-Pleite. Die hohen Gewinne haben die Betriebe genutzt, um ihre Finanzen aufzubessern.”

Einen ähnlichen Ton schlägt die FAZ an. Geht es nach dem Autor Hendrik Ankenbrand, dann fällt 2012 der Weltuntergang für Unternehmen wieder aus:

Leiser wird es kommendes Jahr wohl auf jeden Fall, aber die Bänder werden nicht anhalten wie 2009. In Umfragen sagen zwei von drei Familienunternehmern, ihr Geschäft werde auch künftig wachsen. Nur acht Prozent wollen Arbeitsplätze streichen. „Verhalten optimistisch“ nennt das der Verband. „Einen Absturz wie 2008 werden wir nicht sehen“, sagt der Chef des Münchener Forschungsinstituts Ifo, Hans-Werner Sinn. Um drei Prozent dürfte die Wirtschaftsleistung 2011 gewachsen sein, das wird sich 2012 kaum wiederholen lassen.

Der Boom ist erst mal zu Ende, am Donnerstag hat das Finanzministerium eine Konjunkturdelle vorausgesagt: Im Winterhalbjahr gehe es runter. Vor zwei Wochen haben die Forschungsinstitute ihre Prognosen kräftig nach unten korrigiert, weil Europa die Schuldenkrise nicht in den Griff kriegt. Doch im Sommer, glauben Regierung wie Wissenschaft, gehe es wieder aufwärts, für das Gesamtjahr 2012 sagen die meisten Forscher ein Miniwachstum zwischen 0,3 und 1,1 Prozent voraus.”

Für das Handelsblatt haben Christian Schnell und Rolf Benders schon die richtige Überschrift gefunden in “Die Stunde der Wahrsager”. Das werden dann feine Szenarien aufgebaut:

“Kommt es in Europa zum Schlimmsten, einem Auseinanderbrechen des Euros, Bankenzusammenbrüchen und einer tiefen Rezession, dann rechnen Analysten mit einem Crash. „Wir rechnen damit, dass der S&P-500 um 25 Prozent fallen könnte“, so Goldman-Sachs-Stratege David Kostin. Bekommt Europa seine Probleme in den Griff rechnet Optimist Binky Chadha, Stratege bei der Deutschen Bank, mit einem Kursfeuerwerk, das den S&P-500 auf 1 750 Punkte hieven könnte.”

Im Beitrag kommen finden aber auch optimistischere Stimme Gehör:

“Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba, geht lediglich von einem Mini-Abschwung aus. „Die schlechteste konjunkturelle Phase liegt schon hinter uns“, behauptet sie sogar. Im kommenden Jahr rechnet sie bereits wieder mit günstigeren Wachstumsperspektiven. Spätestens ab dem zweiten Quartal dürften demnach die Aktienkurse wieder spürbar anziehen.”

Überhaupt ist das Handelsblatt auch in anderen Beiträgen eher auf Dur gestimmt, so etwa in “Konjunktur 2012 Fünf Gründe für Zuversicht” und Wirtschaftsweiser Franz sieht keine Rezessionsgefahr”.

Gut bedient werden die Apokalyptiker von Spiegel Online. In “Hallo Krise!” bemüht Sebastian Dullien endlich einmal dunkle Szenarien.

“Im kommenden Jahr bekommt die deutsche Wirtschaft die Euro-Krise mit voller Wucht zu spüren. Mit Glück ist noch ein Mini-Wachstum drin – wenn die Dinge schlecht laufen, droht der tiefste Absturz seit Jahrzehnten.”

Die drohende globale Rezession skizziert Dullien so:

“Denkbar sind ein Zahlungsausfall in Griechenland – und ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone. In einem solchen Szenario würde die griechische Regierung die Vorgaben von Internationalem Währungsfonds und EU-Kommission nicht länger akzeptieren, Schuldzahlungen einstellen und eine eigene Währung einführen.

Die Währung würde stark abwerten, und das Geld griechischer Anleger wäre schlagartig weniger wert. Dadurch könnte es eine Kettenreaktion geben: Anleger in Italien und Spanien könnten ähnliche Schritte in den eigenen Ländern fürchten – und ihr Geld aus den Ländern schaffen.

Die Finanzsysteme in immer mehr Ländern kämen unter Druck, und die Regierungen stünden im Extremfall vor der Wahl, das eigene Bankensystem zusammenbrechen zu lassen oder ihrerseits aus dem Euro auszusteigen. Schlimmstenfalls würde in diesem Szenario die Euro-Zone auseinanderbrechen.”

Wem das wiederum Angst einjagt, der klickt einfach weiter auf den Herdentrieb von ZEIT Online. Robert von Heusinger strotzt in “Ich bin ausnahmsweise ganz bei Weidmann” nur so vor Optimismus:

“Nein, keine Rezession, kein Nullwachstum, kein Nullkommawachstum, sondern ein Prozent plus! Klar dazu muss eine ganze Reihe von Annahmen eintreffen. Doch fragen Sie die seriösesten Konjunkturexperten und Sie werden überall hören, wie schwierig es dieses Jahr ist, weil der politische Fortgang der Eurokrise kaum abzuschätzen ist.”

Im weiteren Text erläutert Heusinger seine Annahmen, zu denen auch gehört, dass der EURO beisammen bleibt.

Hm, in der Summe weisen die Prognosen eine ganz ordentliche Bandbreite auf. Ein eindeutig negative oder positive Tendenz lässt sich daraus nicht ableiten. Da fallen mir nur so sinnige Sätze ein, wie: Entweder wird es ein Wirtschaftsjahr voller Überraschungen oder extrem langweilig.

Und habe ich eine eigene Prognose? Nein, natürlich nicht. Ich glaube nicht an volkswirtschaftliche Punktprognosen. Selbst wenn einige Prognostiker manchmal richtig liegen, so halte ich das eher für Zufall. Wenn nämlich in großer Ergebnisspannbreite prognostiziert wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass jemand einen oder mehrere Treffer landet. Tatsächlich sind Konjunkturprognosen aber eher etwas für den Smalltalk, denn Basis für unternehmerische Entscheidungen. Im Mikrokosmos der Unternehmen spielen ganz andere Faktoren eine Rolle. Aber das ist Stoff für einen anderen Beitrag.

Einen Überblick über Prognosen für die deutsche Konjunktur 2012 enthält dieser Beitrag vom Handelsblatt.

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