Aktionäre haben Scheitern der Megafusion zwischen der Deutschen Börse und der NYSE schon gefeiert

by Dirk Elsner on 1. Februar 2012

Es sieht so aus, als sei die vor einem Jahr angekündigte Megafusion zwischen der Deutschen Börse und der New York Stock Exchange gescheitert. Heute sollen sich in Brüssel die 27 EU-Kommissare beraten und entsprechend einer Empfehlung von Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia das Vorhaben stoppen.

Die Ankündigung des Vorhabens wurde vor einem Jahr von den Partnern gefeiert mit den üblichen Leerformeln über Synergiepotenziale, Skaleneffekten, Umsatzsynergien und Cross-Selling Möglichkeiten. Die Wirtschaftspresse ergötzte sich damals an den Superlativen.

Mich überzeugte die damalige Darstellung nicht. Ich schrieb: “Ich habe außer den üblichen Allgemeinplätzen noch kein einziges schlüssiges Argument gelesen, das betriebswirtschaftlich für diesen Zusammenschluss sprechen sollte.” In der Folge zählte ich diverse Argumente für meine Skepsis auf.

Investoren hatten den Zusammenschluss nur im Februar kurz gefeiert und anschließend die Aktie der Deutschen Börse nach Norden gesendet. Erst mit der Ankündigung des Scheiterns der Fusion nahm die Aktie Anfang des Jahres wieder Fahrt auf:

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Tatsächlich scheinen sich eher die vor einem Jahr in dem Beitrag “Macht die Megafusion wirklich Sinn?” angeführten skeptischen Argumente gegen eine solche Mega-Fusion auch am Markt durchgesetzt zu haben. Das Wall Street Journal Deutschland schreibt in dem Beitrag “Deutsche Börse: Auch ohne Fusion gut aufgestellt” über die ausbleibenden Vorteile bisherige Zusammenschlüsse:

“Die unter dem NYSE-Dach stehenden Börsen in Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon sind nur noch ein Schatten früherer Tage – was einige auch als Menetekel für die Deutsche Börse befürchtet hatten. Die skandinavischen Börsen blühen unter dem Mantel der Nasdaq nicht auf und auch die Londoner Börse verbreitet mit ihrer Konzentration auf das immer weniger profitable Aktiengeschäft wenig Schrecken.”

Und plötzlich findet man, dass die Deutsche Börse ja eigentlich auch so ganz gut aufgestellt ist. Das WSJD hält dazu fest:

“Sie bieten ihren Kunden die gesamte Wertschöpfungskette des Börsengeschäfts vom Handel über die Abwicklung bis zur Verwahrung. Mit der Eurex gehört dem Konzern die größte europäische Derivatebörse. Die dort getätigten Absicherungsgeschäfte mit Optionen und Futures zählen zu den gewinnträchtigsten für die Börsen und gelten deshalb als wichtigster Zukunftsmarkt.

Mit der Tochter Clearstream ist die Deutsche Börse im Nachhandelsbereich bereits sehr erfolgreich. Europas größter Dienstleister seiner Art wickelt täglich über 250.000 Transaktionen ab und verwahrt Kundenvermögen im Wert von rund elf Billionen Euro. An der extrem profitablen Clearstream zeigt sich auch, wie sehr das Geschäft schon jetzt global ausgreift. Der größte Teil ihrer Erträge wird international erzielt, davon wiederum rund ein Fünftel in Asien.”

Auch bei der Deutschen Börse selbst meinten Beobachter zu sehen, dass der Elan der Ankündigung vor einem Jahr nachgelassen hat (siehe Handelsblatt: Eine Fusion, über die der Chef nicht spricht). Offiziell werben Deutsche Börse und Nyse natürlich noch für Fusion. Aber selbst der Chef der New Yorker Börse Duncan Niederauer rechnet nicht mehr damit, dass die EU dem Deal zustimmt.

Abschließend noch ein Lesehinweis, der die ökonomische Logik von Fusionen hinterfragt und den Blick auf das Eigeninteresse des Managements lenkt:

NZZ: Was steht hinter der ökonomischen Logik von Fusionen? Vom Eigeninteresse des Managements bei Unternehmenszusammenschlüssen (15.6.1999): In der Diskussion über Fusionen wird oft über deren betriebswirtschaftliche Gründe nachgedacht, und es werden die volkswirtschaftlichen Vor- und Nachteile erwogen. Der Autor des vorliegenden Artikels befasst sich mit einem zumeist vernachlässigten Aspekt: dem Eigeninteresse des Managements. Die Unternehmensführung hat einen Anreiz, private Informationen über die Erfolgsaussichten einer Fusion strategisch für ihre Ziele einzusetzen. Entsprechende Informationen seitens des Managements sind demzufolge mit Vorsicht zu geniessen.

Nachtrag vom 1.2.2012

Mittlerweile ist der Beschluss der EU-Kommission auch amtlich. Die Deutsche Börse informiert dazu in einer Pressemeldung. Darin schreibt sie u.a.:

„Die EU-Kommission hat heute mitgeteilt, dass sie den angestrebten Zusammenschluss von Deutsche Börse AG und NYSE Euronext untersagt, weil sie diesen unter Zugrundelegung ihrer Marktabgrenzung im Bereich des Derivatehandels für wettbewerbsrechtlich unzulässig erachtet. … Die Entscheidung der EU-Kommission basiert auf einer realitätsfremden verengten Marktdefinition, die der globalen Natur des Wettbewerbs im Derivatemarkt nicht gerecht wird. Zudem wird der außerbörsliche (OTC-) Derivatemarkt als der größte Teil des Marktes komplett ausgegrenzt. Wir halten die Entscheidung daher für falsch. Sie ist inkonsistent und steht im Widerspruch zu dem gleichzeitig von der Kommission verfolgten Ziel zur Ausweitung der Finanzmarktregulierung auf den OTC-Derivatemarkt. Die Entscheidung der EU-Kommission steht auch im Gegensatz zu der in den USA bereits im Jahr 2007 vorgenommenen Beurteilung des Derivatemarkts. Dort durften sich die beiden Chicagoer Unternehmen CME und CBOT zu der größten global agierenden Derivatebörse zusammenschließen.“

 

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